Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

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Ganz hinten, kurz vor Polen, passiert die Eisenbahn aus Königs Wusterhausen den Müllberg Frankfurts. Direkt daneben ragt der Fernsehturm in den Himmel, schneeweiß wie ein Trinker im Sonntagsanzug. Früher war er betongrau, vor Jahren ließ ihn die Telekom anstreichen, als habe sie verkünden wollen, dass Frankfurt ab sofort ein hellerer Ort sei.

Aber wenn man heute am Hauptbahnhof aussteigt, kann man spüren, dass wirklich etwas anders geworden ist, heller. Im leeren, depressiven Frankfurt der Neunziger traf man auf den Bahnsteigen vor allem die Pendler in den Westen oder die Abiturienten, die am Wochenende nach Berlin abhauen konnten. Ein Ort des Weg-hier, ohne echtes Zurück, manchmal traf man noch ein paar Nazis, bevor der Zug endlich Richtung Berlin oder Dresden abfuhr. Heute hasten Menschen mit H&M-Sakko und Kopfhörern stadteinwärts. Frankfurter, Geflüchtete, Studentinnen oder Polen, oder alles zusammen, man kann das oft nicht mehr auseinanderhalten. Und draußen, in der Mitte des Bahnhofsvorplatzes ist an der Stelle, wo früher das Fahrkartenhäuschen stand, jetzt eine Shishabar, vor der Leute mit Dreadlocks sich in der Sonne räkeln und guten Kaffee trinken.

Als Frankfurter Fortgezogener konnte man in letzter Zeit auf die Stadt schauen wie auf die Eltern, die in ihren alten Tagen aus irgendeinem Grund beginnen, merkwürdige, aber zauberhafte Dinge zu tun. Es ging damit los, dass Alexander Gauland hier bei der Bundestagswahl gegen einen Merkel-Anhänger verlor, der zwei Flüchtlinge zu Hause aufgenommen hatte. Und bei der Bürgermeisterwahl kamen zwei Kandidaten in die Stichwahl, die keinen Zweifel daran ließen, dass Frankfurt eine internationale Stadt sein müsse, mit mehr Studenten und Berliner Zuzüglern, und wenn nötig, ja, auch mit mehr Flüchtlingen.

"We love Frankfurt (Oder)"

Der zu dieser Zeit gerade 33 Jahre alte René Wilke, der als gemeinsamer Kandidat für Linkspartei und Grüne angetreten war, gewann die Wahl mit 62,5 Prozent. In seiner Rede zur Amtseinführung nannte er Frankfurt und das benachbarte polnische Słubice "ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die europäische Idee". Ausgerechnet Frankfurt war plötzlich die Gegenthese zu all den Geschichten vom braunen Osten. In der Hauptstadtpresse erschienen begeisterte Reportagen, die von der Schönheit der Doppelstadt am Fluss schwärmten und von der internationalen Atmosphäre, die die vielen Studenten verbreiteten. Wie diese hier. Die plötzliche Zuneigung zu Frankfurt aber gipfelte in einer legendären Überschrift der taz: "We love Frankfurt (Oder)", stand da tatsächlich, ein ganzes Wochenende lang auf dem Titel dieses eher westdeutschen, linken Blattes. Manche Frankfurter mussten damals nach Berlin fahren und stapelweise taz-Exemplare mitbringen.

Und danach ging es erst richtig los: Das berühmte Berliner Café Sankt Oberholz eröffnet dieser Tage einen Co-Working-Space in Frankfurt. Eine große Hotelkette will sich ansiedeln. Die Tagesthemen berichteten von der vorbildlichen Integration der Flüchtlinge. Daniel Barenboim trat in Frankfurt auf. Erstmals seit Jahren wurde der Haushalt der Stadt genehmigt, und es soll sogar Geld für die Rathaussanierung geben. Man kann etwas spüren in Frankfurt, das es hier ewig nicht gab. Es fühlt sich an wie Optimismus.

Doch während all das geschah, hat sich etwas Beunruhigendes in der Stadt entwickelt. Echte Frankfurter, Pessimisten aus Prinzip, würden sagen: War eigentlich klar, dass es so nicht ewig weitergehen konnte. Die Schlagzeilen haben sich jedenfalls zum Schlechten verändert. Der Grund ist eine Gruppe von etwa 15 Flüchtlingen, fast alle aus Syrien. In den vergangenen Monaten bedrohten sie Polizisten und griffen Passanten an. Als die Syrer Anfang August von Neonazis provoziert wurden, gingen sie mit Gürteln und abgebrochenen Flaschen auf die Deutschen los.

Der gerade ins Amt gekommene Oberbürgermeister Wilke reagierte frühzeitig. Im Juni berief er einen Runden Tisch der Sicherheitsbehörden und Integrationsakteure ein, um die Gewalt in der Stadt einzudämmen. Zusammen mit dem brandenburgischen SPD-Innenminister Karl-Heinz Schröter kündigte er mehr Polizeipatrouillen an und ein örtliches Waffen- und Alkoholverbot. Der Lennépark, ein verwinkelter Grünstreifen im Schatten der blinkenden Lenné-Passagen, sollte ausgeleuchtet werden.

"Wir sind die syrische Mafia"

Aber all das verhinderte nicht den bisherigen Höhepunkt der Gewalttaten, der sich ausgerechnet in jener Nacht ereignete, in der in Chemnitz Daniel H. erstochen wurde. Die Gang griff, mit Messern und Eisenstangen bewaffnet, den Club Frosch an, einen Laden mit linker Vergangenheit und eher unpolitischer Gegenwart. Als wollten die Syrer alle Schreckensbilder bestätigen, die Rechtspopulisten seit Jahren über sie in die Welt setzen, brüllten sie laut Zeugenaussagen "Wir sind Araber" und "Wir stechen euch alle ab". Auch der Ausruf "Allahu akbar" soll zu hören gewesen sein. Dutzende Gäste schafften es, sich in den Club zu flüchten, und erlebten nach Angaben des Clubbesitzers voller Panik, wie die Täter die Fenster einschlugen. Draußen krochen manche unter Autos, um sich zu verstecken. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt. Augenzeugen sagen, es sei großes Glück, dass niemand umkam.

Es gibt ein Bild der Gang, das die Türsteher der Stadt untereinander herumreichen. Es zeigt die jungen Männer in bester Laune, breitbeinig, angeberisch, mit Victoryzeichen und erhobenen Fäusten. Typen, die man nicht nach Wechselgeld fragt. Auf seinem Smartphone schrieb eines der Gangmitglieder unter das Bild den Satz: "Wir sind die syrische Mafia." 

Was sind das nur für Leute?

Der leitende Oberstaatsanwalt Helmut Lange sagt, einige der beschuldigten Flüchtlinge seien aggressiv. Ihre Taten entsprächen einerseits typischer Jugenddelinquenz, ausgelöst durch verletzten Stolz, Streit um Frauen und rechtsextreme Provokationen. Andererseits bestehe ein Risiko, dass sie in den gewerbsmäßigen Drogenhandel abrutschten. Warum sie nicht in U-Haft seien? "Den Haftgrund 'Die müssen von der Straße' gibt es nicht." Es müsse schon Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestehen, zudem brauche es einen dringenden Tatverdacht. Nach den diversen Vorfällen müssten dafür zunächst unzählige Zeugen gehört werden. 

Helmut Lange © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Kippte in Frankfurt nun die Stimmung? Das nicht. Nach dem Überfall auf den Frosch begannen keine Protestaufmärsche wie in Chemnitz, was allerdings daran liegen kann, dass sich in diesen Tagen alle Aufmerksamkeit eben auf Chemnitz richtete. Trotzdem beherrscht das Thema seitdem die Stadt. In jeder Kneipe hört man es irgendwann am Nachbartisch, in jeder Facebook-Gruppe wird es diskutiert: Was sind das nur für Leute? Wie kann es sein, dass Menschen, die hier Schutz suchen, sich so verhalten? Und immer sind da auch welche, die sagen: Raus mit denen. Sofort raus aus Deutschland, alle.