Am Ende finden sie ein Grab

Die Frauen von Los Mochis sagen, sie seien auf der Suche nach ihren tesoros, ihren Schätzen. Sie wählen dieses Wort, um auszuhalten, was sie tun. Denn sie wissen: Wenn sie etwas finden, sind es sehr wahrscheinlich Gräber oder Knochen – auch wenn sie beten, dass dem nicht so sein möge. Die Mütter von Los Mochis suchen ihre verschwundenen Kinder, jeden Mittwoch und jeden Sonntag. 

Es ist kurz nach acht Uhr früh, als sich ein Dutzend Frauen in einem Ladenlokal in Los Mochis versammelt. Unter ihnen sind Mirna Nereida Medina, die Gründerin der Gruppe; Irma Lizbeth Ortega, deren Tochter Zumiko vor zweieinhalb Jahren verschwand; und Reyna Rodríguez, deren Sohn Eduardo mit Zumiko unterwegs war und der in der Nacht ihres Verschwindens vergeblich versuchte, Freunde zu Hilfe zu rufen.

Die Frauen tragen Jeans und schwere Schuhe, langärmlige Blusen, Hüte, Halstücher und dunkle Brillen. Sie nennen sich Rastreadoras, Spurensucherinnen: Las Rastreadoras de El Fuerte, nach einer Stadt und einem Fluss in der Nähe. Sie müssen sich vor der Sonne schützen, sie werden den ganzen Tag draußen sein. 

Alle zwei Stunden verschwindet jemand

Gruppen wie diese gibt es im ganzen Land, denn überall in Lateinamerika verschwinden Menschen. Oder besser gesagt: Man lässt sie verschwinden. Es begann während der Militärdiktaturen der Sechzigerjahre, als die Generäle ihre Gegner verhaften, foltern und ermorden ließen – oft heimlich, sodass niemand vom Schicksal der Opfer erfuhr. Deshalb nannte man sie Desaparecidos, Verschwundene. Es waren Zehntausende, in Argentinien, Guatemala, Kolumbien. Seither ist "verschwinden" in Lateinamerika nichts, was man tut, sondern etwas, das mit einem geschieht. Fue desaparecido, sagen die Zurückbleibenden, oder fue desaparecido forzosamente: Man hat ihn (oder sie) gewaltsam verschwinden lassen. 

Heute ist Mexiko das Land der Desaparecidos: Wegen des Drogenkriegs, wegen der Straflosigkeit, und weil die Behörden oft korrupt sind und mit der organisierten Kriminalität gemeinsame Sache machen.

Mirna Medina, die Gründerin der Gruppe, mit einem Suchplakat © Alexandra Endres

Wie viele Menschen genau im Land verschwunden sind, weiß niemand. Die offizielle Statistik sagt, derzeit seien es mehr als 37.000; aber die Register sind nicht zuverlässig. Verbände von Angehörigen sagen, es seien Tausende mehr, Menschenrechtsorganisationen wie Brot für die Welt vermuten gar, "aufgrund der Knochenfunde" könnten vier- bis zehnmal so viele Menschen verschwunden und umgebracht worden sein. 

Es gibt Hinweise darauf, dass manche Täter aus den Reihen der Sicherheitskräfte kommen, also aus der Polizei, Armee oder Marine. Zeugenaussagen und Fotos belegen in solchen Fällen beispielsweise, dass die Verschwundenen von Uniformierten angehalten und in offiziellen Polizeifahrzeugen weggebracht wurden. Allerdings kamen sie nie auf der Wache an. In anderen Fällen haben die Täter mit der organisierten Kriminalität zu tun, mit Drogenbanden oder Menschenhändlern, die Frauen zur Prostitution zwingen. Auch Fälle von Organhandel sollen schon vorgekommen sein. Weil die Täter so gut wie nie bestraft werden, verschwinden immer weiter Menschen.

In der jetzt zu Ende gehenden sechsjährigen Amtszeit des Präsidenten Enrique Peña Nieto, so haben mexikanische Medien ausgerechnet, ist durchschnittlich alle zwei Stunden eine Person verschwunden. Im nördlichen Bundesstaat Sinaloa, wo Los Mochis liegt, gibt es besonders viele Fälle. Sinaloa ist die Heimat des gleichnamigen Drogenkartells.    

An der Tankstelle verschwunden

Los Mochis in Sinaloa

Mirnas Sohn Roberto wurde am 14. Juli 2014 entführt. "Ein Pick-up kam zu der Tankstelle, an der er Handy-Zubehör verkaufte. Sie haben ihn gezwungen, einzusteigen. Wir haben nichts mehr von ihm gehört", sagt sie. Drei Tage lang wartete die Mutter, dann ging sie zur Polizei, um eine Anzeige aufzugeben. Die Beamten legten eine Akte an – und sagten Mirna, mehr würden sie nicht tun. Sie würden nicht nach Roberto suchen.

"Ich war so wütend", sagt sie. "Und ich fühlte mich so ohnmächtig." Dann begann sie selbst mit der Suche. Mirna wandte sich an die Lokalzeitung und verschickte Suchaufrufe über die sozialen Medien. "Die Leute sagten, ich sei verrückt. Ich bin einfach mit einer Schaufel und einer Machete losgezogen und habe überall gesucht. An den Bahngleisen, am Fluss, an Feldwegen. Nach einer Woche fand ich ein erstes Grab." Es war nicht Roberto, der darin lag. Nach und nach schlossen sich andere Frauen, deren Kinder auch verschwunden waren, an.

Viele Angehörige berichten von ähnlichen Erlebnissen. Gehen sie zur Polizei, werden sie mit Vermutungen abgespeist: Ihre Tochter wird mit dem Freund durchgebrannt sein, heißt es dann, oder ihr Sohn wird über die Grenze in die USA gegangen sein. Dabei wäre es wichtig, schnell mit der Suche zu beginnen, um  eine Chance zu haben, die Vermissten zu finden. Wer Anzeige erstattet, wird manchmal bedroht. Viele Angehörige haben Angst vor Repressalien oder glauben, dass die Sicherheitskräfte ihnen ohnehin nicht helfen und melden das Verschwinden ihrer Kinder nicht mehr. Auch deshalb weist die Statistik viel zu niedrige Zahlen auf. 

Ein Gruppenfoto im Büro der "Rastreadoras" © Alexandra Endres

"Sucht dort, wo der Viehpferch und der Mesquite-Baum sind"

Auf dem Weg zur Suchaktion in der Gemeinde Las Grullas Margen Derecha © Alexandra Endres

Die Rastreadoras plaudern und warten auf das Signal zum Aufbruch. An der Wand des Ladenlokals hängt eine grobe Schaufel, hinter einer Trennwand ein Computer, daneben ein paar Papiere. Rechner, Internet, Telefon, Schaufeln und Macheten sind ihre wichtigsten Werkzeuge. Vor das Schaufenster haben sie ein Banner gespannt. "Verschwundene von El Fuerte und Nord-Sinaloa" steht darauf, darunter 13 Fotos und 13 Namen, zwölf Männer und eine Frau. Sie ist Zumiko Félix Ortega, lange blonde Haare, selbstbewusst, ein wenig spöttisch lächelt sie in die Kamera. Daneben Eduardo González Rodríguez, blass, ernst, mit dunklen Ringen um die Augen. Er trägt eine stachlige Gel-Frisur und ein schwarzes T-Shirt.

Die Mütter wollen heute nach Zumiko und Eduardo suchen, denn sie haben einen anonymen Hinweis erhalten, wo die beiden sein könnten: In der Gemeinde Las Grullas Margen Derecha, nordöstlich von Los Mochis auf der rechten Seite des El-Fuerte-Flusses. "Sucht dort, wo der Viehpferch und der Mesquite-Baum sind", lautete die anonyme Botschaft an die Rastreadoras.

Irgendwann hörte das Handy auf zu klingeln

Lizbeth trägt das Foto ihrer Tochter auf dem T-Shirt. Die Mutter sieht der jungen Frau ähnlich. Auf Lizbeths Rücken steht: Te buscaré hasta encontrarte, Ich werde suchen, bis ich dich finde. Es ist der Wahlspruch der Rastreadoras. Lizbeth sagt, anfangs sei sie nicht in der Lage gewesen, bei den Suchaktionen selbst zu graben. "Wie sollte ich meine Tochter mit einer Schaufel suchen? Ich wollte nicht wahrhaben, dass sie tot sein könnte. Ich war wie paralysiert."  

Lizbeth Ortega verlor ihre Tochter © Alexandra Endres

Sie erinnert sich an den Tag, an dem Zumiko verschwand. Es war der 9. Februar 2016. Ihre Tochter war mit Eduardo, ihrem Schwager, nach Los Mochis gefahren, um dort ein Geschenk für eine Freundin zu kaufen. Beide kamen nicht zurück.

Lizbeth rief ihre Tochter an – und hörte, wie Zumiko und Eduardo von einem anderen Auto verfolgt wurden, wie die Türen schlugen, als die beiden aus ihrem Wagen sprangen und wegliefen, wie ihre Tochter außer Atem geriet. "Ich sagte, leg nicht auf, ich will hören, was passiert. Sie sagte, ich solle mir keine Sorgen machen, es sei alles in Ordnung. Sie habe mich lieb." Dann brach die Verbindung ab. Wieder und wieder rief Lizbeth an. Ihre Tochter nahm nicht mehr ab. Irgendwann hörte das Handy auf zu klingeln. 

Hoffnung und Verzweiflung

Die Mütter brechen auf. Mirna und ihr Leibwächter steigen in ein Auto. Der Staat Sinaloa stellt ihr bewaffneten Schutz zur Seite, seit eine andere Aktivistin und der Journalist Javier Valdez, der die Arbeit der Rastreadoras begleitete, ermordet wurden.

"Ich werde suchen, bis ich dich finde" steht auf den T-Shirts der Mütter. © Alexandra Endres

Der Rest der Gruppe drängt sich auf die Ladefläche eines Pick-ups. Es wird gescherzt und gelacht. Das hilft gegen den Schmerz, die Ohnmacht, die Wut – und die Anspannung, die sich immer vor einer Suche einstellt. Widersprüchliche Gefühle seien das, sagt eine Mutter. "Man hofft, etwas zu finden" – und doch wieder nicht. "Denn sobald du etwas findest, zerschlägt sich jede Hoffnung. Aber wenn du nichts findest, verzweifelst du."

Eine gute Stunde sind sie unterwegs, passieren zwei Ortschaften, Wassergräben, Mangobäume und Felder, auf denen vereinzelt Traktoren fahren. In einem Supermarkt kaufen sie Wasser, Kekse, Energy Drinks und Eis. Die Wege werden schmaler, der Asphalt dünner und brüchiger. Irgendwann gibt es nur noch Staub; hier die richtige Richtung zu finden, ist schwer. 

Suche auf Brachland

Um elf Uhr vormittags erreichen die Rastreadoras den Ort, den sie heute absuchen wollen. Brachland, weit weg von Siedlungen und Feldarbeitern: ausgedörrte Erde, widerspenstiges Gestrüpp, wenige Wassergräben, Stechmücken, ein paar Bäume mit fedrigen Blättern. Feiner, weißer Salzstaub liegt über dem Boden, das Meer ist nicht weit. 

Der Tippgeber hatte angekündigt, jemand werde kommen, um die Stelle zu zeigen. Doch niemand taucht auf. Sie müssen selbst suchen. Die Rastreadoras ziehen ihre Halstücher hoch und die Hüte ins Gesicht, setzen Sonnenbrillen auf und streifen ihre Handschuhe über. Dann greifen sie Schaufeln, Stöcke und Macheten und verteilen sich über das Gelände.

Ignacio sucht Ignacio

Zwei "Rastreadoras" bei der Suche © Alexandra Endres

Don Nacho läuft etwas abseits durchs Gestrüpp. Er ist der einzige Mann im Suchtrupp: Ignacio Álvarez, von den Frauen liebevoll Don Nacho genannt, sucht seinen Sohn, der ebenfalls Ignacio heißt. Zornig bahnt sich Don Nacho mit der Machete einen Weg. Ignacio ist seit zweieinhalb Jahren verschwunden. Sein Vater hat versprochen, ihn aufzuspüren ­– und solange er keine Beweise für das Gegenteil hat, will er glauben dass sein Sohn noch lebt. Deshalb weigert er sich, in der Vergangenheitsform von Ignacio zu sprechen.

Die Sonne brennt, immer wieder wischt sich Don Nacho mit einem Handtuch das Gesicht. Nie bleibt er stehen. Die Machete hält er in der rechten Hand, die Schaufel in der Linken, seine Augen suchen das Gelände ab. Ist die Erde irgendwo gelockert? Gibt es Mulden, Reifenspuren? Leere Bierdosen, Stoffreste, irgendwelche Anzeichen, dass Menschen vor den Rastreadoras hier gewesen sind, dass sie eine Last transportierten oder etwas vergruben?

Er fischt einen Gurtfetzen aus dem Unterholz, schmutzig und vertrocknet. Da, eine Mulde. Don Nacho stößt die Schaufel ins Erdreich, um zu prüfen, ob sich der Untergrund ungewöhnlich anfühlt, besonders weich zum Beispiel. Er fängt an zu graben, findet aber nichts.

Sein Sohn Ignacio, hatte Don Nacho gesagt, sei "fröhlich und fleißig. Wie sein Vater". Auf dem Pick-up hatte Don Nacho mit den Frauen gescherzt. Im Moment aber ist da nichts außer Ohnmacht und Wut. Don Nacho rennt weiter.

"Irgendwann werden sie Gerechtigkeit erfahren"

Im Norden Sinaloas, wo Los Mochis liegt, würden etwa 600 Menschen vermisst, sagen die Rastreadoras. In ganz Sinaloa sind es offiziellen Daten zufolge mehr als 3.400. Die 120 Toten, die die Mütter in den vergangenen vier Jahren gefunden haben, sind in der Statistik schon nicht mehr enthalten. Weil ihr Schicksal geklärt ist, gelten sie nicht mehr als Verschwundene. 

Don Nacho prüft Reifenspuren: Sind sie ungewöhnlich tief? © Alexandra Endres

Junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren verschwinden überproportional häufig. Oft seien die lokalen Drogenbanden beteiligt, sagt eine Frau, oft auch die Sicherheitskräfte – hier in Sinaloa lasse sich beides nicht immer auseinanderhalten. "Die Narcos locken die Jugendlichen an, geben ihnen Waffen, Autos, Drogen", sagt Mirna. "Stell dir einen Jungen vor, vielleicht 15 oder 17 Jahre alt, im Drogenrausch und mit einer Waffe. Stell dir vor, wozu der in der Lage ist!" Ihr Sohn habe weder geraucht noch Drogen genommen. Mirna sagt, sie wisse, wer Roberto entführt habe, und warum. Mehr sagt sie nicht. "Irgendwann werden sie Gerechtigkeit erfahren." 

Manchmal seien die Verschwundenen Abhängige, die ihre Sucht durch Diebstähle oder als Kleindealer im Auftrag der Bosse finanzierten, sagt Dulcina Parra, eine Journalistin aus Los Mochis, die sich seit Jahren mit dem Thema befasst. "Wenn sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen können, dann treiben die Kartelle sie eben auf andere Art ein."

Andere seien zur falschen Zeit am falschen Ort oder in der falschen Gesellschaft unterwegs. "Kollateralschäden", sagt Dulcina. "Sie haben mit dem Drogengeschäft nichts zu tun." Ihr Neffe Blas Ignacio sei so entführt worden, am 24. September des vergangenen Jahres. Bewaffnete in Militärkleidung nahmen ihn mit, weil sie den Mann, den sie suchten, nicht fanden. Seither begleitet Dulcina die Rastreadoras nicht mehr nur als Journalistin.   

Lizbeths Tochter Zumiko wäre heute 24. Warum ist sie verschwunden? Manche von Zumikos Freunden seien schlechte Gesellschaft für ihre Tochter gewesen, sagt Lizbeth. "Vielleicht hat Zumiko etwas mitbekommen, was sie besser nicht erfahren hätte. Das ist alles, was ich weiß." 

Jeans, ein Hemd, ein Sweatshirt

Dulcina Parra, Radioreporterin für Polizei- und Sicherheitsthemen in Los Mochis © Alexandra Endres

Die Frauen haben einen Baum neben einem Viehpferch gefunden: Ist das der Ort, an dem sie graben sollen? Am Boden gibt es eine kleine Vertiefung. Sie stoßen einen Stock ins Erdreich, er trifft auf einen weichen Widerstand. Ein Grab?

Sie fangen an zu buddeln, finden aber nur dreckige, verwitterte Kleidungsstücke: zerrissene Jeans, ein Hemd mit braunen Flecken, ein löchriges Sweatshirt, ein Halstuch. Lizbeth fotografiert – sie hat heute die Aufgabe, alles zu dokumentieren. Mirna prüft Größen, Marken und Herkunft der Sachen. Niemand erkennt die Kleidung. Die Stücke scheinen nicht zueinander zu passen, sie haben unterschiedliche Größen. "Vielleicht hat ein Viehhirte sie vergraben, weil sie kaputt waren", mutmaßt eine Frau. Haben sie am falschen Fleck gegraben? Sie gehen ein paar Hundert Meter weiter und überprüfen den Boden erneut. Nur nicht aufgeben.

Nur wenn die Frauen menschliche Überreste finden, rücken die Behörden an. Sicherheitskräfte sperren dann das Gelände ab und bergen die Toten. "Das ist der leichteste Teil der Arbeit", sagt Dulcina, die Journalistin. Ein Labor in Culiacán, der Hauptstadt Sinaloas, führt dann Gentests durch. Früher mussten sie die Proben nach Mexiko-Stadt bringen, das war viel aufwendiger. "Zwischen all dem Schmerz gibt es auch Fortschritte", sagt Dulcina. Inzwischen habe die Regierung wenigstens anerkannt, dass sie etwas gegen das ständige Verschwinden von Menschen tun müsse. Dennoch würden die Täter so gut wie nie ermittelt.

Mirna fand nur Teile ihres Sohns

Unter einem Baum vergraben finden die "Rastreadoras" zerrissene Kleidung. © Alexandra Endres

Mirna sagt, sie habe immer gehofft, ihren Sohn lebend zu finden. Doch drei Jahre nach seinem Verschwinden fand sie sein Grab. Auf einem schwer zugänglichen Privatgelände suchten die Rastreadoras nach einer anderen Person. Sie wollten die Aktion schon abbrechen, da entdeckte jemand einen Schädel. "Ich rannte zu der Fundstelle", sagt Mirna, "und als ich vielleicht noch 15 Meter davon entfernt war, konnte ich Roberto riechen." Je näher sie kam, desto sicherer habe sie gewusst, dass sie ihren Sohn gefunden habe. 

Im Grab fand sie Robertos Socken und ein paar der Gegenstände, die er an der Tankstelle verkauft hatte. Außerdem Schädelteile und vier Wirbelknochen. Die Frauen packten die Überreste in eine Papiertüte und übergaben sie der Staatsanwaltschaft.

Mirna prüft die gefundene Kleidung. © Alexandra Endres

Elf Tage später erhielt Mirna das Ergebnis des Gentests. Die Knochen waren die ihres Sohnes. Die Familie bestattete sie. Jetzt hat sie einen Ort, um zu trauern. Doch Mirna will auch den Rest ihres Sohnes zurück. Am 14. Juli 2018, dem vierten Jahrestag von Robertos Entführung, suchten die Rastreadoras das gleiche Gelände noch einmal ab. "Wir fanden Füße", sagt Mirna, "Knie. Und andere kleine Teile".

"Warum müssen wir Mütter das tun?"

Zumiko und Eduardo bleiben heute verschwunden. Als den Frauen klar wird, dass sich in der Erde zwischen Baum und Viehpferch nur Kleidungsstücke befinden, treffen sie sie sich am Pick-up. Der Wasserkanister kreist, kurze Pause. 

Lizbeth hat die ganze Zeit ihre Fassung bewahrt. Jetzt verschwindet sie im Gebüsch, man hört sie laut schluchzen. Reyna steht tränenüberströmt unter einem Baum, die Schaufel in der Hand, als ob sie sofort weitergraben wolle. Daneben Mirna. "Warum müssen wir Mütter das tun?", fragt sie, "warum müssen wir mit Macheten und Schaufeln nach unseren Kindern suchen?"

Ihr ist klar, dass sie an diesem Tag höchstwahrscheinlich nichts mehr finden werden. Aber die Frauen wollen ihre Suchaktion nicht abbrechen. Deshalb schreiten sie das Gelände weiter ab, Schritt für Schritt, Stunde um Stunde. Lizbeth läuft schnell weit voraus, den Blick auf den Boden geheftet. Vielleicht entdeckt sie ja noch etwas, irgendeinen Hinweis, der vorher übersehen wurde. "Wenn Gott mir meine Tochter genommen hat, dann akzeptiere ich das", hatte sie vor der Abfahrt gesagt. "Aber er soll sie mir zurückgeben. Egal wie." 

Um sechs Uhr abends müssen sie aufgeben. Aber nur für dieses Mal, darauf bestehen sie. Vier Tage später werden die Rastreadoras wieder mit ihrem Pick-up rausfahren zur nächsten Suche. Und dann erneut, mittwochs und sonntags.