Einen Tag nach dem gerichtlich verfügten vorläufigen Rodungsstopp demonstrieren am Hambacher Forst bei Köln Zehntausende für den Erhalt des Waldes und den Kohleausstieg. Die Gerichtsentscheidung sei "Rückenwind für die Arbeit in der Kohlekommission", sagte der Greenpeace-Chef Martin Kaiser, der ebenfalls anwesend war. "Hier sind wirklich Tausende unterwegs, die noch einmal ein deutliches Zeichen setzen wollen." Die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission berät derzeit über die Zukunft der Braunkohlenutzung in Deutschland.

Der Bundesvorsitzende der NaturFreunde Deutschlands, Michael Müller, sagte, es gehe bei der Demonstration auch "um die Frage, ob wir die ökologische Selbstvernichtung der Menschheit verhindern können oder nicht. Wir wollen nicht nur den Kohleausstieg, sondern auch raus aus Öl und Gas".

Nach Angaben des WDR waren gegen Mittag bereits mehr als 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. In einer gemeinsamen Mitteilung sprachen die Veranstalter der Demonstration – die Initiative Buirer für Buir, der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Campact, Greenpeace und die NaturFreunde Deutschlands – am Nachmittag von inzwischen 50.000 Menschen. Die Polizei machte keine Angaben zur Teilnehmerzahl.

Auf Bannern waren Losungen wie "Hände weg vom Hambacher Forst", "Kein Baum ist egal" und "Hambacher Wald bleibt! Kohlenausstieg jetzt!" zu sehen. An der Demonstration beteiligten sich auch Bauern aus dem rheinischen Tagebaurevier. Sie fuhren mit ihren Traktoren laut hupend und unter dem Beifall der anderen Teilnehmer vorbei. Auf ihren Plakaten standen Slogans wie "Energiewende! Stoppt Braunkohle" oder "Bauern gegen Kohle".

Christoph Bautz, geschäftsführender Vorstand von Campact, kündigte an: "Jetzt lassen wir nicht mehr locker, bis die Bagger endlich stillstehen und die Schlote nicht mehr rauchen." Antje Grothus von der lokalen Initiative Buirer für Buir sagte: "Gerichte mussten durchsetzen, was eigentlich Aufgabe der Politik ist, nämlich wertvolle Natur zu schützen vor den rücksichtslosen und rechtswidrigen Plänen eines Energiekonzerns."

Die Aktivistengruppe Ende Gelände rief dazu auf, neue Baumhäuser im Forst zu bauen. "Ende Gelände freut sich über neue Baumhäuser und andere Besetzungsstrukturen, die heute entstehen", teilte die Gruppe mit. Tausende liefen vom Demonstrationsgelände direkt in den Wald. Noch konnte die Polizei nicht bestätigen, dass neue Baumhäuser gebaut worden seien. Laut einer Polizeisprecherin seien aber Tausende Menschen im Wald. Diesen zu betreten, sei seit Ende der Räumungsarbeiten nicht mehr verboten – der Bau neuer Baumhäuser wohl aber schon. Bis Dienstag hatte die Polizei mit gewaltigem Aufwand 86 Baumhäuser geräumt und abgebaut. Etwa 100 Aktivistinnen und Aktivisten drangen nach Polizeiinformationen auch in den Tagebau vor. Der Energiekonzern RWE hielt daraufhin zu ihrem Schutz einen der großem Bagger an, die dort eingesetzt waren.

RWE wollte in den kommenden Monaten mehr als die Hälfte des verbliebenen alten Waldes fällen, um dort Braunkohle abbauen zu können. Nach dem Eilentscheid des Oberverwaltungsgerichts Münster vom Freitag darf der Hambacher Forst aber nicht gerodet werden, bis über eine Klage des Umweltverbands BUND entschieden ist. Damit rechnet RWE nicht vor dem Jahresende 2020.