Politiker in und aus Ostdeutschland haben anlässlich des Tags der Einheit mehr Respekt für die Menschen in Ostdeutschland gefordert. Auch 28 Jahre nach der Wiedervereinigung machten die Ostdeutschen "immer wieder die Erfahrung, dass sie sich rechtfertigen müssen – für alles", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. 

Nach seiner Einschätzung gibt es im Umgang zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen menschliche Defizite, das Miteinander sei "bis heute oftmals verheerend", die Menschen im Osten erlebten "nahezu täglich Verletzungen". Dabei leisteten sie genau so viel für die deutsche Einheit wie die Menschen im Westen. Die Ostdeutschen arbeiteten länger , und das für weniger Lohn, und müssten sich dann noch anhören, sie seien undankbar. "Es geht aber nicht um Dankbarkeit, sondern um Respekt", sagte Thüringens Ministerpräsident.

Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) forderte "eine stärkere Sichtbarkeit und Wertschätzung der Ostdeutschen". "Fast drei Jahrzehnte nach der Einheit haben wir immer noch nicht volle Lohn- und Rentengleichheit erreicht", sagte er dem Tagesspiegel. Der Osten leide nach wie vor unter strukturellen Defiziten. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig (SPD), sagte, dass ein verstärktes Augenmerk auf die Angleichung der Löhne gerichtet werden müsse. "Gleichwertige Lebensverhältnisse sind erst erreicht, wenn wir gleiche Löhne und gleiche Renten haben", sagte Schwesig der Zeitung.

Woidke erklärt außerdem, dass zu einer Gleichstellung von Ost und West auch die Ansiedlung von mehr Bundesbehörden in Ostdeutschland gehöre. Sachen-Anhalts Ministerpräsident, Reiner Haseloff (CDU), sagte dem Tagesspiegel, dass bei der Besetzung von Bundesbehörden außerdem Beamte aus dem Osten angemessen zu berücksichtigen seien.

Ostbeauftragter lobt Aufholprozess

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christian Hirte (CDU), wiederum würdigte den Aufholprozess in den ostdeutschen Bundesländern. "Wir haben allen Grund, stolz auf die letzten 28 Jahre zu blicken." Er gab allerdings zu bedenken, dass sich die Regionen sehr unterschiedlich entwickelten und ihre eigenen Besonderheiten hätten. "Deshalb sollten wir auch nicht den Anschein erwecken, als ginge es darum, dass alles überall gleich werden müsse", erklärte der CDU-Politiker. "Einheit bedeutet nicht Gleichheit." Ziel der Bundesregierung sei es, dass es überall "in Summe" gute Lebensbedingungen gebe.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mahnte zum Tag der Deutschen Einheit mehr Wertschätzung für die Grundwerte des Zusammenlebens in Deutschland an. "Wir sollten daran denken, wie prekär und fragil das alles ist, was unser Land so erfolgreich und lebenswert macht", sagte er. Jeder Bürger sei mitverantwortlich dafür, dass auch kommende Generationen in Einigkeit und Recht und Freiheit leben könnten.

Am Mittwoch nimmt Steinmeier zusammen mit den weiteren Spitzenvertretern von Bund und Ländern an einem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Berliner Staatsoper teil. In der Hauptstadt findet zugleich zwischen Bundestag, Brandenburger Tor und der Straße des 17. Juni noch bis Mittwoch ein dreitägiges Bürgerfest statt, zu dem mehr als eine Million Besucher erwartet werden.