Peter Frey, Chefredakteur des ZDF, nahm am 25. Oktober mit seinem ARD-Kollegen Kai Gniffke an einer Podiumsdiskussion der AfD in Dresden über "Medien und Meinung" teil.

War es richtig, an einer Diskussionsveranstaltung des AfD-Kreisverbandes in Dresden teilzunehmen? Die Grundfrage bleibt auch danach unbeantwortet. Ein paar Tage später überwiegt bei mir eher Skepsis. Bin ich als Gast einem ernsthaften Willen zum Dialog begegnet – was ja auch einschließt, die eigene Position zu überdenken und gegebenenfalls zu verändern? Oder haben die Veranstalter zwei big shots der öffentlich-rechtlichen Medien – neben mir nahm auch ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke an der Diskussion teil – aus taktischen Gründen eingeladen, um sich mit uns zu schmücken, zum frühen Beginn des sächsischen Landtagswahlkampfs, und es allen zu zeigen: Selbst unsere schlimmsten Feinde kommen, wenn wir rufen, wir erobern die Diskurshoheit – auch, wenn wir noch nicht in der politischen Mitte angekommen sind.

Was festzuhalten ist: Die AfD bemühte sich, auch angesichts von 70 akkreditierten Berichterstattern und zahlreicher Kameras im Raum, um einen zivilisierten Ablauf. Die Moderatoren hielten sich an die zeitlichen Vorgaben, verteilten Gesprächsanteile, versuchten das Publikum zu disziplinieren ("Mäßigen Sie sich.") – was nicht immer gelang und zu den aufschlussreichsten Momenten der Veranstaltung führte. Die beiden anderen "Gäste" auf dem Podium, AfD-nahe Ex-Journalisten, hielten sich bis zur Selbstaufgabe zurück. Der Hauptakteur und Gegenpol zu mir und meinem öffentlich-rechtlichen Kollegen auf dem Podium wurde der Saal: Die Reaktionen, Ablehnung, gelegentlich Häme, die uns entgegenschlug, bleiben mir als Haupterfahrung von diesem Abend zurück. 

Warum habe ich mich als Chefredakteur des ZDF entschlossen, der Einladung zu folgen? 1. Weil eine Absage ebenso zur Propaganda hätte genutzt werden können – Motto: Nicht nur dass sie lügen, sie verweigern eben auch den Dialog. 2. Weil die meisten im Saal, wenn auch mit der Faust in der Tasche, ihren Rundfunkbeitrag zahlen und insofern am öffentlich-rechtlichen System Anteil haben. Sie sind unsere "Kunden" – und Kunden haben ein Anrecht, dass man mit ihnen spricht, wenn sie darum bitten. 3. Weil diese Veranstaltung wahrscheinlich eine seltene Gelegenheit ist, in die AfD-Blase hineinzusprechen. Zu einer offenen Veranstaltung, etwa an einer Volkshochschule, wären wahrscheinlich nicht die gleichen Menschen gekommen, jedenfalls nicht als so abgeschlossenes Milieu. Ich habe mich nicht vorladen lassen, sondern bin mit einer klaren Botschaft gekommen: Eine Demokratie braucht Respekt vor freiem und kritischem Journalismus.

Es war genau diese Botschaft, die das Publikum immer wieder mit Stöhnen quittierte. Journalisten werden am Rande von AfD- oder Pegida-Veranstaltungen häufig verbal angegriffen, auch körperlich bedroht. Dass Journalisten ihre Aufgabe nur mit Schutzhelmen ausüben können, wie etwa in Chemnitz, das darf nicht sein. Die Verunglimpfung auch einzelner Kollegen, namentlich Marietta Slomka und Claus Kleber vom heute-journal, geht bis in höchste Parteikreise und wird dem AfD-Parteisprecher Alexander Gauland von seinem persönlichen Referenten Michael Klonovsky gezielt ins Manuskript geschrieben. Von diesen Angriffen auf Journalisten, mal verbal, mal körperlich, muss sich die AfD trennen, wenn sie zur Mitte gehören will.

Während der Veranstaltung fühlte ich mich ein bisschen wie der Bauer, der den Pflug ansetzt, aber feststellt, das Feld ist so trocken, der Boden geradezu festgebacken, dass er vielleicht Staub aufwirbelt, aber kaum eindringt. Die Rahmenbedingungen journalistischer Arbeit, Fakten zur Berücksichtigung der AfD im öffentlich-rechtlichen Programm blieben im Raum hängen: wie der Hinweis auf die ZDF-Programmrichtlinien oder die statistische Auskunft, dass die AfD in den Nachrichtensendungen heute und heute-journal häufiger als Linke und FDP, aber weniger oft als die Grünen vorkommt. Auch Erklärungen, wie eine Sendung zusammengestellt wird – durch redaktionelle Entscheidungen und Abwägungen eines professionellen, pluralistisch zusammengesetzten Teams und eben nicht durch Anweisungen von (ganz) oben – drangen kaum zum Publikum vor.

Eine Wagenburg, aus der heraus man Sachsen erobern will

Meine Lehre aus den zwei Stunden mit dem AfD-Milieu: Der Block steht fest. Die Urteile sind schon gefällt. Die Selbstbezüglichkeit ist so groß, dass für Fakten von der anderen Seite des Tischs offenbar kaum noch Aufnahmebereitschaft vorhanden ist. Dennoch spürte ich im Saal ein schier unersättliches Redebedürfnis. Trotz heftiger Kritik an ARD und ZDF ging es geradezu verzweifelt um Anerkennung und Präsenz bei uns. Uns wurde vermittelt, man möge doch viel öfter solche Gespräche führen. Aber als Gast ging ich mit dem Gefühl, ich könnte jeden Abend kommen, es würde doch nichts an den Einstellungen verändern. 

Das alles deutet auf eine tief verankerte Enttäuschung, auf verweigerte Kommunikation, auf verweigerte Wertschätzung – und ein mittlerweile fest abgeschlossenes, in sich gekehrtes und zwischen Weinerlichkeit und Selbstherrlichkeit schwankendes Weltbild. Da ist eine Wagenburg, aus der heraus man Sachsen erobern will, ohne sich selbst bewegen zu müssen. Politik, Partei, Medien, alle anderen Mitspieler in der Zivilgesellschaft stehen vor der Frage, ob sie dieses Milieu seiner Isolation überlassen oder doch Wege finden wollen, darin einzudringen.

Es saßen übrigens "ganz normale" Menschen vor uns – keineswegs die "Abgehängten". Es waren Damen und Herren, wie man sie "vor Merkel" in der CDU getroffen hätte, heimatlose Konservative, die mich im anschließenden Gespräch fast anflehten, ihre Positionen zu respektieren: Abtreibungsgegner, Menschen, die die Ehe für alle ablehnen und Papst Franziskus für ein Unglück für die katholische Kirche halten. 

Irgendwann muss es einen Zeitpunkt gegeben haben, wo die sachsenstolze Bindewirkung der Biedenkopf-CDU nachgelassen hat, die Arroganz der Macht und der Modernisierungsdruck zu groß geworden ist, um diese Leute bei der Stange zu halten. In ihren Äußerungen, vor allem aber nonverbal, wurde klar, wie schwer sie sich mit der demokratischen Grundregel tun, Mehrheitsentscheidungen anzuerkennen. Demokratie? Mehrheit? In dem Milieu, das sie sich aufgebaut haben, sind sie doch die Mehrheit – und diese beiden Journalisten auf dem Podium exotische Abgesandte aus einer seltsam pluralistischen Welt. "Gar nicht unsympathisch", wie eine Dame auf dem Rückweg einer anderen zuraunte, aber "schrecklich unfrei".

Für mich war der Abend aber nicht nur ein Ausflug in ein fremdes Milieu. Ich meine, es hat sich gelohnt, nicht nur zuzuhören, sondern auch meine Prinzipien selbstbewusst zu vertreten. Es war ein emotionaler Moment, als eine Dame erinnerte, wie wichtig das "Westfernsehen" in der Zeit der friedlichen Revolution gewesen sei und sie bedaure, "was aus ihm geworden ist". Da hilft kein Zurück, sondern nur ein Bekenntnis zum eigenen Koordinatensystem. Statt die für die angeblich aggressive und einseitige Presse vorgesehene Rolle einzunehmen und zuzulassen, dass sich die AfD weiter als Opfer stigmatisiert, habe ich den Spieß umgedreht und Fragen gestellt: Mit wem zeigt ihr euch? Wie grenzt ihr euch ab zum rechten Rand? Das führte wieder zu Aufstöhnen, genauso wie der Hinweis, dass wir vorsichtig sind beim Nennen des ethnischen oder religiösen Hintergrunds von Kriminellen, weil dies eine unmittelbare Lehre aus der deutschen Geschichte ist, in der die Ausgrenzung der Juden auch dadurch ablesbar wurde, dass die Zeitungen anfingen, ihre religiöse Identität bei Kriminalitätsberichten offenzulegen. 

Auch bei meiner Kritik an einer Polemik von Michael Klonovsky, der bei einer Aschermittwochsrede Bundespräsident Steinmeier als "Marionette des Systems" bezeichnet hatte, raunte der Saal vernehmlich. Als ich darauf bestand, genau das sei Populismus – im Sinne eines gezielten Angriffs auf die Institutionen der Demokratie – wechselte Nicolaus Fest, der zweite Ex-Journalist auf dem Podium, blitzschnell die Ebene: Steinmeier habe doch diesen positiven Tweet über die Band "Feine Sahne Fischfilet" abgesetzt. Der Unterschied, dass man selbstverständlich auch einen Bundespräsidenten für konkrete politische Positionen kritisieren, aber deshalb noch lange nicht das Wahlverfahren und damit Person und Amt denunzieren dürfe, ging in der Publikumsempörung schon fast unter. Empfindlich in eigener Sache – und sonst immer feste druff.

Abgrenzen oder Ausgrenzen? Die Kernfrage im Umgang mit der AfD stellt sich mir nach diesem Abend deutlicher als zuvor. Ich fürchte, das Milieu ist zu groß geworden, ideologisch zu gefestigt und kommunikativ zu unabhängig, um darauf zu setzen, es werde irgendwie "von selbst" wieder verschwinden. Es hilft nichts als hingehen, hinhören, sich mit Selbstbewusstsein gegen undemokratische Positionen zu stellen – und auch über eigene Defizite nachzudenken. Etwa bei der allzu sehr auf die urbanen Räume konzentrierten Berichterstattung oder Moderationen, die offenbar vor allem im Osten nicht als journalistisch pointiertes Angebot, sondern als "belehrend" verstanden werden.

Bei aller Ablehnung steckte hinter jedem Aufstöhnen eine Sehnsucht nach Anerkennung und Dazugehören. Klare Kante tat weh, Autorität wird anerkannt. Jetzt noch unbedingt mit den Herren von ZDF und ARD ein Selfie zu machen (was auch immer das bedeutet), war einigen am Ende des Abends doch auch wichtig.