Nach Bekanntwerden der Ergebnisse aus der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) Reformen gefordert. "Wir brauchen eine ehrliche und umfassende Aufarbeitung in der Kirche", sagte Giffey in Berlin. "Menschen, die so etwas tun, haben in keinem Amt der Kirche etwas zu suchen." Weiter sagte sie, die Kirche müsse eine Vereinbarung schließen, dass "alle Ebenen daran arbeiten", dass diese Menschen nicht weiter ihr Unwesen treiben könnten. Giffey äußerte sich auf einem Kongress mit Betroffenen von sexueller Gewalt in Berlin, der noch bis Samstag andauert.

Zuvor war bekannt geworden, dass auch viele Kleriker mit Leitungsfunktion Kinder missbraucht haben sollen. Laut der Missbrauchsstudie, die der ZEIT vollständig vorliegt, hatten von 1.670 Beschuldigten 164 (9,6 Prozent) zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens ein höheres Kirchenamt inne. 36 der Beschuldigten (2,2 Prozent) bekleideten ein solches Amt vor und nach der angeschuldigten Ersttat.

"Wir brauchen eine radikale Form der Selbstkritik im Blick auf die Institution", sagte der Passauer Bischof Stefan Oster in einer Videobotschaft. Ausdrücklich würdigte der Jugendbischof den "großen Mut" Betroffener, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Die Kirche werde sich nun auch der Diskussion um Themen wie eine Änderung der Sexualmoral oder der Abschaffung des Zölibats stellen müssen. Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck kündigte in einem Brief an die Kirchengemeinden des Bistums an, sich allen kritischen Fragen zu stellen.

"Beschämend, dass nachweislich vertuscht wurde"

Auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch wandte sich mit einem Brief an die Gemeinden seiner Diözese. Die vorab bekannt gewordenen Ergebnisse der Studie böten "Anlass zu Unruhe und Ärgernis". Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick sagte: "Wir sind beschämt und erschüttert." Der Umgang mit Missbrauch ist nach den Worten des Würzburger Bischofs Franz Jung in den vergangenen Tagen auch beim Einführungskurs für neue Bischöfe in Rom angesprochen worden.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki nannte es beschämend, dass die Kirche solche Taten zugelassen habe und "dass nachweislich vertuscht wurde, weil man den Ruf der Institution über das Wohl des Einzelnen gestellt hat". Dem wolle er entgegentreten.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) mahnte strukturelle Änderungen an. So gelte es etwa, Frauen stärker einzubinden, sagte Präsident Thomas Sternberg dem Deutschlandfunk. Die Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), Lisi Maier, machte in der Zeitung Die Welt "Männerbünde" innerhalb der katholischen Kirche für Mängel bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals verantwortlich.  

Zuvor hatten sich Betroffene von sexueller Gewalt selbst geäußert. Der Sprecher der Initiative Ending Clergy Abuse (ECA), Peter Isely, verlangte mit Blick auf die katholische Kirche erneut eine Null-Toleranz-Strategie beim Umgang mit übergriffigen Priestern. Diese Null-Toleranz müsse auch für Bischöfe gelten, die Missbrauchsfälle vertuschten. Er sprach sich weiter für eine weltweite Aufarbeitung durch unabhängige Kommissionen aus. Zudem müssten die Namen von durch Missbrauch straffällig gewordener Priester öffentlich zugänglich sein.