"Deutscher von Ausländern abgestochen", ruft ein Junge, und prompt rennt eine Gruppe älterer Herren mit Deutschlandflaggen um die Straßenecke. "Es geht wieder los", rufen sie. So beginnt ein Video mit dem Titel Volksfest in Sachsen des Bloggers Christian Brandes alias Schlecky Silberstein. Er befasst sich darin satirisch mit den Protesten rechter Gruppe nach dem Todesfall in Chemnitz. Der Hutbürger der Anti-Merkel-Demo aus Dresden taucht darin genauso auf wie das viel diskutierte Chemnitz-Video, dessen Authentizität Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen angezweifelt hatte. Auch ein nachgebauter AfD-Stand ist zu sehen, an dem Beitrittsformulare an klischeehafte Skinheads verteilt werden.

Das Video wurde in Berlin-Lichtenberg gedreht. Nach Angaben des SWR, der das Video für die Sendung Bohemian Browser Ballett der Jugendsparte Funk produzierte, wurden die Anwohner vor dem Dreh informiert. Dennoch seien Anwohner gekommen, "die Verdacht schöpften, wir wollten eine gefakte Nazidemo in Berlin inszenieren", schreibt Brandes in seinem Blog.

"Es ist unfassbar, zu welchen Mitteln gegriffen wird, um die AfD zu diskreditieren"

Kurz nach dem Dreh veröffentlichte die AfD ein Video, in dem behauptet wird, Brandes hätte mit seinem Team eine rechte Demonstration nachgestellt, um sie als echte Veranstaltung auszustrahlen. Dabei stützte sie sich auf die Behauptung, dass die Vorfälle in Chemnitz wie das Zeigen von Hitlergrüßen oder Hetzjagden auf Ausländer von linken Aktivisten oder den Medien inszeniert sein sollen.

In dem Video äußern sich der AfD-Bundestagsabgeordnete Dirk Spaniel und Karsten Woldeit, der im Lichtenberger AfD-Vorstand sitzt. "Es ist unfassbar, zu welchen Mitteln gegriffen wird, um die AfD zu diskreditieren", sagt Woldeit in dem Clip. Spaniel sagt, andere Parteien würden das Video als politisches Mittel gegen die AfD nutzen. Dass es sich bei dem Beitrag um Satire handelt, sagt die AfD nicht.

Unter dem Video riefen Nutzerinnen und Nutzer schnell dazu auf, die Privatadresse von Brandes und seinen Mitarbeitern herauszufinden und zu veröffentlichen. Schließlich drehte Frank-Christian Hansel, der für die AfD im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, mit einem Kameramann vor der Haustür von Brandes' Firmenpartner und filmte dabei dessen Klingelschild. Aufgrund seines vermeintlich jüdisch klingenden Namens wurde Brandes' Partner bald darauf antisemitisch bedroht. In weiteren Videos wird zudem der Standort von Brandes' Büro gezeigt und implizit zu Gewalttaten gegen ihn und seine Familie aufgerufen.

Die Redakteurin Melanie Gömmel und der Blogger Christian Brandes während der Internetkonferenz re:publica im Mai in Berlin © Britta Pedersen/dpa

Brandes warnt vor Machtübernahme autokratischer Parteien

Brandes äußert sich zu dem Vorfall ausführlich in seinem Blog. Ihm zufolge "gehören gerade Attacken auf Künstler und Journalisten zum kleinen Einmaleins der Autokratie". Er warnt vor einer möglichen Machtübernahme von autokratischen Parteien und der damit einhergehenden Einschränkung der Kunst- und Pressefreiheit. Der Blogger verweist hier auf Polen und Ungarn.

Auch wenn die Kritik an Flüchtlingen und konservative Positionen legitim seien, so Brandes, "wer Künstler und Journalisten bedroht und in den eigenen Kommentarspalten toleriert, dass Medienschaffende und ihre Familien dem Mob präsentiert werden, der kann keine Alternative sein".