Im Oktober 2017, nachdem Belästigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, erhob sich die sogenannte MeToo-Bewegung. Daraus entwickelte sich eine umfassende Debatte über sexuelle Selbstbestimmung und den Stand der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Was hat sich innerhalb eines Jahres verändert? In einem Themenschwerpunkt blicken wir zurück.

Russland: Me was?

Demonstration am Internationalen Frauentag in Sankt Petersburg © Olga Maltseva/AFP/Getty Images

Russland erlebte seine Hashtag-Emanzipation lange vor #MeToo. Vor zwei Jahren schreibt eine ukrainische Journalistin unter dem Hashtag #IchHabeKeineAngstEsZuErzählen von ihrem sadistischen Ex-Freund, der sie furchtbar gequält und misshandelt hatte. Sie fordert andere Frauen auf, ihr Schweigen zu brechen. Das Hashtag erfasst bald Russland. Hunderte erzählen von ihren Ehemännern, die prügeln, von Nachbarn, die vergewaltigen, von Lehrern, die nötigen. Neu war, dass die Frauen tatsächlich gehört wurden: Selbst kremltreue Medien berichteten. Aber über #MeToo haben sie sich lustig gemacht.

In einem Land, in dem der Chefredakteur eines liberalen Mediums ein Pin-up-Poster im Büro hängen hat, in dem der Präsident einem anderen Anerkennung ausspricht, weil er Frauen vergewaltigte und belästigte, in dem Grapschen allzu oft als Bestätigung weiblicher Attraktivität gilt, erschien #MeToo wie ein lächerliches Hashtag für lächerliche westliche Geschlechterverwirrungen: Im Westen dürfe die Frau also nicht mehr Frau sein und der Mann nicht Mann. Selbst liberale Medien machten sich über die Vorwürfe lustig.

Ganz ohne Folgen blieb #MeToo in Russland jedoch nicht. Drei Journalistinnen unabhängiger Medien warfen dem nationalistischen Abgeordneten Leonid Slutzki sexuelle Übergriffe vor, Russland erlebte seinen Weinstein-Augenblick. Der allerdings schnell vorbeizog: Die Ethikkommission des russischen Parlaments und die weiblichen Abgeordneten stellten sich hinter Sluzki, er hatte rein gar nichts zu fürchten. Aus Protest erklärten mehr als 20 Medien, den Abgeordneten künftig boykottieren zu wollen.

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Frankreich: Aufgestaute Wut

Am Ufer der Seine in Paris © Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images

Noch bevor das Hashtag #MeToo ins Leben gerufen wurde, twitterten Französinnen über #balancetonporc. Sandra Muller, eine Französin in New York, entschloss sich spontan, diesen Aufruf zu starten, als die Weinsteinaffäre publik wurde. "Balance ton porc" heißt so viel wie "Verpfeif dein Schwein". Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Vor allem aus der Filmbranche und den Medien meldeten sich Frauen, aber auch Anwältinnen, Verkäuferinnen oder Praktikantinnen.

Etwas mehr als zwei Wochen später gingen Tausende Frauen in elf französischen Städten auf die Straße und machten ihrem Zorn Luft. Denn in Frankreich hatte sich viel aufgestaut. Man denke nur daran, dass ein Dominique Strauss-Kahn beinahe Staatschef geworden wäre, obwohl viele, die mit ihm arbeiteten, seit Jahren von den Zudringlichkeiten des einstigen IWF-Chefs wussten und schwiegen. Erst ein Zimmermädchen in einem New Yorker Hotel ließ ihn auffliegen. Der Regisseur Roman Polański entzieht sich seit Jahren der US-Justiz, die ihm vorwirft, 1977 eine Minderjährige vergewaltigt zu haben. Als Polański vor einigen Jahren von der Schweiz aus in die USA ausgeliefert werden sollte, formierte sich in Pariser Intellektuellenzirkeln eine Solidaritätsgemeinschaft.  

Anmache gehört in Frankreich zum Alltag und nicht alle wollen, dass damit Schluss ist. Die Schauspielerin Catherine Deneuve war eine von 100 prominenten Frauen, die im Januar 2018 öffentlich forderten, die "Kampagne der Denunziation" zu beenden. Die Kunstkritikerin Catherine Millet meinte, der Rauch einer Zigarette störe sie mehr als die Hand eines Fremden auf ihrem Knie.

Ein vor der Sommerpause verabschiedetes Gesetz soll jedoch nicht nur das künftig unterbinden, sondern auch anzügliche Bemerkungen und Gesten, denen Frauen vielfach auf der Straße, in Stadtparks oder in öffentlichen Verkehrsmitteln ausgesetzt sind. Das Gesetz der Staatssekretärin für Gleichberechtigung, Marlène Schiappa, sieht für solche Vorfälle Geldbußen vor. Allerdings ist es nach Ansicht vieler Kritikerinnen und Kritiker schlicht nicht durchsetzbar, da es für die Belästigung zumindest Zeugen bedürfe.

Eine Altersbegrenzung für Geschlechtsverkehr mit Minderjährigen, wie sie in Deutschland existiert, fehlt dagegen auch in diesem Gesetz. Ebenfalls mangelt es an einer gesellschaftlichen Debatte, warum Frauen in Werbespots nur verführerisch oder dumm sein dürfen. 2017 wurden insgesamt gut 40.000 sexuelle Übergriffe angezeigt, mehr als 90 Prozent von Frauen. Auf der Grundlage von Umfragen geht das Innenministerium allerdings davon aus, dass es mindestens eine Million Mal zu ungewollten Annäherungsversuchen kam.

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China: Codename Reiskaninchen

Das Hashtag #MeToo ist auf Sina Weibo gesperrt. © Damir Sagolj/Reuters

Das Codewort für MeToo in China heißt übersetzt Reiskaninchen, ausgesprochen "mi tu"– dieses Ersatzhashtag benutzen Frauen auf Sina Weibo, dem chinesischen Äquivalent zu Twitter, seit staatliche Zensoren versuchen, alle Beiträge zur #MeToo-Debatte zu sperren. Xi Jinpings Regierung will jede Form von Aufruhr im Netz im Keim ersticken, in diesem Fall jedoch vergeblich: 77 Millionen Beiträge zum Thema sind bislang erschienen, auch wenn ein Großteil der Posts nicht mehr aufrufbar ist.

Den Anfang machten im Dezember 2017 Studentinnen einer Pekinger Universität, die einem Professoren vorwarfen, sie bedrängt und zum Sex aufgefordert zu haben. Nach einer wochenlangen Protestaktion im Internet wurde der Professor schließlich entlassen. Seither hat sich eine Welle weiterer Vorwürfe im Netz entladen: Auf den Aufruf eines Pekinger Magazins hin meldeten sich mehr als 1.700 Frauen mit Schilderungen eigener Missbrauchserfahrungen. Auf Sina Weibo wurden prominente Fälle bekannt, die von sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigungsvorwürfen reichen. Beschuldigt: ein buddhistischer Mönch, der Gründer einer Wohltätigkeitsorganisation, ein Umweltaktivist, ein berühmter Fernsehsprecher, mehrere Intellektuelle und Journalisten.

Der Mönch ist inzwischen von seinem Posten zurückgetreten, andere Frauen berichten davon, von Polizei und Anwälten unter Druck gesetzt worden zu sein, die Vorwürfe zurückzuziehen. Öffentlich für Feminismus zu kämpfen, ist in China gefährlich: Eine Reihe bekannter Aktivistinnen kam in den vergangenen Jahren ins Gefängnis. Dennoch wächst das Bewusstsein unter jungen Chinesinnen dafür, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. 

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Balkan: Geldstrafe für Grapschen

Eine Kellnerin in Bukarest, Rumänien © Jaap Arriens/NurPhoto/Getty Images

Über ins Zwielicht geratene US-Stars wurde von der Klatschpresse in Belgrad, Bukarest oder Sofia zwar ausführlich berichtet, das Problem sexueller Übergriffe im eigenen Land aber kaum thematisiert.

Von einem "merkwürdigen Schweigen" spricht die kroatische Publizistin Slavenka Drakulić angesichts der Tatsache, dass Frauen auf dem patriarchalisch geprägten Balkan besonders oft der Gewalt ausgesetzt sind – vor allem in der Familie. Doch in Staaten, in denen das Misshandeln, Vergewaltigen oder gar das Ermorden von Frauen durch den eigenen Mann alltäglich ist und alleinerziehende Mütter oft ohne die Alimente zahlungsunwilliger Väter über die Runden kommen müssen, hatte die #MeToo-Debatte selbst für Frauenaktivistinnen und -aktivisten nicht immer die höchste Priorität.

Ohne eine breite Reaktion und das Verständnis der Öffentlichkeit fehlte #MeToo zudem oft die Prangerwirkung: Eine Serbin, die den Künstler Nenad Racković wegen sexueller Belästigung auf einer Wahlparty anzeigte, sah sich danach im Web und in der Presse vielen höhnischen Kommentaren ausgesetzt.

Doch in Rumänien zeigte die Diskussion Folgen: Im Oktober letzten Jahres warfen Frauen dem populären Rapper Călin Ionescu vor, seine Position als Kreativdirektor der Werbeagentur Centrade Cheil für sexuelle Beleidigungen und Belästigungen missbraucht zu haben. Die Agentur kündigte daraufhin dem Musiker. Auch als Folge von #MeToo zeichnete Präsident Klaus Johannis im Sommer ein Gesetz ab, dass sexuelle Belästigung im öffentlichen und privaten Raum unter Strafe stellt. Allerdings droht nur eine Geldbuße.

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Großbritannien: Ins Zentrum der Macht

Londonerinnen auf dem Weg zur U-Bahn © Oli Scarff/AFP/Getty Images

Als die #MeToo-Bewegung ihren Weg über den Atlantik nach Großbritannien fand, war es Westminster, das Zentrum der politischen Macht, auf das die Aufmerksamkeit zuerst fiel. Berichte über den Sexismus mehrerer Abgeordneter machten die Runde, dann auch Vorwürfe sexueller Übergriffe gegenüber weiblichen Angestellten oder Journalistinnen.

Im britischen Parlament, wo die Kultur vergangener Jahrhunderte fortlebt, haben Opfer von Übergriffen kaum Möglichkeiten, ihre Peiniger zur Rechenschaft zu ziehen – erst #MeToo gab ihnen den Mut, ihre Stimme zu erheben. Immer mehr Frauen meldeten sich zu Wort, interne Untersuchungen wurden eingeleitet und mehrere Minister und Parlamentsabgeordnete aus beiden Parteien mussten zurücktreten, darunter Verteidigungsminister Michael Fallon und Staatssekretär Damian Green.

Wenige Monate später stand die britische Elite erneut im Scheinwerferlicht. Es gab ein Fundraisingevent im noblen Presidents Club, zu dem nur Männer eingeladen waren. Eine Undercoverrecherche der Financial Times deckte auf, wie die Gäste – über 300 Führungsleute aus der Geschäfts-, Politik- und Finanzwelt – die spärlich bekleideten jungen Hostessen begrapschten und sexuell belästigten.

Die Skandale hatten Folgen: Der Presidents Club wurde geschlossen und in Westminster wurde Anfang 2018 erstmals ein Beschwerdeverfahren gegen Belästigungen und Mobbing eingeführt, das in schweren Fällen die Suspendierung vorsieht.

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Indien: "Warum hat Indien keinen MeToo-Moment?"

Protestmarsch in Mumbai nach der Vergewaltigung und Tötung einer Achtjährigen © Danish Siddiqui/Reuters

Lange schien es, als mache die MeToo-Debatte einen Bogen um das Land. "Warum hat Indien keinen MeToo-Moment gehabt?", fragte eine Talkshow-Moderatorin noch Ende September.

Doch seit ein paar Tagen ist das anders: Vor allem Journalistinnen, Autorinnen und Frauen aus der Filmindustrie haben begonnen, Männer, die sie belästigt haben, namentlich zu nennen. Darunter Bestsellerautoren (Kiran Nagarkar), Comedians (Utsav Chakraborty), namhafte Fotografen (Pablo Bartholomew) und Journalisten. Auslöserin ist die Schauspielerin Tanushree Dutta. Sie hatte schon 2008 berichtet, am Filmset von einem Kollegen belästigt worden zu sein. In einem Interview erneuerte sie nun die Anschuldigungen und gab diese auch bei der Polizei zu Protokoll.

Bis vor Kurzem hatte es nur zögerliche Berichte gegeben. Die Bollywood-Ikone Priyanka Chopra hatte angedeutet, dass es überall Harvey Weinsteins gäbe. Eine andere Schauspielerin schrieb: "Man kann nicht nicht wissen, dass sexuelle Belästigung für indische Mädchen zum Aufwachsen dazugehört – außer man hat das letzte Jahrtausend im Winterschlaf verbracht." Im vergangenen Herbst hatte eine Jurastudentin eine Liste mit Akademikern veröffentlicht, die Frauen belästigt haben sollen. Es folgte: eine Diskussion, ob dies ein öffentlicher Pranger gewesen sei. Aber nichts weiter.

Viele meinten, dass die Diskussionen ohnehin nur einen kleinen Kreis ansprechen würden, in einem Land, wo nur ein Drittel der 1,3 Milliarden Menschen Zugang zum Internet hat und viele Inderinnen nicht gegen Sexismus am Arbeitsplatz kämpfen, sondern für das Recht zu arbeiten, allein aus dem Haus gehen, ohne hohe Mitgift heiraten, nicht misshandelt werden.

Der Fall von Jyoti Singh hingegen brannte sich ins kollektive Gedächtnis Indiens ein. 2012 war die Studentin brutal vergewaltigt und getötet worden. Danach wurde Stalking als Sexualdelikt eingeführt. Polizisten droht nun Gefängnisstrafe, wenn sie sich weigern, Vergewaltigungsanzeigen aufzunehmen. Diesen April gingen erneut Tausende auf die Straße. Männer hatten eine Achtjährige tagelang vergewaltigt und anschließend getötet. Die Kritik der Demonstranten: Zu wenig habe sich seit 2012 verändert.

Wie sich die gerade erst entbrannte MeToo-Debatte nun entwickelt, ist offen. Eine Produktionsfirma hat angekündigt, zu schließen. Manche der beschuldigten Männer haben sich entschuldigt. Medienunternehmen haben angekündigt, die beschuldigten Fälle zu untersuchen.

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Schweden: Skandinavien too

Das Urteil gegen den Ehemann einer Vertreterin der Schwedischen Akademie wird verlesen. Es lautet zwei Jahre Haft wegen Vergewaltigung. © Anders Wiklund/AFP/Getty Images

Schweden, wie der Rest Nordeuropas, gilt für ausländische Beobachter oft als Paradies in Sachen Gleichstellung. Umso mehr mag die Heftigkeit, mit der auch dort die MeToo-Debatte geführt wird, überraschen. Seither dürfte auch in Deutschland klar sein: Selbst wenn in Schweden Frauen generell einen besseren Stand haben, liegt dort gesellschaftlich ebenfalls noch einiges im Argen.

MeToo kam ganz schnell aus den USA in Schweden an. Schwedische Schauspielerinnen, darunter die aus der Krimiserie Die Brücke international bekannte Sofia Helin, klagten schon Anfang November gemeinsam in einem öffentlichen Aufruf über Missstände in der Branche. Bis Monatsende folgten viele weitere, darunter Musikerinnen und Juristinnen. "Manche Männer hatten sich einen Sport daraus gemacht, meine Brüste oder meinen Hintern anzupacken", sagte die Spitzenskiläuferin Anja Pärson damals. Dabei ging es nicht nur um eindeutige Fälle von sexuellen Übergriffen, sondern auch um Machtmissbrauch und problematisches Arbeitsklima.

Die Debatte in Schweden war damit ganz klar auf den Arbeitsplatz fokussiert. Wie in den USA nahm die Schauspielbranche eine zentrale Rolle ein. Trauriger Höhepunkt war der Suizid von Benny Fredriksson im März dieses Jahres. Dem Chef des Stockholmer Staatstheaters war vor allem in der Zeitung Aftonbladet ein harter, teils diktatorischer Führungsstil vorgeworfen worden. Dazu habe auch gehört, Übergriffe nicht zu ahnden. Geschockt durch den Todesfall setzte eine Debatte ein, ob man nun zu weit gegangen sei und inwieweit die Beschuldigten vorverurteilt würden.

Diese Diskussion allerdings wurde bald nahezu überschattet von Skandalen innerhalb der Schwedischen Akademie, die unter anderem entscheidet, wer alljährlich den Literaturnobelpreis erhält. Insgesamt 18 Frauen warfen dem Ehemann einer Akademievertreterin vor, sie sexuell belästigt zu haben. Die Jury ist so zerstritten, dass dieses Jahr kein Literaturnobelpreis verliehen wird. Am 1. Oktober 2018 wurde der Beschuldigte wegen Vergewaltigung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

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USA: Wie wenig sich geändert hat

Christine Blasey Ford (rechts) während ihrer Befragung vor dem Justizausschuss des US-Senats © Melina Mara-Pool/Getty Images

Nichts bringt den Stand der MeToo-Bewegung, ihre Erfolge und Grenzen, wohl so sehr auf den Punkt wie der Nominierungsprozess um Brett Kavanaugh, Trumps Kandidaten für den Obersten Gerichtshof des Landes. Genau ein Jahr nach dem Start einer Bewegung, die Politiker ihren Sitz im Kongress, Fernsehgrößen ihren Platz vor der Kamera und Köche ihr Sternerestaurant kostete, schaute Amerika dabei zu, wie das Wort eines angesehenen konservativen Juristen gegen das der Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford aufgewogen wurde, die ihm versuchte Vergewaltigung vorwirft. 

Die Anhörungen zeigten ein gespaltenes Land. Die Liberalen feiern Ford als Heldin, in sozialen Netzwerken tauchten schnell Zeichnungen und Memes auf, die die 51-Jährige darstellten wie sonst vielleicht Gandhi, Martin Luther King oder Obama. Die Wut, mit der die Frauen im Land auf die Aussagen von Kavanaugh reagierten, war Ausdruck der Kraft, die die MeToo-Debatte ihnen gegeben hat. Sie zwangen Trump sogar, noch einmal einzulenken und das FBI mit Ermittlungen zu beauftragen.

Amerika schaut hin. Institutionen wie das New Yorker Ballett entließen Führungen und Tänzer, selbst Firmen wie Uber schufen auf öffentlichen Druck hin Abläufe, die Sexismus und Belästigung eindämmen sollen, Kalifornien erwägt nicht ohne Grund eine Quote für Frauen in Führungspositionen.  

Auch im Alltag ist die Bewegung angekommen. Männer entschuldigen sich im Zweifel ein paar Mal mehr, wenn sie das Gefühl haben, eine Frau in eine unangenehme Situation gebracht zu haben, sicher ist sicher. Viele Mütter ermahnen ihre Söhne nun noch eindringlicher, mit Frauen respektvoll umzugehen, bevor sie fürs College wegziehen. Dort hängen in vielen Waschräumen inzwischen neben der Aufforderung, sich die Hände zu waschen, auch Schilder, die dazu ermahnen, von Sexualpartnern vorab ausdrücklich ein Einverständnis einzuholen. Nein, das wird ihnen häufiger deutlich gemacht als je zuvor, heißt NEIN. Darauf beschränkt sich allerdings die Sexualerziehung vielerorts. Es sei, schreibt die Autorin Peggy Orenstein in ihrem Buch über männliche Teenager, als sage man ihnen, sie sollten bitte keine alten Damen umfahren und drücke ihnen dann den Autoschlüssel in die Hand. "Natürlich hatten sie das nicht vor, und fahren können sie immer noch nicht."

Doch der Fall Kavanaugh zeigt auch, wie wenig sich geändert hat. Vor 27 Jahren beschuldigte schon einmal eine Frau einen nominierten Richter des sexuellen Übergriffs. Anita Hill saß damals fast ausschließlich weißen Männern gegenüber, ihre Aussagen wurden vor allem von konservativen Senatoren und Medien schnell relativiert. Nicht anders erging es Ford. Der US-Präsident selbst machte sich bei einem Auftritt in Mississippi ganz offen über die Gedächtnislücken von Ford lustig. Abgestraft wurde er dafür nicht. Im Gegenteil: Das Publikum vor Ort feierte ihn.

Und wie schon vor 27 Jahren hatte die Aussage des mutmaßlichen Opfers am Ende keine Wirkung. Brett Kavanaugh wurde nach Abschluss der kurzen FBI-Untersuchung zum Richter am Supreme Court auf Lebenszeit benannt.

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