Das Berliner Landeskriminalamt hat nach eigenen Angaben ein beschlagnahmtes Handy des späteren Attentäters Anis Amri mehrere Monate vor dem Anschlag am Breitscheidplatz gründlich untersucht. Trotzdem übersahen der zuständige Ermittler wie auch Beamte in Nordrhein-Westfalen ein Foto von Amri mit einer Schusswaffe. Das sagte der damalige Leiter des zuständigen Kommissariats vor dem Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses aus.

Das Bundeskriminalamt schließt laut einem Bericht des rbb nicht aus, dass diese Waffe die spätere Tatwaffe war, mit der Amri den Fahrer des LKW erschoss, mit dem er dann den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt verübte.

Der Ermittler sagte vor dem Untersuchungsausschuss, er habe sich "sehr intensiv" mit den Daten befasst. "Ich habe jedes Bild mit einer bestimmten Größe mir angeschaut." Im Nachhinein habe er erfahren, dass auf dem Handy auch ein sehr kleines Bild gespeichert war, das Amri mit einer Schusswaffe zeigt. "Demnach kann ich nicht sagen, dass ich alles gesichtet habe", sagte der Mann, der in der Zeit bis kurz vor dem Anschlag 2016 Leiter des für Amri zuständigen Kommissariats war.

Bislang war unklar, ob Berlin überhaupt ausgewertet hatte

Das Handy hatte die Berliner Polizei nach einem Hinweis aus Nordrhein-Westfalen beschlagnahmt, als Amri am 18. Februar 2016 am Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin ankam. Am Tag zuvor war Amri als islamistischer Gefährder eingestuft worden. Die Daten aus seinem beschlagnahmten Telefon lieferte das Bundeskriminalamt an Berlin und Nordrhein-Westfalen, wo sie ausgewertet werden sollten.

Bereits im November 2017 wurde bekannt, dass Nordrhein-Westfalen das Bild übersehen hatte. Bisher war aber nicht klar, ob und wie Berlin die Daten überhaupt ausgewertet hatte.

Der Ermittler sagte nun aus, dass er zuständig war und er die mehr als 10.000 Bilder und die Videos, Kontakte und Chats ausgewertet hatte. Zwei Tage habe er damit verbracht. Chats auf Arabisch habe er zur Übersetzung weitergegeben und die Rufnummern in einer Tabelle zusammengefasst. Diese Kontakte habe er auch an die Abteilung weitergegeben, die die V-Personen der Polizei führt, mit der Frage, ob sie davon jemanden identifizieren können. Ein Bild, auf dem Amri mit Messern zu sehen gewesen sei, habe er intern veröffentlicht, "zur Sensibilisierung der Kräfte".

Amri hatte jedoch mehr als ein Telefon. "Er hatte mehr Handys, als wir geschaltet hatten (d.h. überwacht, A.d.R.), das war uns bekannt", sagte der Ermittler. "Wir haben uns bemüht, durch technische Maßnahmen an diese Rufnummern zu gelangen und die dann ebenfalls zu schalten." Hakan Taş, Obmann der Linksfraktion im Untersuchungsausschuss, sagte, dass es sechs Wochen gedauert habe, bis die Polizei das neue Handy von Amri überwachen ließ.

"Beamte mit Gedächtnislücken"

Frank Zimmermann (SPD) sagte, dass die Auswertung der Handydaten anders als bis dahin angenommen in Berlin offenbar durchaus intensiv war. Das Foto mit der Waffe wurde zwar nicht gefunden, sagte Stephan Standfuß, CDU-Obmann. Allerdings sei fraglich, ob das zu einer anderen Bewertung von Amris Gefährlichkeit geführt hätte.

"Alle Beamten, die zentrale Aufgaben beim LKA haben, scheinen Gedächtnislücken zu haben", sagte dagegen der Obmann der Linksfraktion, Taş. Der Ermittler hatte während der Befragung zwar gesagt, dass er die Bilder und Kontakte aus Amris Handy zur Prüfung weitergegeben hatte, antwortete aber nicht konkret auf die Frage der Grünen-Obfrau June Tomiak, was aus der Abteilung, die die V-Personen führt, als Antwort zurückkam.

Ende August wurde öffentlich, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz einen V-Mann im Umfeld von Amri eingesetzt hatte, ebenso wie das Bundeskriminalamt und der Berliner Verfassungsschutz. Zuvor war bereits bekannt, dass das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen einen V-Mann eingesetzt hatte.