Die Funktionäre der braunen Genossenschaft sind dabei beides: tagsüber strebsame Unternehmer, nach Betriebsschluss dann politische Aktivisten. Der Aufsichtsratsvorsitzende der MVSE etwa hat einen Malerbetrieb. Doch arbeitete er auch für die NPD-Fraktion im Landtag und war selbst Kreistagsabgeordneter der Partei.

Einer der Vorstände der Genossenschaft führt als Fachingenieur einen Schweißbetrieb. Gleichzeitig lebt er in dem überwiegend von Neonazis bewohnten Dorf Jamel und feierte eine völkische Hochzeit. Ein zweiter Vorstand gibt an, als "Projektmanager" in Rostock tätig zu sein, besuchte aber auch NPD-Veranstaltungen. Und der dritte Vorstand leitete den Versandhandel Frontdienst des NPD-Nachwuchses Junge Nationalisten (JN) und war Bundesvorstand der JN.

Persönlicher Abschiedsbesuch

Nach Recherchen von ZEIT ONLINE und ZEIT waren mindestens acht Genossenschaftsgründer in der Heimattreuen Deutschen Jugend aktiv, einige sogar als sogenannte "Einheitsführer". Mehr als zwei Drittel der Gründer kommen aus der NPD, darunter hochrangige Funktionäre und ehemalige Landtagsabgeordnete. Mitglieder des rechten Wirtschaftsnetzwerks hatten Kontakte zum Umfeld der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Sie waren in militanten Kameradschaften in Süddeutschland und im Norden aktiv und betreiben Versandhäuser für die Neonaziszene.    

Das alles konnte Norbert Rückriemen vom Genossenschaftsprüfverband so genau nicht wissen. Aber er verstand schnell, dass sein Verbandsmitglied MVSE so gar nicht zu den anderen Unternehmen in seinem Verein passte. Schließlich besorgte er sich das Buch Mit Rechten reden, machte einen Ortstermin und fuhr in die mecklenburgische Kleinstadt Grevesmühlen. Es war ihm ein Anliegen, den Rechtsextremen persönlich zu erklären, warum er keine gemeinsame Zukunft für deren Projekt und seinen Verband sah.

"Ich hab mich dann zwei Stunden mit denen unterhalten", erinnert er sich. Zumeist relativ junge Leute hätten ihm gegenübergesessen, sagt er. Und dass ihm deren "Sendungsbewusstsein" und "Idealismus" sofort aufgefallen seien. "Das sind keine dummen Leute, einige haben studiert." Eigentlich verfolge die Genossenschaft ja auch legitime Anliegen, findet Rückriemen: Sie wolle etwas gegen die Verödung der Landstriche tun, gegen das Gefühl vieler Menschen dort, alleingelassen zu werden. "Mich hat das wirklich interessiert: Wie kommen Leute dazu, so zu denken?" Er habe den Vorstandsmitgliedern aus der Genossenschaft zu verstehen gegeben: Was ihr wollt, das kann ich gutheißen. Was ihr denkt, das geht gar nicht.

Warum es ohne Wirtschaftsprüfer nicht weitergeht

Der Prüfer aus Berlin legte den Vertretern der Genossenschaft deshalb eine Trennung nahe. Am 30. Juni endete die Mitgliedschaft. Dieser freundliche Rauswurf war weit mehr als eine Formalität, denn ohne Prüfverband ist eine Genossenschaft lahmgelegt.

Das muss den rechtsextremen Strukturförderern auch bald klar geworden sein. Schon im Juni beschloss die erste rechtsextreme Genossenschaft nach nur zwei Jahren ihre Selbstauflösung. So zumindest teilte sie es dem zuständigen Amtsgericht in Schwerin mit. Die Genossenschaft aus Grevesmühlen habe für Ende Oktober einen Notartermin angekündigt, um ihr Ende notariell besiegeln zu lassen, sagt ein Sprecher des Gerichts. Danach könne sie liquidiert und aus dem Register gestrichen werden.

Auf Anfrage wollten sich weder der ehemalige Vorstand noch der Aufsichtsrat der Genossenschaft äußern. "An einem Gespräch mit Ihnen habe ich kein Interesse", sagte der ehemalige Vorstand Andreas Kolb am Telefon. Schriftliche Fragen blieben ebenfalls unbeantwortet.

Doch auch ohne dieses Gemeinschaftsprojekt werden sich die Rechtsextremen von ihrem Plan nicht abbringen lassen. Ihre Unternehmen existieren weiter, auch ohne Genossenschaft. Die Angebote stehen alle Bürgern offen, für einige Kunden gibt es jedoch mancherorts Rabatt: "Für Brüder und Schwestern alter Sitten und Werte."