Freiwillige Feuerwehr, Fußballverein, Nachbarschaftshilfe: In Deutschland gibt es so viele eingetragene Vereine wie noch nie. Im Jahr 2017 waren es mehr als 600.000. Doch sie sind sehr unterschiedlich verteilt: In den Städten wächst ihre Zahl stark, auf dem Land dagegen nicht. 15.547 Vereine haben sich seit 2006 im ländlichen Raum aufgelöst. Und nicht überall werden gleich viele neue Vereine gegründet. In Brandenburg sinkt die absolute Zahl der Vereine sogar. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des ZiviZ ("Zivilgesellschaft in Zahlen"), die ZEIT ONLINE exklusiv vorliegt.

Fast jeder zweite Mensch in Deutschland ist Mitglied eines Vereins. Das Recht, einen Verein zu gründen, ist sogar im Grundgesetz verankert. Es ist zwar kein grundsätzliches Problem, wenn sich Vereine auflösen – wenn niemand mehr kegeln möchte, wird der Kegelverein auch nicht vermisst. "Aber viele schließen nicht, weil ihr Thema überholt ist", sagt Holger Krimmer, Geschäftsführer des ZiviZ. Die Studie hat er im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative digital.engagiert von Amazon und Stifterverband erstellt. Krimmer sagt, in ländlichen Regionen fänden selbst die Freiwillige Feuerwehr und Sportvereine zu wenig Engagierte. Und die Ehrenamtlichen, die noch da sind, gäben oft auf, weil ihnen die Bürokratie zu viel wird und sie zu wenig vom eigentlichen Vereinsleben haben.

Gerade auf dem Land seien Vereine jedoch oft die einzigen Strukturen, die gesellschaftlichen Zusammenhalt organisierten, heißt es in der Studie, die Krimmer mit Kollegen verfasst hat: "In Vereinen geht es um mehr als um Geselligkeit", schreiben die Autoren. Der Sportverein, der Bibliotheksbus oder eine Tafel kümmern sich um eine bessere Gesundheit und Bildung der Menschen. Doch die Studie sieht diese Angebote in vielen ländlichen Regionen in Gefahr, vor allem dort, wo viele Alte oder nur noch wenige Menschen leben. Dabei sind sie am meisten darauf angewiesen.  

Eine Maßnahme wäre laut der Studie: Die Vereine auf dem Land sollen sich digitalisieren. Da gehe es oft um ganz grundlegende Dinge, sagt Krimmer: Der Vorstand kommuniziert per E-Mail-Verteiler oder hält eine Sitzung als Videokonferenz ab und erspart den Ehrenamtlichen die weite Anfahrt über die Dörfer. Der nächste Schritt wäre, online um Mitglieder und Spenden zu werben, mit einer eigenen Website etwa. Das eigentliche Vereinsleben kann aber in den meisten Fällen nicht online stattfinden, sagt Krimmer – das wäre meist auch wenig sinnvoll.

Probe per Videoanruf?

Ein kleines Orchester hat aber sogar das vor. Das rheinhessische Salonorchester stand kurz vor seiner Auflösung. Der Leiter, Thomas Rhein, schrieb Musiker in Foren an und hörte immer öfter: Proben in Mainz-Laubenheim? Das sei viel zu weit weg. Deshalb fasste er einen Plan: Ein virtueller Probenraum müsse her, eine Art Videokonferenz, in der die Musikerinnen und Musiker gemeinsam üben können, bis sie sich für Generalprobe und natürlich zum Auftritt treffen. Noch ist das allerdings bloß ein Plan, denn eine solche Software ist nicht nur teuer, sondern braucht auch sehr schnelles Internet. Rhein hat mittlerweile  dafür gesorgt, dass sein Salonorchester nicht nur eine Homepage hat, sondern auch ein digitales Notenarchiv. Und, so hofft er, in Zukunft könnten die auch auf elektronischen Notenpulten angezeigt werden – wenn dafür genug Geld in der Vereinskasse ist. 

Was die Studie auch feststellt: In Großstädten werden zwar ebenfalls viele Vereine aufgelöst, aber auch besonders viele neue Vereine gegründet. In Berlin werden fast täglich zwei neue Vereine eingetragen. Während also immer mehr Menschen vom Land in die Städte ziehen, machen auch die Vereine in manchen Regionen eine Art Landflucht durch. Ein Blick auf die Karte zeigt außerdem, dass sich die Zahl der Vereine in den ländlichen Gegenden ganz unterschiedlich entwickelt. Die Autoren kommen zu dem Schluss: Von einem Vereinssterben in ganz Deutschland könne keinesfalls gesprochen werden.

Daten zum Thema : Werden in Ihrer Region mehr Vereine gegründet oder aufgelöst?

In der Stadt unterscheidet sich die Mischung der Vereine von der im ländlichen Raum: Neben Sport- und Freizeitvereinen und solchen zum Katastrophenschutz gibt es in der Stadt mehr Naturschutzvereine und solche, die wohlfahrtsstaatliche Aufgaben wahrnehmen (zum Beispiel Tafeln) und Verbraucherinteressen vertreten.

Man sehe auch, wie sehr sich die Haltung der Menschen zu ihren Vereinen verändert habe, sagt Krimmer. "Früher hat ein Verein viel stärker das Leben seiner Mitglieder geprägt." So seien viele Menschen in den Sechzigerjahren als Jugendliche Mitglied im Sportverein oder im Schützenverein geworden und manche seien heute noch im Vorstand. "Wir wissen aus der Engagementforschung: Es ging um das Vereinsleben an sich." Heute seien viele Vereine eher Instrumente, sagt Krimmer: "Ganz unterschiedliche Menschen schließen sich zusammen, weil sie ein gemeinsames Ziel haben." Umweltschutz, zum Beispiel, oder sie treten dem Förderverein einer Schule bei.