#MeToo war erst der Anfang – Seite 1

Im Oktober 2017, nachdem Belästigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, erhob sich die sogenannte MeToo-Bewegung. Daraus entwickelte sich eine umfassende Debatte über sexuelle Selbstbestimmung und den Stand der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Was hat sich innerhalb eines Jahres verändert? In einem Themenschwerpunkt blicken wir zurück.

Was nützt ein Hashtag aus Hollywood den Frauen in Stuttgart oder Erfurt? Um zu ergründen, ob sich ein Jahr nach Beginn der #MeToo-Debatte etwas im Alltag der Frauen in Deutschland verändert hat, liegt es nahe, nach etwas Konkretem zu suchen, nach Zahlen.

Die Zahlen sind allerdings schwer zu interpretieren. Denn bereits vor der MeToo-Debatte wurde in Deutschland über sexuelle Übergriffe und die Kampagne "Nein heißt Nein" mehrerer Frauenrechtsorganisationen diskutiert. Das mündete schließlich in eine Reform des Sexualstrafrechts. Seitdem sind unter anderem Übergriffe auch dann strafbar, wenn das Opfer sich nicht körperlich wehrt, aber Nein sagt oder seine Ablehnung anders zum Ausdruck bringt. Auch überraschendes Grabschen ist nun strafbar. Im November 2016 trat die Novelle in Kraft.

Das hat zur Folge, dass in der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2017 deutlich mehr Fälle von Vergewaltigung, sexuellen Übergriffen und sexueller Nötigung verzeichnet sind. Es bedeutet aber auch, dass sich unmöglich sagen lässt, wie viele der Menschen, die Anzeige erstattet haben, sich seit dem Herbst 2017 durch die MeToo-Debatte dazu ermutigt fühlten.

Auch Monika Schröttle sammelt derzeit noch Daten. Die Sozialwissenschaftlerin leitet eine Studie für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. Im kommenden Sommer soll sie erscheinen. "Bislang wissen wir aus den Daten noch nicht, was sich wirklich getan hat", sagt Schröttle.

Empathie ist wichtig, damit die Taten aufgedeckt werden können

Aus früheren Debatten, sagt Schröttle, wisse man: "Wenn ein gesellschaftliches Klima der Empathie für die Betroffenen herrscht, können sie sich viel leichter an Polizei und Justiz oder auch an Vorgesetzte wenden." Das habe sich etwa gezeigt, als über sexuellen Missbrauch an Jungen in Institutionen wie der Odenwaldschule diskutiert wurde. "Auf einmal haben sich viel mehr Männer getraut, darüber zu sprechen und zu sagen: Auch mir ist das passiert." MeToo könne auch diesen Effekt haben: "Es gibt nun viele Stimmen in der Öffentlichkeit, die sich mit den Betroffenen solidarisieren", sagt Schröttle. "Das ist wichtig, damit die Taten aufgedeckt werden können."

Für ihre Studie fragt das Team von Schröttle nun 1.500 Frauen und Männer, ob sie Erfahrungen mit Gewalt und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gemacht haben. Anschließend werden 100 Betroffene dazu interviewt, wie sie selbst und ihr Umfeld darauf reagiert haben. Anschließend werden Vorschläge zur Prävention erarbeitet. "Wenn mehr Frauen von solchen Übergriffen lesen, dann wird ihnen bewusster, was da eigentlich abläuft. Dann können sie sich besser wehren, wenn es ihnen selbst passiert", sagt Schröttle.

Was die Diskussion auf lange Sicht bewirke, müsse sich noch zeigen, sagt Schröttle. Manchmal bestimme ein Thema die öffentliche Debatte, wie derzeit auch der sexuelle Missbrauch in der Kirche, doch danach sinke die Aufmerksamkeit wieder. Ebenso könnten Stimmen, die den Opfern Instrumentalisierung und Übertreibung vorwerfen, dazu führen, dass wieder weniger Leute sich trauen, darüber zu sprechen.

Etwas verändert sich

Eine konkrete Folge aus der MeToo-Debatte ist die Anlaufstelle Themis, die es seit dem 1. Oktober gibt, dort haben sich die öffentlich-rechtlichen Sender und Film- und Bühnen-Branchenverbände zusammengeschlossen. Betroffene von sexuellen Übergriffen können sich dorthin wenden, auch anonym.

Für alle Frauen gibt es bereits seit Jahrzehnten in vielen Städten Beratungsstellen, an die sie sich wenden können. Die Mitarbeiterinnen dort bekommen direkt mit, wenn sich mehr Frauen trauen, sich Hilfe zu suchen. Monika Schröttle nennt sie deshalb einen "Seismographen" für die Anzeigebereitschaft der Betroffenen.

Es gebe in jüngster Zeit tatsächlich die Tendenz, dass mehr Frauen sich Hilfe suchen, sagt Silvia Zenzen vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff): 2017 wurden in den Büros vor Ort 219.000 Beratungsgespräche geführt, 7.000 mehr als im Jahr zuvor. "Das ist eine gute Nachricht", sagt Zenzen. Allerdings wird beim bff nicht erfasst, welche Frauen sich aufgrund der MeToo-Debatte melden, zudem geht es um Fälle von Partnergewalt und Vergewaltigung ebenso wie um psychische Gewalt, Stalking und digitale Gewalt. Doch auch Zenzen sagt: "Öffentliche Debatten über sexuelle Gewalt führen immer dazu, dass mehr Betroffene sich äußern." 

Arbeitgeber fragen nach Fortbildungen

MeToo sei in Deutschland auf ein gesellschaftliches Klima gestoßen, das sich ohnehin gerade veränderte, sagt Zenzen. "Während der Diskussion um das Sexualstrafrecht hat sich bei vielen schon ein Bewusstsein gebildet: Da passiert etwas." Der bff war einer der Initiatoren der "Nein heißt Nein"-Kampagne. Und auch davor wurde über Sexismus und Übergriffe diskutiert: Nach der Kölner Silvesternacht 2015 und während der #Aufschrei-Kampagne, die 2013 Alltagssexismus sichtbar machen sollte.

Dass sich etwas ändert, merkt Zenzen auch daran, dass viele Arbeitgeber beim bff nach Fortbildungen fragten, weil sie lernen wollten, wie sie besser mit Fällen von sexueller Belästigung im Betrieb umgehen. Ob sich für Frauen, die den Großteil der von Übergriffen Betroffenen ausmachen, etwas verbessert hat, könne sie noch nicht sagen, sagt Zenzen. "Aber zumindest gibt es eine erhöhte Aufmerksamkeit und ein stärkeres Bewusstsein für das Problem."

"MeToo war erst der Anfang", sagt Zenzen. Viele Arbeitgeber fühlten sich nun verantwortlich, richteten Anlaufstellen für Beschwerden ein. Und auch in anderen Bereichen tue sich etwas. Ein Modellprojekt der Sporthochschule Köln sprach gezielt Opfer im Leistungssport an. Die Initiative Ist Luisa hier? des Frauennotrufs Münster richtet sich an Frauen, die mit dieser Codefrage beim Ausgehen unkompliziert Hilfe vom Barpersonal bekommen, wenn sie bedrängt werden.

Doch Zenzen sagt, es gebe auch gesellschaftliche Bereiche, in denen sexuelle Übergriffe noch leicht übersehen werden. In Werkstätten und Wohnheimen für behinderte Menschen etwa. "Wir machen leider die Erfahrung, dass die Betroffenen dort oft nicht ernst genommen werden oder ihnen nicht geglaubt wird."

"Wir waren schon mal weiter"

Die Wissenschaftlerin Schröttle kritisiert außerdem, dass sexuelle Übergriffe auch jetzt noch oft als ein persönliches Problem dargestellt werden, als gehe es nur um einzelne Männer, die sich falsch verhalten. "Wie viel das auch mit Macht und Kontrolle und dem Geschlechterverhältnis zu tun hat, wird ganz wenig diskutiert." Und das, obwohl die Menge der Fälle deutlich zeige, dass es sich um ein strukturelles Problem handele.

"Da waren wir schon mal weiter. In den Siebzigerjahren wurde das Problem als eine Begleiterscheinung patriarchaler Strukturen erkannt, heute wird es psychologisiert und individualisiert." Es werde zu wenig thematisiert, dass es nicht um Sex gehe, sondern um einen Machtkampf, sagt Schröttle. "Wir sind in einem Übergangsprozess, in dem Frauen mehr Macht in gesellschaftlich wichtigen Positionen gewinnen. Sexuelle Gewalt ist da für manche Männer ein Mittel, um die Frauen auf ihren vermeintlich unterlegenen Platz zu verweisen."

Ein Jahr nach Beginn der MeToo-Debatte gibt es also noch keine konkreten Zahlen, an denen sich eine Wirkung messen ließe. Zwar hat sich auch in Deutschland eine Debatte entsponnen, aber es ist deutlich, dass sie nicht für sich allein steht. Sie knüpft an andere Diskussionen an und verstärkt sie. Sie dürfte sich so auf das Leben vieler Frauen ausgewirkt haben, selbst wenn sie sich an der Debatte gar nicht beteiligt haben.