"Alle für eine Idee!" Dieses Motto gaben sich die Gründer, als sie an einem Juliabend vor zwei Jahren etwas ganz Neues schufen: eine Genossenschaft zur "Förderung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Belange" in Mecklenburg-Vorpommern. Die Genossenschaft sollte Wirtschaftsstrukturen im Nordosten aufbauen, Jobs für Kameraden schaffen, Häuser kaufen, Firmengründungen und bestehende Betriebe unterstützen, um der Abwanderung und den sinkenden Geburtenraten entgegenzuwirken. So hielten es die Gründungsmitglieder in der Satzung fest. Den 23 Männern und Frauen schwebte wohl so etwas wie ein kleines, braunes Wirtschaftswunder vor.

Als Firmensitz der "Mecklenburg-Vorpommerschen Strukturentwicklungs-Genossenschaft eG (MVSE)" wählten sie eine Adresse im Gewerbegebiet am Rande der mecklenburgischen Kleinstadt Grevesmühlen. Eine dunkelrote Rune prangt auf dem Giebel des Gebäudes, daneben steht in Frakturschrift "Thinghaus". Ein hoher Zaun riegelt die Anlage ab.

Auch die Unterschriften unter dem ersten Sitzungsprotokoll machten diese Mecklenburg-Vorpommersche Strukturentwicklungs-Genossenschaft eG zu einem außergewöhnlichen Projekt. Die Liste der Teilnehmerinnen und Teilnehmer liest sich wie das Namensregister eines Verfassungsschutzberichts. Gründer waren demnach nicht nur Rechtsextreme aus der militanten Kameradschaftsszene und Politiker der NPD, sondern auch zahlreiche ehemalige Mitglieder der inzwischen verbotenen neonazistischen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ), die Kinder im Stil der Hitlerjugend in Wehrsportlagern zur rechtsextremen Elite herangezogen hatte.

"Ein Novum in der rechtsextremistischen Szene"

Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern nannte die braune Genossenschaft in seinem jüngsten Jahresbericht "ein Novum in der rechtsextremistischen Szene". Doch als der Bericht Ende Juli vorgestellt wurde, war die MVSE bereits seit vier Wochen Geschichte – das zeigen Recherchen von ZEIT ONLINE und der ZEIT.  

Nicht eine Spezialeinheit der Polizei oder des Geheimdienstes beendeten die Träume der Neonazis von einem braunen Wirtschaftsnetzwerk im Norden, sondern ein Unternehmensberater aus Berlin. Norbert Rückriemen sitzt im Vorstand des Prüfungsverbandes der kleinen und mittelständischen Genossenschaften. Einem solchen Verein muss jede Genossenschaft beitreten. Der Berliner Verband, der mehr als 200 Genossenschaften verschiedener Branchen – Kleingartenvereine, alternative Kurierdienste oder das Medienprojekt Krautreporter – vertritt, hatte die Neulinge aus Grevesmühlen im Jahr 2016 geprüft und als Mitglied aufgenommen.

"Strukturförderung im ländlichen Raum ist ja erst mal ein löbliches Ziel", sagt Norbert Rückriemen. Dass sich allerdings Rechtsextreme dieses Anliegen zu eigen gemacht hatten, das wurde dem Unternehmensberater erst Anfang dieses Jahres klar, als Medienberichte über die braunen Genossen erschienen. Einem rechtsextremen Förderprojekt in der ostdeutschen Provinz wollte der Prüfungsverband mit seiner Expertise jedoch nicht behilflich sein.

Tagsüber Unternehmer, nach Betriebsschluss Aktivist

Doch auch wenn dieser eine Versuch der Rechten gescheitert ist, beobachtet der Verfassungsschutz die Entwicklung im Nordosten mit Sorge. Nach dem Verbot von rechtsextremen und völkischen Organisationen wie dem Rechtsrock-Netzwerk Blood and Honour und dem Wehrsportlagerverein HDJ sowie dem Ausscheiden der NPD aus den Landtagen haben die Neonazis an der Ostsee ihre Aktivitäten verlegt. Sie probieren sich nun vermehrt im Unternehmertum.

Es sei der Versuch der Szene, "wirtschaftlich autark zu werden", sagte Reinhard Müller, Verfassungsschutzchef in Mecklenburg-Vorpommern, kürzlich in einem Interview. Rechtsextremisten erteilten sich gegenseitig Aufträge, "weil sie wegen ihrer Einstellung auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben". Dadurch entstünden neue Netzwerke auf wirtschaftlicher Ebene.

Und so gibt es inzwischen diverse Firmen mit rechtem Hintergrund in der Region. Die Kameraden verlegen Estrich, fällen Bäume oder vermieten Hüpfburgen. Ihre Betriebe siedeln sie in Landstrichen an, wo die Kundinnen und Kunden nur noch wenig Auswahl haben, wenn sie einen Handwerker suchen. Gleichzeitig verschaffen sich die Rechten damit als Arbeitgeber Respekt und das auch bei Menschen, die nichts mit der Neonaziszene zu tun haben. Wer regelmäßig im Restaurant eines Rechtsextremen speist, wird sich ihm nicht in den Weg stellen, wenn er eine islamkritische Demonstration durch die Heimatstadt anführt. Vielleicht schließt er sich dem netten Wirt sogar an. Mit vermeintlich unpolitischen Dienstleistungen versuchen die Neonazis, ihre Ideologie in die Mitte die Gesellschaft zu tragen.  

Tagsüber strebsame Unternehmer, abends politische Aktivisten

Die Funktionäre der braunen Genossenschaft sind dabei beides: tagsüber strebsame Unternehmer, nach Betriebsschluss dann politische Aktivisten. Der Aufsichtsratsvorsitzende der MVSE etwa hat einen Malerbetrieb. Doch arbeitete er auch für die NPD-Fraktion im Landtag und war selbst Kreistagsabgeordneter der Partei.

Einer der Vorstände der Genossenschaft führt als Fachingenieur einen Schweißbetrieb. Gleichzeitig lebt er in dem überwiegend von Neonazis bewohnten Dorf Jamel und feierte eine völkische Hochzeit. Ein zweiter Vorstand gibt an, als "Projektmanager" in Rostock tätig zu sein, besuchte aber auch NPD-Veranstaltungen. Und der dritte Vorstand leitete den Versandhandel Frontdienst des NPD-Nachwuchses Junge Nationalisten (JN) und war Bundesvorstand der JN.

Persönlicher Abschiedsbesuch

Nach Recherchen von ZEIT ONLINE und ZEIT waren mindestens acht Genossenschaftsgründer in der Heimattreuen Deutschen Jugend aktiv, einige sogar als sogenannte "Einheitsführer". Mehr als zwei Drittel der Gründer kommen aus der NPD, darunter hochrangige Funktionäre und ehemalige Landtagsabgeordnete. Mitglieder des rechten Wirtschaftsnetzwerks hatten Kontakte zum Umfeld der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Sie waren in militanten Kameradschaften in Süddeutschland und im Norden aktiv und betreiben Versandhäuser für die Neonaziszene.    

Das alles konnte Norbert Rückriemen vom Genossenschaftsprüfverband so genau nicht wissen. Aber er verstand schnell, dass sein Verbandsmitglied MVSE so gar nicht zu den anderen Unternehmen in seinem Verein passte. Schließlich besorgte er sich das Buch Mit Rechten reden, machte einen Ortstermin und fuhr in die mecklenburgische Kleinstadt Grevesmühlen. Es war ihm ein Anliegen, den Rechtsextremen persönlich zu erklären, warum er keine gemeinsame Zukunft für deren Projekt und seinen Verband sah.

"Ich hab mich dann zwei Stunden mit denen unterhalten", erinnert er sich. Zumeist relativ junge Leute hätten ihm gegenübergesessen, sagt er. Und dass ihm deren "Sendungsbewusstsein" und "Idealismus" sofort aufgefallen seien. "Das sind keine dummen Leute, einige haben studiert." Eigentlich verfolge die Genossenschaft ja auch legitime Anliegen, findet Rückriemen: Sie wolle etwas gegen die Verödung der Landstriche tun, gegen das Gefühl vieler Menschen dort, alleingelassen zu werden. "Mich hat das wirklich interessiert: Wie kommen Leute dazu, so zu denken?" Er habe den Vorstandsmitgliedern aus der Genossenschaft zu verstehen gegeben: Was ihr wollt, das kann ich gutheißen. Was ihr denkt, das geht gar nicht.

Warum es ohne Wirtschaftsprüfer nicht weitergeht

Der Prüfer aus Berlin legte den Vertretern der Genossenschaft deshalb eine Trennung nahe. Am 30. Juni endete die Mitgliedschaft. Dieser freundliche Rauswurf war weit mehr als eine Formalität, denn ohne Prüfverband ist eine Genossenschaft lahmgelegt.

Das muss den rechtsextremen Strukturförderern auch bald klar geworden sein. Schon im Juni beschloss die erste rechtsextreme Genossenschaft nach nur zwei Jahren ihre Selbstauflösung. So zumindest teilte sie es dem zuständigen Amtsgericht in Schwerin mit. Die Genossenschaft aus Grevesmühlen habe für Ende Oktober einen Notartermin angekündigt, um ihr Ende notariell besiegeln zu lassen, sagt ein Sprecher des Gerichts. Danach könne sie liquidiert und aus dem Register gestrichen werden.

Auf Anfrage wollten sich weder der ehemalige Vorstand noch der Aufsichtsrat der Genossenschaft äußern. "An einem Gespräch mit Ihnen habe ich kein Interesse", sagte der ehemalige Vorstand Andreas Kolb am Telefon. Schriftliche Fragen blieben ebenfalls unbeantwortet.

Doch auch ohne dieses Gemeinschaftsprojekt werden sich die Rechtsextremen von ihrem Plan nicht abbringen lassen. Ihre Unternehmen existieren weiter, auch ohne Genossenschaft. Die Angebote stehen alle Bürgern offen, für einige Kunden gibt es jedoch mancherorts Rabatt: "Für Brüder und Schwestern alter Sitten und Werte."