Für die Serie "Heimatreporter" besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, in denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18.

© ZEIT ONLINE

Mit der Regionalbahn sind es von München bis Pfarrkirchen zwei Stunden nach Nordosten. Man fährt durch Funklöcher, vorbei an Dorfkirchen und Hügeln mit Maisfeldern. Die Stadt ist sauber ausgefegt, pastellfarbene Fassaden reihen sich aneinander, die Grundstücke sind geradlinig getrennt, die Rasen gewässert und gemäht wie im Baumarktprospekt. Hundebesitzer sammeln den Kot ihrer Tiere ein und der Marco mit der orangen Warnweste liest Zigarettenkippen auf. "Basst scho" sagt man hier im bayerischen Hinterland zu allem, passt schon. Nichts ist herausragend, nichts ist wirklich schlecht, eigentlich ist es sogar ganz gut.

Doch eine Unzufriedenheit hat den Ort erfasst und gespalten. Zwischen den Einfamilienhäusern mit Doppelgaragen passt etwas nicht mehr zusammen. Die AfD ist stark geworden.

Noch vor drei Jahren feierte Pfarrkirchen die Eröffnung einer Fachhochschule, deren Name so groß klingt wie der mit ihr verbundene Traum: European Campus. Studierende aus 70 verschiedenen Ländern kamen in die Kleinstadt im Landkreis Rottal-Inn. Pfarrkirchen, 12.000 Einwohner, wächst seither, anders als viele andere Kleinstädte im ländlichen Raum.

Ausgerechnet hier wächst aber auch eine Protest- und Anti-Einwanderungspartei. Im Herbst 2017 gingen bei der Bundestagswahl in Pfarrkirchen 16,3 Prozent der Stimmen an die AfD. In den Dörfern im Umland waren es zum Teil mehr als 20 Prozent – jeder Fünfte. Die AfD wurde im Landkreis zweitstärkste Partei nach der CSU, die bis dahin jahrzehntelang jede Wahl gewonnen hatte.  

Ressentiments wurden sichtbar. Vor sieben Jahren schloss das Gasthaus Goaßhütt'n, das Geschäft lief nicht mehr, einen Nachfolger gab es nicht, das Gebäude stand jahrelang leer. Im Februar 2015 mietete ein deutsch-arabischer Kulturverein die Räume. Er tat das ganz unauffällig, kein Schild weist auf die neuen Mieter hin. Doch im Juni 2017 hing plötzlich ein Schweinskopf über der Tür des Vereins.

Fassaden in Pfarrkirchen, oft pastellfarben © Simon Koy für ZEIT ONLINE

Woher kommt in dieser Stadt, der es so gut geht und die sich weltoffen gibt, eine solch demonstrative Ablehnung von Unvertrautem? Warum ist im sauberen Pfarrkirchen die AfD so erfolgreich?

Ein Besuch beim Bürgermeister Wolfgang Beißmann, CSU, ein pragmatischer Mann mit Dreitagebart. Beißmann schält sich aus einem Feuerschutzanzug, dann streift er sich ein weißes Hemd über. Er ist in der Freiwilligen Feuerwehr, gerade kommt er von einem Einsatz. So macht er es immer: Wenn es brennt, dann lässt er alle Regierungsgeschäfte im Rathaus liegen. Dann müssen Gäste, Kollegen und Reporter im Vorraum warten. 

Wolfgang Beißmann, der Bürgermeister, sagt, die Politik müsse mehr für die Bürger da sein. © Simon Koy/Vanessa Vu für ZEIT ONLINE

Die einen bewundern den CSU-Mann dafür, die anderen finden, Bürgermeister sollten andere Prioritäten setzen. Beißmann aber ist überzeugt, man müsse als Bürgermeister "für die Menschen da sein". Auch er hat sich über den AfD-Erfolg in Pfarrkirchen Gedanken gemacht. "Teile der Bevölkerung haben sich vom Staat nicht mehr gehört und ernst genommen gefühlt", sagt er. "Die Politik hat auf vielen Ebenen in den letzten Jahren versäumt, nah am Menschen, nah am Bürger zu sein."

Beißmanns These lautet: Weil das Flüchtlingsthema in der öffentlichen Wahrnehmung alles dominiert habe, hätten viele Menschen das Gefühl gehabt, die Politik sei nicht mehr für sie da gewesen. "In den Debatten vor der Bundestagswahl ging es kaum um Themen, die die Menschen vor Ort betrafen", sagt er und zählt auf: die Altersvorsorge angesichts niedriger Zinsen, die Bankenkrise, Kinderbetreuung, Altenpflege, qualifizierte Arbeitskräfte für die unterbesetzten Betriebe. Diese und mehr Themen bewegten die Wählerinnen und Wähler. Sie kamen im Bundestagswahlkampf aber kaum vor. So sei ein Konkurrenzgefühl entstanden, sagt Beißmann: Die Flüchtlinge bekommen alle Aufmerksamkeit, wir nicht.

Folgt man Beißmanns Argumentation, dann hat die AfD in Pfarrkirchen eine Lücke gefüllt, die andere Politiker hinterlassen haben. Mit der AfD ist eine Partei entstanden, die zwar kaum demokratisch umsetzbare Lösungen anbietet, aber glaubhaft machen konnte, die Alteingesessenen zu verstehen und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Eine Partei, die den Leuten, die jeden Tag brav zur Arbeit gehen, Zuspruch bot und ihnen das Gefühl nahm, dass sich die Dinge ändern müssen. Die nicht ständig forderte, dass Flüchtlinge integriert und teure Dieselautos von der Straße genommen werden müssten.

Das Problem: Beißmann ist genau der Typ Politiker, von dem er selbst sagt, es gebe ihn nicht mehr. Er ist seit vier Jahren im höchsten Amt der Stadt. Auch wenn manche seine Arbeit und seine Partei kritisieren, kaum jemand würde behaupten, Beißmann sei zu wenig für die Bürgerinnen und Bürger da. Ist es also die Bundespolitik, die in Pfarrkirchen die AfD beflügelt? Oder ist an der These etwas falsch, dass sich die Politik nur mehr kümmern müsse, um die Wähler der AfD wieder abspenstig zu machen?