Hamid Mousavi sitzt auf einem Plastikstuhl zwischen den Olivenbäumen neben dem Flüchtlingslager Moria. Hinter dem 23-jährigen Iraner, der seinen echten Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennen will, baumelt ein Pappkarton an einem Strick von einer Astgabelung. Um Hamids Hals hängt ein Handyaufladegerät. Abgesehen von seinem Geldbeutel ist es das Einzige, was er seit seiner Ankunft auf der griechischen Insel Lesbos vor neun Monaten noch besitzt. Ob die Pappe, die er als Schlafunterlage benutzt, bis heute Abend trocknen wird, weiß er nicht. Wie er den Winter mit Schnee auf dem matschigen Boden überstehen soll, auch nicht.

Mousavi ist einer von über 10.000 Geflüchteten, die auf der Insel festsitzen. Sie alle warten umzingelt von Meer, Scheinwerferlicht und Stacheldrahtzaun darauf, weiterreisen zu können. Die meisten, über 9.000, leben in dem Lager Moria, das eigentlich nur 2.300 Menschen aufnehmen kann. Andere, die im Lager keinen Platz mehr finden, rollen ihre Schlafunterlage wie Mousavi in umliegenden Olivenhainen oder am Straßenrand aus. Manche sind seit über zwei Jahren hier.

Achtzig Menschen teilen sich auf dem Gelände eine Dusche, knapp zweihundert Leute eine Toilette, der Müll schwimmt in kleinen Rinnsalen die umliegenden Berge hinunter, überall kommen verrostete Rohre aus dem Boden und lassen das Abwasser ins Camp und die umliegenden Felder sickern.

"Ich hatte jeden Tag Angst, verprügelt zu werden"

Flüchtlinge werden zu einer Fähre gebracht, um sie in die griechische Hauptstadt Athen zu überführen. © Milos Bicanski/Getty Images

Mousavi wollte eigentlich nur in die Türkei. Ins Nachbarland, nicht zu weit weg von seiner Familie. Er hatte noch die Hoffnung, dass sich die Einstellung seiner Familie und Gesellschaft zu seiner Homosexualität ändern könnte, wenn er für eine Weile das Land verlässt. Im Winter vor zwei Jahren fuhr er in einem Lastwagen versteckt an die iranisch-türkische Grenze, lief die letzten Meter im Schnee zu Fuß und fand sich nach kurzer Zeit in einer Zeltstadt in der Nähe von İzmir ohne fließendes Wasser und mit täglicher Polizeigewalt wieder. "Da konnte ich nicht bleiben" sagt er knapp. "Ich hatte jeden Tag Angst, verprügelt zu werden."

Deshalb fuhr er nach Europa weiter. In einem Schlauchboot, trotz EU-Türkei-Deal. Schwimmwesten hätten die 46 Menschen im Boot nicht angehabt, sagt er. Das sei "zu auffällig in der Nacht". Angekommen auf Lesbos konnte er sich kein Ticket kaufen, um mit der Fähre auf das Festland nach Athen überzusetzen. Er steckte in Moria fest. 

Während die EU gerade darüber nachdenkt, Flüchtlingszentren außerhalb der Europäischen Außengrenzen aufzubauen, kann man auf Lesbos bereits erahnen, wozu die europäische Abschottungspolitik führen kann. Mit dem Flüchtlingsabkommen, das die EU mit der Türkei im März 2016 abgeschlossen hatte, sollte die Türkei nicht nur die Migration auf dem See- und dem Landweg eindämmen, sondern auch so viele Flüchtlinge wie möglich wieder aufnehmen, deren Asylgrund in Griechenland nicht anerkannt wurde. Doch das Abkommen funktioniert nur bedingt – nur ein Bruchteil der Flüchtlinge kehrte in die Türkei zurück.

Bereits vor einem Jahr rief der Bürgermeister der Insel Lesbos, Spyros Galinos, einen Generalstreik aus. Er forderte Athen auf, die Flüchtlinge aufs Festland zu bringen. Es half nichts. Kurz bevor der Winter in Griechenland anbrach, steckten noch immer 8.000 Menschen auf der Insel fest – heute sind es über 10.000. Jeden Tag kommen immer noch bis zu 250 Menschen in Schlauchbooten an der Küste von Lesbos an.

Schon im Frühling kam es in der Inselhauptstadt immer wieder zu Protesten von Bewohnern und Geflüchteten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR forderte im Sommer eine sofortige Entlastung der Ägäischen Inseln. Mit über 20.000 Geflüchteten seien sie fast ein Drittel voller als noch vor einem Jahr.