Politische Evangelikale gewinnen an Einfluss in Lateinamerika. Sie prägen mit ihrem konservativen Weltbild Debatten über Geschlechterrollen, Familienverhältnisse und Sexualität, und die Wahlempfehlungen ihrer Pastoren beeinflussen das Stimmverhalten der Wähler. Jüngstes Beispiel ist Brasilien. Welche Folgen hat das für die Gesellschaften?

Sebastian Grundberger, der Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Peru, beschäftigt sich schon länger mit dem Erstarken der Evangelikalen. Gemeinsam mit José Luis Pérez Guadalupe, dem ehemaligen Innenminister Perus und heutigem Vizepräsidenten des Instituto de Estudios Social Cristianos (IESC) in der Hauptstadt Lima, hat er den gerade erschienen Sammelband "Evangélicos y Poder en América Latina" herausgegeben (Evangelikale und Macht in Lateinamerika).

ZEIT ONLINE: Herr Grundberger, welche Rolle haben die Evangelikalen bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien gespielt?

Sebastian Grundberger: Evangelikale bilden dort eine wichtige Wählergruppe: Ihr Bevölkerungsanteil liegt ungefähr bei 30 Prozent. Etwa zwei Drittel der Evangelikalen, die wählen gingen, haben in der Stichwahl für Jair Bolsonaro gestimmt, ein Drittel für seinen Kontrahenten Fernando Haddad. Ich würde nicht sagen, dass sie allein die Wahl entschieden haben, aber sie waren sicher ein wichtiger Faktor.

ZEIT ONLINE: Warum waren sie für Bolsonaro?

Grundberger: Bolsonaro hat sich zwar evangelikal taufen lassen, doch wie religiös er tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. Aber das ist auch gar nicht entscheidend, denn evangelikale Wählerinnen und Wähler stimmen nicht zwingend für einen evangelikalen Kandidaten. Wir haben in allen Ländern, die wir untersucht haben, eins gesehen: Viele von ihnen lassen sich mobilisieren, wenn es kurzfristige gesellschaftliche Konflikte gibt, die mit moralischen Fragen zu tun haben. Dann versammeln sie sich hinter dem Kandidaten, der ihre Positionen vertritt.

ZEIT ONLINE: Bolsonaro hat gesagt, wäre einer seiner Söhne homosexuell, dann solle dieser Sohn besser bei einem Unfall sterben. Meinen Sie solche Positionen?

Sebastian Grundberger ist Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Peru. © privat

Grundberger: Bolsonaros Äußerungen zu Homosexualität haben sicherlich eine Rolle gespielt. Aber diese Wahl war vor allem eine Abstimmung gegen die Arbeiterpartei (PT) und deren Korruption ­– auch für die evangelikalen Wählerinnen und Wähler. Viele von ihnen wollten auf keinen Fall, dass jemand aus der PT wieder an die Macht kommt. Viele haben Bolsonaro deshalb vermutlich nicht wegen, sondern trotz seiner rassistischen, homophoben, gewaltverherrlichenden Aussagen ihre Stimme gegeben.

ZEIT ONLINE: Also hatte es mit ihrem Glauben gar nichts zu tun?

Grundberger: Die Evangelikalen wollen eine moralische Gesellschaft – moralisch aus ihrer Sicht. Die Antikorruptionsdebatte in Brasilien konnten sie deshalb leicht aufnehmen. Moralisch heißt für sie aber auch: keine Drogen, kein Alkohol. Sie haben konservative Vorstellungen über Sexualaufklärung und sind gegen Abtreibung und die gleichgeschlechtliche Ehe. Aber: Sie haben kein schlüssiges Konzept in anderen Politikfeldern, beispielsweise zur Sicherheitspolitik, zu den Renten, zur Bildung, zur Sozialpolitik.

ZEIT ONLINE: Wie stark können sie ihre Ideen denn durchsetzen?

Grundberger: Ihr Einfluss wächst. In den vergangenen zwei Jahren haben sie bei unterschiedlichen Wahlen eine große Rolle gespielt. Dass in Kolumbien der Friedensvertrag abgelehnt wurde, lag auch am starken Einfluss der evangelikalen Gruppen. Sie behaupteten, der Vertrag zwinge den Menschen eine "Gender-Ideologie" auf. Dagegen mobilisierten sie ihre Anhänger – und zwar erfolgreich. Dabei hatte all das mit dem Friedensvertrag kaum etwas zu tun.

In Rio de Janeiro wurde ein Bischof der Universalkirche des Königreichs Gottes zum Bürgermeister gewählt. In Costa Rica gewann ein Kandidat die erste Runde der Präsidentschaftswahlen, der gegen die gleichgeschlechtliche Ehe mobilisierte. Seine gesamte Kampagne fußte auf diesem einen Thema. In Mexiko hat ein linker Präsidentschaftskandidat, Andrés Manuel López Obrador, sich mit einer kleinen, konservativen evangelikalen Partei verbündet und die Wahl gewonnen.

 In Peru und in Argentinien wurden auch durch ihren Einfluss Passagen aus Schulbüchern entfernt, die ihren Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen und Sexualaufklärung nicht entsprachen.

ZEIT ONLINE: Woher kommt der wachsende politische Einfluss der evangelikalen Kirchen in Lateinamerika?

Grundberger: Wir beobachten schon seit längerer Zeit, dass die Zahl ihrer Anhänger steigt. In Zentralamerika, also Honduras, El Salvador und Guatemala, ist der Anteil der Evangelikalen an der Bevölkerung besonders hoch, rund 40 Prozent. In Kolumbien sind es rund 20 Prozent, in Chile und Argentinien etwas weniger. Das sind alles potenzielle Wählerinnen und Wähler. Gemessen daran sind die Evangelikalen in den Parlamenten immer noch klar unterrepräsentiert. Ihr Einfluss könnte also künftig noch weiter steigen.

ZEIT ONLINE: Was macht diese Kirchen für die Menschen so attraktiv?

Grundberger: Sie vermitteln ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Ihre Pastoren gehen in die ärmsten Viertel und in den kleinsten Hinterhof. Sie nehmen die Sorgen der Leute ernst. Der Glaube ist sehr emotional und persönlich, es gibt ekstatische Momente, Umarmungen, man teilt persönliche Lebensgeschichten miteinander und betet füreinander. Sie geben moralischen Halt und konkrete Lebenshilfe. Sie predigen Fleiß, Arbeitsdisziplin und Pünktlichkeit, und sie helfen den Menschen, von Alkohol und Drogen loszukommen.

ZEIT ONLINE: Ursprünglich suchten evangelische Gemeinden in Lateinamerika aber keinen politischen Einfluss. Warum hat sich das geändert?