Es gibt viele Orte auf der Welt, an denen es großen Mut erfordert, eine Klinik für Gynäkologie und Frauenheilkunde zu eröffnen. Die Provinz Südkivu im Kongo gehört sicher zu den gefährlichsten. Inmitten von Krieg und Zerstörung errichtete Denis Mukwege 1999 das Panzi-Hospital in Bukavu, das bis heute zu den besten Krankenhäusern des Landes gehört. Zehntausende Frauen verdanken ihm ihr Leben. Professionelle Geburtshilfe, in der Region schon schwer genug zu finden, ist nur ein Teil der beeindruckenden Arbeit, die der 63-Jährige mit seinem Team geleistet hat. 

Während und nach den Kämpfen und Kriegen im Ostkongo kamen immer mehr Opfer sexueller Gewalt an einen der wenigen Orte, an denen sie noch Hoffnung und Verständnis finden konnten. Für sein Werk hat der Frauenarzt bereits viele Auszeichnungen erhalten, vom UN-Menschenrechtspreis (2008) über den Alternativen Nobelpreis (2013) bis zum Sacharow-Preis für geistige Freiheit des Europaparlaments (2014). Nun wird er gemeinsam mit der irakischen Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

ZEIT-Redakteurin Andrea Böhm, die Mukwege während ihrer Reisen durch den Kongo mehrmals getroffen hat, beschreibt ihn als charismatisch, an Ausstrahlung mangele es ihm ebenso wenig wie an medizinischen Fachkenntnissen, Stehvermögen und Sturheit. Die braucht es auch, um in einem Krisengebiet zwischen den Fronten medizinische Hilfe zu leisten, die Opfer aller Kriegsparteien gleich zu behandeln, niemanden zu bevorzugen, sich von niemandem missbrauchen zu lassen. Zwangsläufig macht sich jemand wie Mukwege Feinde in seiner Heimat, aber auch Freunde in aller Welt. Denn seine Arbeit hilft nicht nur vielen, denen sonst niemand hilft, sie macht auch sichtbar, welche Rolle sexuelle Gewalt in Kriegen spielt, wie sie Teil einer militärischen Strategie ist. "Wenn man die Frauen zerstört, zerstört man die Familie und irgendwann auch das ganze Dorf", sagte Mukwege der Reporterin Böhm schon vor mehr als zehn Jahren.

Vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen trat Mukwege 2012 für den Frieden in seiner Heimat ein, forderte mehr internationale Bemühungen. Kurz danach überfielen bewaffnete Männer sein Haus in Bukavu, einer seiner Freunde wurde dabei erschossen, er floh für einige Monate nach Europa. Im vergangenen Jahr wurde einer seiner Kollegen getötet. Mukwege lässt sich davon nicht beeindrucken. Der Arzt und das Hospital werden heute streng bewacht, er lebt dort rund um die Uhr.

"Wir brauchen nicht noch mehr Beweise, wir brauchen Taten"

Beides, die medizinische Hilfe und der Einsatz für die öffentliche Wahrnehmung, prägten Mukweges Arbeit über die Jahrzehnte. Geboren wurde er 1955 als Sohn eines Pastors in Bukavu, Medizin studierte er in Burundi, seine Ausbildung zum Gynäkologen absolvierte er in Frankreich. Von dem, was er in Zeiten des Kriegs und danach gesehen hat, berichtet er seit Langem auf internationalen Konferenzen, kämpft auf politischer Ebene überall auf der Welt für besseren Schutz gegen sexualisierte Gewalt in Konflikten, die so oft straflos bleibt, nicht nur im Kongo. "Wir brauchen nicht noch mehr Beweise", forderte er vor Jahren, "wir brauchen Taten."

Seine Stimme wird gehört – und damit die der zahllosen Frauen, denen schlimmstes Leid widerfahren ist: Massenvergewaltigungen; Schwangere, denen der Bauch aufgeschlitzt wurde; Mädchen, die mit Scherben, Gewehrläufen oder Holzbalken missbraucht und verstümmelt wurden. Mukwege hat Unaussprechliches dokumentiert, Dossiers über die Gewaltmethoden der verschiedenen Milizen und Rebellengruppen angelegt. Ohne ihn wäre das Bild der Kriege in seiner Heimat unvollständig.

In der Klinik in Bukavu wird besonders deutlich, dass es für die Opfer nicht mit der medizinischen Betreuung getan ist. Mukwege geht es um mehr als Heilung, er weiß, wie tief die Traumata reichen. Die Mädchen und Frauen werden deshalb umfassend betreut, um mit den psychischen und sozialen Folgen ihrer Erlebnisse besser zurechtzukommen, erhalten rechtliche Beratung und ganz konkrete Unterstützung für ihr Leben nach dem Krankenhausaufenthalt. Treffend heißt ein Dokumentarfilm über Mukweges Arbeit von 2015 Der Mann, der Frauen repariert – es ist körperlich wie seelisch gemeint.

Mukweges Inspiration war ein Mann. Sein Vater habe ihm die Gabe vermittelt, für andere da zu sein, sagte er der Deutschen Welle, als ihm 2009 der Olof-Palme-Preis verliehen wurde: "Für mich war das eine ganz kleine Sache, aber ich sagte mir, es wäre gut, diese Arbeit fortzusetzen." Es seien jedoch die Frauen, die die kongolesische Gesellschaft am Leben erhalten, hat der Gynäkologe oft gesagt. Dass sie es können, haben so viele nur Mukwege und seinem Team zu verdanken.