Der russische Regierungskritiker und Pussy-Riot-Aktivist Pjotr Wersilow ist nach Einschätzung von Ärzten der Berliner Charité vermutlich vergiftet worden. Es gebe eine "hohe Plausibilität" dafür und zugleich keinen Anhaltspunkt, dass eine andere Erklärung vorliegen könnte, sagte der behandelnde Arzt Kai-Uwe Eckardt in Berlin. Wersilow sei weiterhin in einem Zustand, der einer intensiven medizinischen Betreuung bedürfe. Er befinde sich aber nicht in Lebensgefahr. "Der kritische Zustand hat sich deutlich gebessert", sagte Eckardt. Die Ärzte gehen davon aus, dass Wersilows vollständig geheilt werden könne.

Pussy Riot - Russischer Regierungskritiker wurde vermutlich vergiftet Die Berliner Charité geht davon aus, dass der Pussy-Riot-Aktivist Pjotr Wersilow vergiftet worden ist. Er sei außer Lebensgefahr, benötige aber intensive medizinische Betreuung. © Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Der 30-jährige Patient leide unter einem so genannten anticholinergen Syndrom, das eine "Überaktivierung des vegetativen Nervensystems" hervorrufe. Dies führe zu geweiteten Pupillen, hohem Blutdruck, trockener Haut, trockenen Schleimhäuten und einer erhöhten Temperatur. "Alle diese Symptome sind zum Teil in abgeschwächter Form auch jetzt noch nachweisbar", sagte Eckard. Es gebe Hinweise auf die Substanzklasse, die dieses Krankheitsbild hervorgerufen haben könnte. Ein konkretes Gift konnten die Ärzte aber nicht nachweisen. Die Substanz müsse aber in einer hohen Dosis verabreicht worden sein. 

Das Gift lässt sich vermutlich nicht mehr bestimmen

Es gebe "eine unglaubliche Vielzahl an Substanzen, die letztlich zu diesem Bild führen können", sagte Eckardt. Seit dem Auftreten der ersten Symptome sei knapp eine Woche vergangen. Damit seien die Chancen, noch etwas nachzuweisen, "nicht besonders hoch", sagte Eckardt. Es komme eine Vielzahl von Wirkstoffen infrage, die in Medikamente und Pflanzen vorkämen, aber auch für Drogen verwendet würden.

Dass Wersilow ein Drogenproblem habe, hielten die Ärzte wiederum für unwahrscheinlich. "Wir haben keine Hinweise, dass es sich um ein Drogenproblem handelt", sagte der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl.

Wersilow war am Samstagabend mit einem Ambulanzflugzeug nach Berlin geflogen worden und liegt seitdem in der Charité. Am Dienstag vergangener Woche war er in Moskau in eine Klinik gebracht worden, nachdem er nach Angaben seiner Freundin Weronika Nikulschina plötzlich nichts mehr gesehen hatte sowie nicht mehr hatte sprechen und laufen können. Die Symptome setzten ein, nachdem Wersilow in einem Gericht in Moskau etwas gegessen habe. 

Protest in Polizeiuniform während der Fußball-WM

Seine Freunde äußerten die Vermutung, dass er vergiftet worden sei. Auch die Ärzte in Moskau seien offensichtlich von einer Vergiftung ausgegangen, sagte Charité-Arzt Einhäupl. Sie hätten Wersilow den Magen entleert und eine Dialyse durchgeführt, als er dort in die Klinik gekommen sei.

Wersilow war beim Finale der Fußballweltmeisterschaft in Moskau mit drei anderen Pussy-Riot-Aktivisten in Polizeiuniform auf das Spielfeld gerannt. Sie wollten damit gegen Polizeigewalt und -willkür in dem Land protestieren. Sie wurden zu wochenlangen Arreststrafen verurteilt. 

Wersilow ist eng mit der Punkband Pussy Riot verbunden. Seine Ex-Partnerin Nadeschda Tolokonnikowa ist Mitglied der Gruppe. Wersilow ist auch Herausgeber des regierungskritischen Onlinedienstes Mediazona, das sich mit Verstößen gegen die Menschenrechte im russischen Strafvollzug beschäftigt.