Zehntausende Menschen haben in Chemnitz auf einem Open-Air-Konzert ein Zeichen gegen Rassismus, Fremdenhass und Gewalt gesetzt. Mehrere Musiker und Bands, darunter K.I.Z., Casper, Die Toten Hosen, Marteria und Kraftklub, traten unter dem Motto #wirsindmehr auf. Die Stadt schätzte die Zahl der Besucher auf rund 65.000. Die Polizei meldete während des Konzerts keine größeren Vorkommnisse. Sie war mit einem verstärkten Aufgebot im Einsatz und erhielt Unterstützung von Beamten aus Berlin, Bremen, Thüringen und weiteren Bundesländern.

Das Gratis-Konzert endete mit dem Auftritt der Toten Hosen. Im Anschluss verließen die Besucher zügig das Veranstaltungsgelände. Die Polizei meldete auf Twitter, "einige Personen" würden sich im Bereich des Gedenkortes für den vor gut einer Woche getöteten Daniel H. "nicht friedlich" verhalten und kündigte die Entsendung weiterer Sicherheitskräfte an. Einige Rechte störten sich an linken Demonstranten, deren Sprechchöre zu hören waren. Die Polizei trennte die Lager und drohte am Abend mit der Räumung des Platzes, wozu es aber nicht kam. Die Situation hatte am Nachmittag ihren Anfang genommen, als zwei Personen ein Banner gegen das Konzert an einem Monument in der Nähe des Gedenkorts aufgehängt hatten.

Das Konzert begann am Nachmittag gegen 17 Uhr mit einer Schweigeminute für den 35-jährigen Daniel H., der am Rande eines Stadtfestes in Chemnitz durch Messerstiche getötet worden war. Als Tatverdächtige sitzen ein Iraker und ein Syrer in Untersuchungshaft. Nach dem Tötungsdelikt war es in Chemnitz wiederholt zu Demonstrationen rechter Gruppierungen gekommen, bei denen es zu Beleidigungen und Angriffen auf Menschen kam, die für Ausländer gehalten wurden.

"Zeigen, dass man nicht allein ist"

Die beteiligten Musiker forderten Unterstützung für diejenigen Menschen, die sich tagtäglich gegen rechts engagieren, sowie Solidarität mit jenen, die nach dem Tod von Daniel H. angegriffen wurden. "Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet", sagte der Sänger der Chemnitzer Band Kraftklub, Felix Brummer, vor Beginn des Open Air. Das Problem Rechtsextremismus werde "leider morgen nicht weg sein". Aber manchmal sei es "wichtig, zu zeigen, dass man nicht allein ist", sagte Brummer.

Der Sänger Campino von den Toten Hosen sagte, es gehe bei dem Konzert nicht nur darum, Musik zu hören, sondern sich "solidarisch zu erklären mit denen, die hier bleiben, die den Kampf jeden Tag durchziehen". "Alles, was Anstand hat", müsse sich gegen den rechten Mob stellen.

Der Rostocker Rapper Marteria alias Marten Laciny sagte, die Situation in Chemnitz erinnere ihn an die Ausschreitungen gegen ein Asylbewerberheim in seiner Heimatstadt vor 26 Jahren. Im August 1992 hatten Hunderte Gewalttäter mit Steinen, Molotowcocktails und Feuerwerkskörpern eine Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen angegriffen. Schaulustige bekundeten damals offen Sympathie für die Angreifer, die Polizei schaffte es nicht, der Lage Herr zu werden. "Bei mir sitzt das sehr tief, was hier passiert ist", sagte Marteria über die Auseinandersetzungen in Chemnitz in den vergangenen Tagen. Es gehe ihm mit seinem Auftritt "um die Leute in Sachsen, die nicht so denken, die für Vielfalt und für verschiedene Kulturen stehen".

Monchi von der Band Feine Sahne Fischfilet sagte, man müsse sich entgegenstellen, "wenn so ein rassistischer Mob einen Mord instrumentalisiert", und sich mit den Leuten solidarisieren, "die sich in solchen Situationen gerade machen". Vor dem Konzert hatte es Kritik am Auftritt der Punkband gegeben, weil sie in einem Lied Gewalt gegen Polizisten besungen hatte. Zeitweise hatte der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern Feine Sahne Fischfilet wegen "linksextremistischen Bestrebungen" im Blick, seit Längerem aber nicht mehr. "Wenn man sich gegen Faschismus ausspricht und gegen Rassismus auf die Straße geht, ist man nicht gleich ein Linksextremist", sagte Monchi.

Spenden an Angehörige von Daniel H. und Initiativen

Bei dem Konzert sollen auch Spenden gesammelt werden, die jeweils zur Hälfte an die Familie des getöteten Daniel H. und an antirassistische Initiativen in Sachsen gehen sollen, sagte Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderung. 

In sozialen Netzwerken hatten rechte Aktivisten vor dem Konzert diskutiert, wie mit dem Großevent umzugehen sei. Während manche "zu Hause bleiben" und "das Konzert besuchen" als Optionen nannten, rief das AfD-Mitglied Leyla Bilge dazu auf, die Veranstaltung bei Facebook derart mit Zusagen zu fluten, dass die Veranstalter zu einer Absage gezwungen wären. Die rechtspopulistische Bewegung Pro Chemnitz und das ausländer- und islamfeindliche Bündnis Thügida hatten zu Aufmärschen aufgerufen. Beide Versammlungen waren allerdings von der Versammlungsbehörde verboten worden. Thügida hatte laut eigener Aussage erfolglos gegen den Verbotsbescheid geklagt. Kommentare bei Facebook zeugen von einer verwirrenden Suche einiger Anhänger nach dem Versammlungsort.

Pro Chemnitz hatte das Verbot offenbar akzeptiert. Stattdessen hatte der Fraktionsvorsitzende Martin Kohlmann zu einer "kritischen Teilnahme" am Konzert aufgerufen. Bis zum Abend waren allerdings keine größer angelegten Störversuche bekannt geworden. Zwar konnte man immer wieder vereinzelte Gruppen in szenetypischer Kleidung beobachten, ihre Zahl war verglichen mit den Zehntausenden übrigen Konzertteilnehmern allerdings gering.