Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

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Ganz hinten, kurz vor Polen, passiert die Eisenbahn aus Königs Wusterhausen den Müllberg Frankfurts. Direkt daneben ragt der Fernsehturm in den Himmel, schneeweiß wie ein Trinker im Sonntagsanzug. Früher war er betongrau, vor Jahren ließ ihn die Telekom anstreichen, als habe sie verkünden wollen, dass Frankfurt ab sofort ein hellerer Ort sei.

Aber wenn man heute am Hauptbahnhof aussteigt, kann man spüren, dass wirklich etwas anders geworden ist, heller. Im leeren, depressiven Frankfurt der Neunziger traf man auf den Bahnsteigen vor allem die Pendler in den Westen oder die Abiturienten, die am Wochenende nach Berlin abhauen konnten. Ein Ort des Weg-hier, ohne echtes Zurück, manchmal traf man noch ein paar Nazis, bevor der Zug endlich Richtung Berlin oder Dresden abfuhr. Heute hasten Menschen mit H&M-Sakko und Kopfhörern stadteinwärts. Frankfurter, Geflüchtete, Studentinnen oder Polen, oder alles zusammen, man kann das oft nicht mehr auseinanderhalten. Und draußen, in der Mitte des Bahnhofsvorplatzes ist an der Stelle, wo früher das Fahrkartenhäuschen stand, jetzt eine Shishabar, vor der Leute mit Dreadlocks sich in der Sonne räkeln und guten Kaffee trinken.

Als Frankfurter Fortgezogener konnte man in letzter Zeit auf die Stadt schauen wie auf die Eltern, die in ihren alten Tagen aus irgendeinem Grund beginnen, merkwürdige, aber zauberhafte Dinge zu tun. Es ging damit los, dass Alexander Gauland hier bei der Bundestagswahl gegen einen Merkel-Anhänger verlor, der zwei Flüchtlinge zu Hause aufgenommen hatte. Und bei der Bürgermeisterwahl kamen zwei Kandidaten in die Stichwahl, die keinen Zweifel daran ließen, dass Frankfurt eine internationale Stadt sein müsse, mit mehr Studenten und Berliner Zuzüglern, und wenn nötig, ja, auch mit mehr Flüchtlingen.

"We love Frankfurt (Oder)"

Der zu dieser Zeit gerade 33 Jahre alte René Wilke, der als gemeinsamer Kandidat für Linkspartei und Grüne angetreten war, gewann die Wahl mit 62,5 Prozent. In seiner Rede zur Amtseinführung nannte er Frankfurt und das benachbarte polnische Słubice "ein Leuchtfeuer der Hoffnung für die europäische Idee". Ausgerechnet Frankfurt war plötzlich die Gegenthese zu all den Geschichten vom braunen Osten. In der Hauptstadtpresse erschienen begeisterte Reportagen, die von der Schönheit der Doppelstadt am Fluss schwärmten und von der internationalen Atmosphäre, die die vielen Studenten verbreiteten. Wie diese hier. Die plötzliche Zuneigung zu Frankfurt aber gipfelte in einer legendären Überschrift der taz: "We love Frankfurt (Oder)", stand da tatsächlich, ein ganzes Wochenende lang auf dem Titel dieses eher westdeutschen, linken Blattes. Manche Frankfurter mussten damals nach Berlin fahren und stapelweise taz-Exemplare mitbringen.

Und danach ging es erst richtig los: Das berühmte Berliner Café Sankt Oberholz eröffnet dieser Tage einen Co-Working-Space in Frankfurt. Eine große Hotelkette will sich ansiedeln. Die Tagesthemen berichteten von der vorbildlichen Integration der Flüchtlinge. Daniel Barenboim trat in Frankfurt auf. Erstmals seit Jahren wurde der Haushalt der Stadt genehmigt, und es soll sogar Geld für die Rathaussanierung geben. Man kann etwas spüren in Frankfurt, das es hier ewig nicht gab. Es fühlt sich an wie Optimismus.

Doch während all das geschah, hat sich etwas Beunruhigendes in der Stadt entwickelt. Echte Frankfurter, Pessimisten aus Prinzip, würden sagen: War eigentlich klar, dass es so nicht ewig weitergehen konnte. Die Schlagzeilen haben sich jedenfalls zum Schlechten verändert. Der Grund ist eine Gruppe von etwa 15 Flüchtlingen, fast alle aus Syrien. In den vergangenen Monaten bedrohten sie Polizisten und griffen Passanten an. Als die Syrer Anfang August von Neonazis provoziert wurden, gingen sie mit Gürteln und abgebrochenen Flaschen auf die Deutschen los.

Der gerade ins Amt gekommene Oberbürgermeister Wilke reagierte frühzeitig. Im Juni berief er einen Runden Tisch der Sicherheitsbehörden und Integrationsakteure ein, um die Gewalt in der Stadt einzudämmen. Zusammen mit dem brandenburgischen SPD-Innenminister Karl-Heinz Schröter kündigte er mehr Polizeipatrouillen an und ein örtliches Waffen- und Alkoholverbot. Der Lennépark, ein verwinkelter Grünstreifen im Schatten der blinkenden Lenné-Passagen, sollte ausgeleuchtet werden.

"Wir sind die syrische Mafia"

Aber all das verhinderte nicht den bisherigen Höhepunkt der Gewalttaten, der sich ausgerechnet in jener Nacht ereignete, in der in Chemnitz Daniel H. erstochen wurde. Die Gang griff, mit Messern und Eisenstangen bewaffnet, den Club Frosch an, einen Laden mit linker Vergangenheit und eher unpolitischer Gegenwart. Als wollten die Syrer alle Schreckensbilder bestätigen, die Rechtspopulisten seit Jahren über sie in die Welt setzen, brüllten sie laut Zeugenaussagen "Wir sind Araber" und "Wir stechen euch alle ab". Auch der Ausruf "Allahu akbar" soll zu hören gewesen sein. Dutzende Gäste schafften es, sich in den Club zu flüchten, und erlebten nach Angaben des Clubbesitzers voller Panik, wie die Täter die Fenster einschlugen. Draußen krochen manche unter Autos, um sich zu verstecken. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt. Augenzeugen sagen, es sei großes Glück, dass niemand umkam.

Es gibt ein Bild der Gang, das die Türsteher der Stadt untereinander herumreichen. Es zeigt die jungen Männer in bester Laune, breitbeinig, angeberisch, mit Victoryzeichen und erhobenen Fäusten. Typen, die man nicht nach Wechselgeld fragt. Auf seinem Smartphone schrieb eines der Gangmitglieder unter das Bild den Satz: "Wir sind die syrische Mafia." 

Was sind das nur für Leute?

Der leitende Oberstaatsanwalt Helmut Lange sagt, einige der beschuldigten Flüchtlinge seien aggressiv. Ihre Taten entsprächen einerseits typischer Jugenddelinquenz, ausgelöst durch verletzten Stolz, Streit um Frauen und rechtsextreme Provokationen. Andererseits bestehe ein Risiko, dass sie in den gewerbsmäßigen Drogenhandel abrutschten. Warum sie nicht in U-Haft seien? "Den Haftgrund 'Die müssen von der Straße' gibt es nicht." Es müsse schon Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestehen, zudem brauche es einen dringenden Tatverdacht. Nach den diversen Vorfällen müssten dafür zunächst unzählige Zeugen gehört werden. 

Helmut Lange © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Kippte in Frankfurt nun die Stimmung? Das nicht. Nach dem Überfall auf den Frosch begannen keine Protestaufmärsche wie in Chemnitz, was allerdings daran liegen kann, dass sich in diesen Tagen alle Aufmerksamkeit eben auf Chemnitz richtete. Trotzdem beherrscht das Thema seitdem die Stadt. In jeder Kneipe hört man es irgendwann am Nachbartisch, in jeder Facebook-Gruppe wird es diskutiert: Was sind das nur für Leute? Wie kann es sein, dass Menschen, die hier Schutz suchen, sich so verhalten? Und immer sind da auch welche, die sagen: Raus mit denen. Sofort raus aus Deutschland, alle.  

"Es ist für'n Arsch"

Oberbürgermeister René Wilke (Linke) in seinem Amtszimmer © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Als René Wilke von dem Vorfall im Frosch erfuhr, setzte er eine Pressemitteilung auf, in der er das Verbrechen deutlich verurteilte. Er nahm die  Geflüchteten in der Stadt vor Verallgemeinerungen in Schutz. Und er versprach, zusammen mit Staatsanwaltschaft und Polizei alles zu tun, um die Täter hinter Gitter zu bringen.

Und dann, so erzählt er es ein paar Wochen später, habe er gedacht: Es ist für'n Arsch. "Diese ganzen Phrasen, die wir immer von uns geben: Das ist für'n Arsch. Das kommt nicht mehr bei den Leuten an."

Wilke, das muss man wissen, ist in Frankfurt geboren. Er blieb als einer von dreien seiner Abi-Stufe in der Stadt, als junger Linker hat er jahrelang am eigenen Leib erfahren, wie furchterregend Frankfurt war, als die Neonazis in den Neunzigerjahren die Straßen beherrschten. Noch heute nimmt er an jeder Anti-Nazi-Demo in der Stadt teil, sein Facebook-Profilbild ziert der Schriftzug #wirsindmehr.

Wenn Städte zum Hashtag werden

Man kann spüren, dass ihn die Sorge davor umtreibt, Bürgermeister eines weiteren Chemnitz oder Cottbus zu werden. Den Kreislauf mitzuerleben, der sich dann in Gang setzt. Die Reporter, die Nazis von außerhalb, und nicht zuletzt die eigenen Bekannten, die in dem Tross mitziehen. Dass plötzlich die eigene Stadt nur noch ein Hashtag ist, ein falsches Argument in einer Debatte, in der man überhaupt nicht mitdiskutieren darf. Es sei denn als wütender Bürger, auf den sich dann Markus Söder bezieht, in einer dieser Talkrunden bei Frank Plasberg.

Und dann stieß Wilke auf ein Gesetz, das einige Tage später wieder Medien aus ganz Deutschland in die Stadt führen sollte. Es handelt sich um Paragraf 53 des Aufenthaltsgesetzes, nach dem auch eine Kommune einen Asylberechtigten ausweisen kann, wenn er "die öffentliche Sicherheit und Ordnung, die freiheitliche demokratische Grundordnung oder sonstige erhebliche Interessen der Bundesrepublik Deutschland gefährdet". Das Gesetz wurde bisher noch nicht oft angewendet, aber der benachbarte Landkreis Märkisch-Oderland wies vor einigen Jahren auf diese Weise jemanden aus.

Wilke, der noch im Wahlkampf gesagt hatte, er sei dagegen, kriminelle Flüchtlinge abzuschieben, gab sich einige Tage Bedenkzeit. Dann entschied er, die Ausländerbehörde ein Verfahren zur Ausweisung der Gangmitglieder prüfen zu lassen.

"Wir ziehen eine Grenze", sagt er kurz darauf in einem Interview. Ein Wort, das in Frankfurt, jahrelang an einem verschlossenen Grenzübergang gelegen, einen besonderen Klang hat. Er sei sicher, sagt Wilke auch, dass einzelne dieser 15 Leute das Ziel gehabt hätten, Menschen zu töten. Die Messerattacken seien auf den Hals der Opfer gerichtet gewesen. Und die mutmaßlichen Täter hätten keinerlei Schuldbewusstsein, sie verstünden gar nicht, warum sie in Haft säßen. Wilke beruft sich auf Hintergrundwissen, das er nicht preisgeben dürfe, das ihn aber zu der Schlussfolgerung bringe, bei den mutmaßlichen Tätern helfe keinerlei Integrationsmaßnahme. Immer wieder sagt er diesen einen Satz: "Ich will nicht eines Tages sagen müssen, es hätte eine Möglichkeit gegeben, einen Toten zu verhindern."

Wilke zieht noch eine andere Grenze. Die zwischen den 15 und den restlichen 1.357 Flüchtlingen, bei denen die Integration zumeist gut funktioniere. Er betont das immer wieder. Doch die Schlagzeilen lauten: Linker OB will Flüchtlinge abschieben.

Wilkes Vorstoß birgt neben der Möglichkeit, daraus reißerische Schlagzeilen zu fabrizieren, beträchtliche juristische Schwierigkeiten. Niemand darf zurzeit nach Syrien abgeschoben werden, und es ist fraglich, wann es je möglich sein wird. Außerdem ist Widerspruch möglich, Gerichte werden die Ausweisung bestätigen müssen. Da einige Ersttäter oder minderjährig sind, drohen ihnen in den Strafverfahren, die gegen einige von ihnen laufen, zudem nur Bewährungsstrafen. Mit anderen Worten: Womöglich wird sich die Gruppe noch Jahre frei durch Frankfurt bewegen können, eingeschränkt höchstens durch Meldeauflagen bei der Polizei.

Doch Wilke hat nicht nur eine juristische Frage aufgeworfen, sondern auch eine politisch grundsätzliche. Denn was tut ein Land, dessen Strafrecht ganz auf Resozialisierung ausgelegt ist, eigentlich mit traumatisierten und gewaltaffinen Flüchtlingen, die offenkundig keine Integrationsperspektive haben? Sinnvolle Debatten darüber sind zurzeit kaum möglich. Die einen wittern überall rassistische Verallgemeinerungen über Flüchtlinge, während andere der Hysterie vor pathologisch gewaltbereiten Arabern verfallen sind.

Dass ausgerechnet ein linker Oberbürgermeister nun eine Handvoll Menschen ausweisen will, während er auf der Rechtschaffenheit der anderen beharrt, bietet vielleicht die Möglichkeit, diesen polarisierten Diskurs gedanklich hinter sich zu lassen. Wilkes Vorstoß könnte so etwas wie einen Waffenstillstandskorridor für all jene schaffen, die noch nicht innerlich mit der Gegenseite abgeschlossen haben. Es wäre etwas, das auch ganz Deutschland interessieren müsste, auf der Suche nach Möglichkeiten, je wieder an einen Tisch zu kommen.

"Die Syrer fragen: Was ist das für ein Rechtsstaat?"

Wieckestraße in Frankfurt (Oder), im Vordergrund rechts das frühere Otto-Brenner-Gymnasium © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Den Alltag der meisten Frankfurter muss man sich als etwas eher Uneuphorisches vorstellen. Um ihn nachzufühlen, kann man mit einer der alten Tatra-Straßenbahnen hinaus in die angejahrten Neubauviertel Südring und Neuberesinchen bimmeln. Einst, als die alten Bahnen neu waren und die Mikroelektronik 8.000 Frankfurter beschäftigte, gab es noch die Linie 4 mit der Zielstation Halbleiterwerk. Das Werk wurde geschlossen, und die Wohnplatten sollten irgendwann zu großen Teilen abgerissen werden. Das hat Wilke zunächst gestoppt. Denn seit 2015 steigen hier wieder mehr Leute ein und aus.

Dort draußen, in einem tristen Dreigeschosser, ist auch das Büro von Thomas Klähn. Aktenordner, Pokale, eine Liege, ein Schreibtisch, und am Schrank lehnt ein Hula-Hoop-Reifen. Klähn ist Sozialarbeiter. Er betreut eine Unterkunft für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, und er hat das Ohr des Oberbürgermeisters. Manchmal schaut ein Junge ins Büro, und Klähn dreht sich um und sagt was über die Hausaufgaben.

Wenn man mit Klähn spricht, dann schrumpfen die Probleme, die es mit Flüchtlingen gibt, von einem angeblichen kulturellen Großkonflikt auf ein einigermaßen behandelbares Maß. In sanftem Mecklenburgisch spricht Klähn von den schleppenden Fortschritten, die manche beim Deutschunterricht machen, weil die Motivation nachlasse. Er erzählt auch davon, dass die deutsche Bürokratie viele Berufsabschlüsse nicht anerkenne und viele Syrer daran verzweifelten. Und dass der zunehmend offene Rassismus auch in Frankfurt viele verunsichere. "Die Drecksäcke trauen sich mehr als vor einem Jahr", sagt Klähn und meint nicht die Flüchtlinge.

Ist er noch optimistisch, was die Integration angeht? Klähn sagt nach ein paar Sekunden: "Ja, bin ich. Aber nur, weil ich so nah dran bin."

Thomas Klähn, Sozialarbeiter © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

"Die Syrer", sagt er, "waren die Ersten, die verlangt haben, dass die Gang ins Gefängnis kommt." Das habe auch damit zu tun, dass vor allem die Älteren oft nicht mehr wüssten, wie sie ihre Kinder in diesem fremden Land erziehen sollten. Die Jungen sprächen besser Deutsch als die Alten, und sie wüssten auch besser über die Gesetze Bescheid. "Früher gab's vom Vater eine Backpfeife und drei Tage Hausarrest, wenn der Sohn Mist gebaut hat. Heute gehen die Kinder zum Jugendamt."

Viele syrische Eltern hätten Angst, dass die Kinder, über die sie die Kontrolle verlören, in die Fänge der Gang gerieten. Diesen Leuten, die in der Community isoliert seien, aber offensichtlich jemanden mit dem Messer angreifen könnten, ohne dafür in den Knast zu wandern. "Die Syrer fragen: Was ist das für ein Rechtsstaat, der so was zulässt?"

Stimmt er der These Wilkes zu, dass bei denen keine Sozialarbeit helfe? Klähn wiegt den Kopf. "Das kann ich erst beurteilen, wenn es mal jemand wirklich versucht hat."  

Ibrahim ist aus Syrien und bemüht sich um ein Praktikum. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Einige Tage nach dem Überfall auf den Frosch sind drei der mutmaßlichen Täter in U-Haft. In der JVA Wriezen, wo einer von ihnen einsitzt, sollen laut Oberbürgermeister Wilke Sozialarbeiter aus Angst vor ihm die Arbeit niedergelegt haben.

Ein paar Tage nach Wilkes Ausweisungsvorstoß findet eine öffentliche Debatte am Oderturm statt. Nach allem, was man sehen und hören kann, ist das Ansehen des Bürgermeisters in der Stadt noch einmal gestiegen. Die AfD wirkt perplex, die örtliche Linke, Union und SPD unterstützen Wilke. Doch es gibt auch Gegenstimmen wie die der grünen Kreisvorsitzenden Alena Karaschinski. Auch sie ist Frankfurterin, auch sie ein Kind der Neunziger. Damals, sagt sie, habe sie aus Angst vor den Nazis immer ein CS-Gas bei sich gehabt. Heute nicht mehr. "Ich fühle mich in Frankfurt absolut sicher." Im Wahlkampf hat sie Wilke unterstützt, doch sie fürchtet, er schwäche nun mit seiner harten Rhetorik gegen die 15 Syrer den Rechtsstaat. "Was wird er sagen, wenn die Gerichte seinen Plan ablehnen?", fragt sie. "Wie will er dann die Wut der Leute auf die Politik und die Justiz einfangen?"

Das Wutgeschrei bleibt aus

So sitzen Wilke, Karaschinski, ein Geflüchteter und eine Unternehmerin mit Migrationshintergrund unter freiem Himmel in ein paar Sesseln und diskutieren. Das Gespräch ist offen für jeden. Karaschinski betont, dass die Täter natürlich bestraft werden müssen. Aber sie sagt auch: Es ist eine Illusion, die Stadt vollständig vor solchen Gefahren schützen.

Das wäre nun allerspätestens die Stelle, an der, wären wir in anderen ostdeutschen Städten, ein wildes Wutgeschrei eingesetzt hätte. So wie es Sachsens Ministerpräsident Kretschmer erlebte, der eine Runde Chemnitzer Bürger überhaupt erst auf den Konsens verpflichten musste, dass ein Hitlergruß nicht okay sei.

Nichts dergleichen hier. Als das Mikrofon herumgereicht wird, bleibt es weitgehend sachlich. Keine Nazis, niemand ruft "Merkel muss weg". Stattdessen meldet sich eine junge Frau, sie ist Mitglied eines Boxclubs, und sagt in energischem Ton: "Das hat nichts mit Moslems zu tun. Moslems sind völlig in Ordnung. Die sind wie wir. Worum es geht, das ist diese kleine Gruppe." Die rechten Pöbler sind nicht wieder im öffentlichen Raum Frankfurts angekommen.

Warten auf den Tag, an dem der Funke fliegt

Blick aus dem Fenster des leitenden Oberstaatsanwalts Helmut Lange. Im Hintergrund ist der Pablo-Neruda-Block zu erkennen. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Dabei sind die Nazis, die in den Neunzigern die Stadt terrorisierten, ja nicht verschwunden. Zwar haben manche die Stadt verlassen, andere wurden vernünftig, aber es gibt auch genügend von ihnen, die mit großem Stolz auf "damals" zurückblicken, als sie die Ausländer und Linken konsequent von den Straßen prügelten. Ein in Frankfurt noch aktiver Nazi ist eine kleine Berühmtheit geworden. Sein kahler, tätowierter Hinterkopf ist bundesweit eines der beliebtesten Motive, um Medienberichte zum Thema Rechtsextremismus zu bebildern. 

Ein Teilnehmer einer Demonstration gegen angeblichen Asylmissbrauch und neue Flüchtlingsheime in Frankfurt (Oder), 17. Januar 2015 © Patrick Pleul/dpa

Es scheint ihn nicht arg zu stören. Und seine Freunde auch nicht. Es sind Dutzende, die bei Nazidemos erscheinen und sich, das ist die gute Nachricht, ungleich größerer Gegendemos erwehren müssen. Manche gründeten Facebook-Gruppen gegen Flüchtlinge, andere organisierten Aufmärsche für die rechtsextreme Kleinpartei Der III. Weg. Kein Zweifel, diese Leute und ihr Umfeld hätten gern, dass es bald losgeht mit großen rechten Demos in Frankfurt. Doch in Frankfurt fliegt der rechte Funke bisher nicht. Liegt es an Wilke?

In den Tagen nach seinem Vorstoß erweckt der Oberbürgermeister den Eindruck, als würden ihm die gewaltigen politischen Kräfte, die auf ihn wirken, nichts ausmachen. Er absolviert eine öffentliche Veranstaltung nach der anderen, und jedes Mal geht es auch um die Syrer, aber er lächelt immer noch viel.

Differenzierung heißt auch Polarisierung

Wilke ist keiner wie Sahra Wagenknecht, die mit fremdenfeindlichen Untertönen an AfD-Wähler herankommen will. Bei öffentlichen Auftritten verteidigt er manchmal sogar Angela Merkel. Er hat keine Hemmungen, seine Wähler damit zu konfrontieren, dass sie seiner Meinung nach falsch liegen. Er ist auch deswegen gewählt worden.

Faizhal, Ousman und Ibrahim in der Unterkunft für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. Sie sind gerade aus dem Unterricht gekommen. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Er vergisst auch nie, die Argumente zu würdigen, die gegen den Versuch der Ausweisung sprechen. Doch das Problem, das in seinen Auftritten immer sichtbarer wird: Die erste und einfachste Form der Differenzierung ist nun mal das Binäre. Die Polarisierung. Die Zweiteilung in gute und böse Flüchtlinge. Es wird seine Masche, die 15 gegen die 1.300 zu stellen. Die 15 Männer in seinen Reden werden immer verachtenswerter, in dem Willen, Zweifel an der Rechtschaffenheit der anderen zu zerstreuen. Dabei hat noch kein einziges Gericht ein Urteil über eines der Gangmitglieder gesprochen.    

"Ist es nicht besser, wenn ich Ihnen diese Befreiung verschaffe?"

An einem Montagabend sitzt er in seinem Büro und öffnet eine Tüte Trockenobst. Leere Kaffeetassen stehen auf dem Tisch. Wilke sieht überarbeitet aus, das Büro auch.

Was ihn wirklich beunruhige, sagte Wilke, dass in der Flüchtlingsfrage inzwischen auch Leute schwankten, die immer gegen den Rassismus gekämpft hätten. Sogar ein Pfarrer sei darunter, der Flüchtlingen Kirchenasyl gewähre. "Was ich gesagt habe, ist ein Befreiungsschlag für die, die genauso gefühlt und gedacht haben, aber sich selbst gezwungen haben, es nicht zu sagen." Und dann: "Ist es nicht besser, wenn ich es bin, der ihnen diese Befreiung verschafft, als wenn es Alexander Gauland tut?"

Am Ende holt er aus seinem Bücherregal ein Buch über Bart Somers, den Bürgermeister des belgischen Mechelen. Somers führt die Stadt seit 2001 mit einer Mischung aus Multikulti- und Law-and-Order-Politik und wurde dafür von der City Mayors Foundation im Jahr 2017 zum besten Bürgermeister der Welt gewählt. Wilke lobt auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), die in Berlin-Neukölln mit ihrer Nulltoleranzpolitik gegenüber Straßengangs und Clans populär wurde. "Multikulti und Law and Order", sagt er. "Das ist es, was ich tue."

Wie spricht man das Gute an?

Als Wilke mitten in seinem Wahlkampf steckte, Anfang des Jahres, da brachen im nur 90 Kilometer entfernten Cottbus gerade die rechten Demos aus, die er heute in Frankfurt fürchtet. Damals sagte er, auf den Unterschied zwischen Frankfurt und Cottbus angesprochen: "In uns allen steckt etwas Böses und etwas Gutes. Und ich glaube, in Cottbus haben zu viele Menschen an das Böse appelliert."

Als er diese zwei Sätze jetzt in seinem Amtszimmer hört, wird er still. In den nächsten Gesprächsminuten wirkt er noch nachdenklicher, geradezu düster. Später kommt er selbst darauf zurück. "Ich glaube, dass das, was ich jetzt tue, dafür sorgt, dass die Leute bereit bleiben, das Gute in sich zuzulassen." Am nächsten Tag sagt er auf einer Veranstaltung: "Es gibt auf dieser Welt Menschen, die sind böse."

"Die Deutschen führen einen Krieg untereinander"

Adnan, 18, flüchtete mit seinen Eltern und seinen Geschwistern aus Syrien. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Es gibt ein Gefühl, das den Osten schon lange vor der Wende prägte und das danach einfach nicht verschwinden wollte: dass es einen tiefen Graben gibt zwischen der eigenen Realität und dem, was die Politik als Realität verkündet. Was bis 1989 der angeblich überlegene Sozialismus war, wurden danach die blühenden Landschaften. Schulen verfielen, Kriminalität und Kinderarmut stiegen rapide, ganze Regionen entleerten sich. Aber die Missstände, die jeder sah, und die im Westen Titelblätter und Talkshows füllen würden, wurden den Menschen im Osten nicht selten von Politikern ausgeredet, als Fehlwahrnehmung. Dass in Brandenburg jahrelang massiv Polizeistellen abgebaut wurden, obwohl die Diebstähle an der Grenze nicht weniger wurden, sondern nach dem Schengen-Beitritt Polens immer mehr, ist nur ein kleines Beispiel dafür.

Man kann Wilkes Vorstoß auch als den Versuch deuten, diese Lücke zwischen erlebter Realität und öffentlichem Diskurs in Frankfurt wieder zu schließen, beides wieder in Einklang zu bringen. Diese Chance gibt es, zumal in einer Stadt, die mit ihrer Uni und ihren Studenten und ihrer polnischen Nachbarstadt davon abhängig ist, weltzugewandt zu bleiben. Würde es Wilke gelingen, diese jahrzehntelang kochende ostdeutsche Grundgereiztheit zu dämpfen, dann könnte man ihn einen politischen Erfinder nennen.

"Ich habe Grenzen überschritten"

Doch natürlich begeht Wilke unter Stress auch Fehler. Einige Tage nach seinem Vorstoß gerät er ernsthaft in Bedrängnis. Der Direktor der JVA Wriezen widerspricht seiner Behauptung, ein inhaftiertes Gangmitglied habe dort Gefängnispersonal terrorisiert. Außerdem steht plötzlich der Verdacht im Raum, Wilke habe Informationen aus den Ermittlungsakten öffentlich gemacht, unter anderem als er sagte, die festgenommenen Syrer hätten in Verhören kein Schuldbewusstsein gezeigt. Wilke bestreitet das, doch für die JVA-Sache entschuldigt er sich. Er habe offenbar falsche Informationen bekommen. Er sagt: "Ich habe Grenzen überschritten, die ich nicht hätte überschreiten sollen." Im Versuch, Stärke zu zeigen, hat sich der Bürgermeister selbst geschwächt.

Unterdessen hat die Ausländerbehörde ihre Prüfung beendet und das Ausweisungsverfahren gegen die Gangmitglieder eingeleitet. Allerdings nur gegen sieben Männer, bei den anderen reichen die Verdachtsmomente offenbar nicht aus. Vielleicht, das räumt Wilke selbst ein, werden es am Ende noch weniger sein, die von der Ausweisung bedroht sind.

Und vielleicht wird sich dann Unmut regen, weil ein großer Teil der Gang noch immer in den Parks herumhängt. Vielleicht wird künftig öfter nach Ausweisung gerufen werden, wenn junge Flüchtlinge sich danebenbenehmen. Wilke hat sich vorgewagt, die Grenze war schnell gezogen. Doch es könnte noch schwierig werden, sie dort zu halten, wo sie ist. Würde sie überschritten, und sei es auch nur in den Köpfen der Mehrheit, würde das nicht nur den kriminellen Geflüchteten schaden. Sondern auch Leuten wie Saber Hamed.

Blick aus dem Büro von Thomas Klähn © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Hamed ist die syrische Fachkraft höchstpersönlich. Im Oktober 2015 wurde er in einer Zeitung porträtiert. Das Bild von damals zeigt einen kräftigen mittelalten Mann, einen Maschinenbauer, der in Syrien Betonmischanlagen baute und damit gutes Geld verdiente. Bis der Krieg kam. 22 seiner 25 Mitarbeiter wurden getötet. Mit den Überlebenden wollte er hier in Deutschland ein Unternehmen gründen. Er fühle sich wie eine Last für die deutsche Gesellschaft, sagte er damals über seine Situation als Asylbewerber. Dabei wolle er selbstständig sein. Er wolle was tun.

"Du gründest in Deutschland kein Geschäft"

Heute steuert Hamed seinen alten Nissan durch den Frankfurter Frühherbstregen zu einem Bürogebäude, in dem er ein kleines Büro angemietet hat. Seinen echten Namen möchte er nicht mehr veröffentlicht sehen. Man muss nicht viel Mühe dafür aufwenden, ihn zum Sprechen zu bringen. Hamed ist desillusioniert und verärgert. "Frankfurt ist ein schlechter Ort, um ein Geschäft zu gründen. Und ein gefährlicher Ort, um seine Kinder großzuziehen."

In seinem kleinen Büro liegen Kabel und USB-Sticks neben Akten und Fertigkuchen. Hamed berichtet, wie seine Töchter im Supermarkt geschubst würden, einfach so, von älteren Frauen. Wie eine Sachbearbeiterin ihm jahrelang ohne Grund die Genehmigung verweigerte, eine GbR zu gründen. Wie sie ihm ins Gesicht sagte: "Du gründest in Deutschland kein Geschäft." Wie die Kasse seinen genehmigten Existenzgründerzuschuss nicht ausbezahlt hat.

Hamed will Frankfurt verlassen, nach Berlin. Er sagt: "Die Deutschen führen einen Krieg untereinander, bei dem es nur Verlierer geben wird, große und kleine. Und wir, die Neuen, haben am meisten darunter zu leiden."

"Finden Sie, ich habe das Recht, Frankfurt zu verlassen?"

Frankfurt (Oder), Abend © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Als Hamed das Foto der Gang sieht, erkennt er einen der Männer wieder. Er war mit ihm in einem Deutschkurs. "Für den", sagt er, "ist wohl wirklich jede Integrationsmaßnahme vergeudet." Allerdings erinnert er sich in letzter Zeit wieder öfter an etwas, was der Syrer ihm einmal gesagt hat: Du hast sieben Abschlüsse und sprichst drei Sprachen. Und schau, wo du stehst. Du wirst hier nie was.

Später, als wir zurück zum Bahnhof fahren, ist sein Zorn ein wenig verraucht. Ich erzähle ihm, wie Frankfurt früher war. Die Nazigewalt, die Arbeitslosigkeit, der Massenexodus der Neunziger. Hamed schaut durch die Windschutzscheibe. Das könnte, sagt er, die Antwort sein auf die Frage, die er sich stelle, seit er hier ist. Was genau die Frage war, erfahre ich aber nicht. Denn er stellt er mir eine andere. Eine moralische, wie er sagt.

"Finden Sie, ich habe das Recht, Frankfurt zu verlassen?"

Und was, wenn Sie kämen?

Vielleicht ist es ja auch mit Frankfurt so, wie es der Soziologe Aladin El-Mafaalani in seinem Buch Das Integrationsparadox kürzlich für ganz Deutschland beschrieb: Die meisten Konflikte um die Integration entstehen nicht, weil sie scheitert, sondern, im Gegenteil, weil sie gelingt. Weil Menschen an diesem Land teilhaben wollen, die noch nicht lange hier sind oder die früher keine Stimme hatten. Weil das bei anderen Ängste auslöst, die zu Verallgemeinerungen führen. Und weil all das inzwischen glücklicherweise auf der Tagesordnung steht.

Übertrüge man diesen Gedanken auf Frankfurt, wäre die große Angst vor rechten Aufmärschen vielleicht übertrieben. Denn selbst wenn es dazu käme, wären sie nur Wachstumsschmerzen einer abgekämpften ostdeutschen Stadt, deren einzige Chance es ist, sich zu öffnen. Ganz ausgeschlossen ist es nicht, dass die AfD und die Nazis aus Frankfurt eines Tages den tristen Ort machen, der es einmal war. Aber inzwischen ist es unwahrscheinlich geworden.

Denn wenn man sich am Bahnhof in den Zug setzt, um die Stadt zu verlassen, kann es gut sein, dass auf dem Nachbargleis gerade wieder ein Regionalexpress aus Berlin ankommt, wie jede halbe Stunde. Die Türen öffnen sich, und wieder betreten – lachend, plaudernd, chattend – ein paar Dutzend neue Polen, ausländische Studentinnen, Geflüchtete, Neufrankfurter die Stadt. Sie kommen täglich, sie haben keine Angst mehr, wie noch in den Neunzigern. Und manche, und nicht mal so wenige, bleiben ganz hier.


Ergänzung: Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) befinden sich mittlerweile sechs der Syrer in Untersuchungshaft.