In der Kleinstadt Köthen im Bundesland Sachsen-Anhalt stirbt ein 22-jähriger Mann, als er einen Streit schlichten will. Später stellt sich heraus, dass die Todesursache ein Herzinfarkt war. Dennoch wird gegen zwei Männer ermittelt und rechte Gruppierungen nutzen den Vorfall, um auch in Köthen auf die Straße zu gehen.

Was geschah in der Nacht vom 8. auf den 9. September?

Am späten Samstagabend des 8. September stirbt in Köthen in Sachsen-Anhalt der 22-jährige Markus B. Der Mann war schwer herzkrank, die Todesursache war ein Infarkt. Dies haben die Ermittlerinnen und Ermittler einwandfrei festgestellt: "Es hätte bei ihm jederzeit zu einem Herzinfarkt kommen können", sagte Rechtsmediziner Rüdiger Lessig vom Uniklinikum Halle. Markus B. habe eine schwerwiegende Fehlbildung des Herzens gehabt. Man spreche in so einem Fall von einem versagensbereiten Herzen.

Den Ermittlern zufolge hatte sich Markus B. schlichtend in eine bereits laufende Auseinandersetzung von mehreren afghanischen Staatsbürgern eingemischt. Die Rede ist von mindestens zwei beteiligten Deutschen sowie mindestens zwei Afghanen. Markus B. sei durch einen Schlag ins Gesicht zu Boden gegangen und habe dann einen Infarkt erlitten.

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Wer sind die Männer in Untersuchungshaft?

Zwei Verdächtige sitzen wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Untersuchungshaft. Noch am Tatsonntag hatte der Richter Haftbefehl gegen einen 18-jährigen und einen 20-jährigen Mann erlassen.

Am Montag, den 10. September, sagten Innenminister Holger Stahlknecht und Justizministerin Anne-Marie Keding, der 20-Jährige sollte nach Afghanistan gebracht werden. Zwei Tage vor dem Tod des Markus B. sei der Abschiebung von der Staatsanwaltschaft zugestimmt worden. Bereits im April 2018 habe die Ausländerbehörde bei der Staatsanwaltschaft die Abschiebung des Mannes beantragt. Diese sei jedoch abgelehnt worden, weil gegen den Mann unter anderem ein Ermittlungsverfahren wegen gefährlicher Körperverletzung anhängig gewesen sei. Ende August hat der Landkreis Anhalt-Bitterfeld nach Angaben der Ermittlerinnen und Ermittler einen weiteren Antrag auf Abschiebung gestellt, den die Staatsanwaltschaft wenige Tage vor dem Tod von Markus B. genehmigt hatte. Dieser Beschluss sei nun wegen der neuen Ermittlungen wieder hinfällig.

Der zweite Tatverdächtige habe eine gültige Aufenthaltsgenehmigung, sagte Stahlknecht.

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Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, Horst Nopens, sagte am 12. September, es hätten sich bislang keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass der Mann zu Tode geschlagen oder getreten worden sei. Ob vor diesem Hintergrund überhaupt jemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könnte, sei derzeit Teil der Ermittlungen.

Unter anderem konzentrierten sich die Ermittlungen auf die Aussagen der Zeugen aus der Tatnacht. Explizit nannte Nopens dabei auch eine Audiodatei, die den Ermittlern vorliege und deren Verfasserin vernommen werden konnte. Die Aufnahme war über soziale Medien verbreitet worden, die AfD hatte der Landesregierung vorgeworfen, die Öffentlichkeit nicht korrekt über den Fall zu informieren. Nopens sagte daraufhin vor Journalisten: "Die Audiodatei ist uns mitnichten egal."  

Auf der Aufnahme ist eine Frau zu hören, die einen anderen Tatverlauf schildert, als jenen, der öffentlich bekannt ist. Sie sagt, Markus B. habe bei der Auseinandersetzung massive Tritte gegen Kopf und Bauch erlitten. Laut Nopens habe die Frau bei einer späteren Vernehmung ihre Schilderungen jedoch "massiv relativiert". Zwar ließ der Oberstaatsanwalt offen, welche Punkte die Frau korrigierte. Er sagte aber, die Schilderungen seien jetzt besser mit anderen Erkenntnissen in Einklang zu bringen.

Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad sagte, es sei nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft, einzelne Beweismittel isoliert gegenüber den Medien zu bewerten. Erst zum Abschluss der Ermittlungen könne es eine Gesamtschau der Beweismittel geben. Vorwürfe, dass die Staatsanwaltschaft nachlässig ermittele, wies er zurück.

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Warum gibt es rechte Proteste in Köthen?

Seit dem Tod des Markus B. gab es mehrere Demonstrationen in Köthen. Bei der ersten Spontandemo waren laut Verfassungsschutz rund 500 Rechtsextreme unter den 2.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Anwesend war unter anderem der Chef des Thüringer Pegida-Ablegers Thügida, David Köckert. Er sprach an dem Abend unter anderem vom "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk". Die Polizei ermittelt wegen Volksverhetzung.

Eine Woche später, am Sonntag, den 16. September, gab es in Köthen die dritte rechtsgerichtete Demonstration. Dazu aufgerufen hatte das Bündnis Zukunft Heimat aus Brandenburg, das gemeinsam mit Pegida und weiteren Gruppierungen die Demonstration auch organisiert hatte. Die Polizei ermittelt auch in diesem Fall: Auf der Rückreise von Köthen seien im Magdeburger Hauptbahnhof aus einer Gruppe von 23 Menschen heraus rechte Parolen skandiert, ein Böller gezündet und mehrere Straftaten wie Körperverletzung begangen worden, teilte die Bundespolizei mit.

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Wie reagiert die Stadt Köthen auf den Vorfall?

Für Oberbürgermeister Bernd Hauschild war bereits Stunden nach dem Tod von Markus B. klar, dass Köthen kein zweites Chemnitz werden sollte. Hauschild reagierte schnell, lud am Nachmittag in den Ratssaal der Stadt, die rund 26.000 Bewohnerinnen und Bewohner hat. Auch ein Gedenkgottesdienst fand noch am selben Tag statt. Rund 300 Menschen nahmen daran teil – und sammelten Spenden für die Familie von Markus B., damit diese die Beerdigung finanzieren kann.

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Welche Falschmeldungen kursieren?

Stunden nach dem Tod von Markus B. kursierte die Nachricht, dass der Täter mit einem Messer zugestochen habe. Doch das Gerücht hielt sich nicht lange: Laut Staatsanwaltschaft war kein Messer im Spiel, das Opfer starb an Herzversagen.

Vier Tage nach dem Tod von Markus B. sahen sich die Ermittlerinnen und Ermittler genötigt, wegen der vielen Spekulationen zu dem Fall "ein paar Sachen klar- und richtigzustellen". Unter anderem kam dabei auch die oben genannte Audiodatei zur Sprache (siehe: "Wie ist der Stand der Ermittlungen?"), die auf sozialen Netzwerken verbreitet worden war.

Auch der Vorwurf der AfD, dass die Ermittlungsbehörden versuchten, etwas zu vertuschen, konnte von der Partei nicht lange aufrechterhalten werden. Am Mittwoch nach dem Tod von Markus B. musste der AfD-Landtagsabgeordnete Hannes Loth einräumen, dass seine Kritik übertrieben war. Die Behörden verhielten sich korrekt, sagte er.

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