Die Boxhandschuhe © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Einfache, verständliche Worte für die Qualen – auch Nele fehlte das, und den Menschen um sie herum. In ihrer Jugend zog sie sich zurück und fand ihr eigenes Rezept: Sie stürzte sich in alles, was die Messerhiebe und Hammerschläge dämpfte. Sie begann mit Kampfsport und bearbeitete die Boxsäcke, bis ihre Knöchel bluteten und sich ihre Schultergelenke entzündeten. Nele ließ sich Spritzen geben, stieg in den Ring und machte weiter. Sie aß Pizza, bis sie sich übergeben musste, um anschließend tonnenweise Eis in sich hineinzustopfen – und sich wieder zu erbrechen. Sie trank Alkohol, nahm Drogen und Tabletten. Von allem zu viel. Viel zu viel.

Sein wie alle anderen

Nele wollte so sein wie alle anderen: ohne diese Schmerzen. Weil sie aber nicht wie alle anderen war, wuchs in ihr die Angst vor Ablehnung. Jammerte sie, bestrafte sie sich dafür. Sie trainierte noch härter, aß und erbrach sich noch häufiger, trank noch mehr Alkohol, nahm noch mehr Tabletten. Sie wollte sich nicht von den Schmerzen diktieren lassen, was ihr Körper schafft und was nicht. Sie trimmte sich darauf, zu funktionieren. Ihre Wortlosigkeit verhärtete sich, bis der Schmerz tabu war. Aber auf ein Blatt Papier schrieb sie: "Ich wünsche mir so, dass ich jedem erzählen könnte, wie es mir geht. Dass mich jeder verdammte Arsch versteht und mit mir fühlt. Dass mich jeder in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles gut wird."

An ein Datum, Nele war 17 Jahre alt, erinnert sie sich genau: Hexennacht. Sie hatte sturmfrei und es gab diese Party im Jugendclub, auf die sie unbedingt gehen wollte. Ihre Freundinnen waren da, die angesagten Leute in der Gegend, ihr Schwarm, einfach alle. Doch Neles Beine spielten nicht mit. Sie schaffte es nicht einmal, sich eine Hose anzuziehen. Aus Frust legte sie sich in die Badewanne, trank Whisky, Martini, Sekt – alles, was sie finden konnte. Dann spülte sie ihre Tabletten hinunter, bis keine mehr übrig waren. Nach ein paar Stunden glaubte Nele, sich besser zu fühlen, schnappte sich ihre Klamotten und machte sich auf den Weg. Sie kam eine Straße weit. Jungs fanden sie in einem Straßengraben.

"Hilf mir doch jemand!"

Wenig später schrieb Nele: "Ich will leben, ich habe doch so viel vor und ich will verdammt noch mal irgendwie mit der Scheiße klarkommen! Oh, bitte hilf mir doch jemand!" Dann begann sie zu kämpfen. Diesmal nicht gegen Boxsäcke, nicht gegen sich, sondern für sich. Sie machte sich schlau, ließ sich in eine Schmerzklinik einweisen und begann eine Psychotherapie. Es folgten drei weitere Therapien.

Der Schmerz blieb. Nicht nur der körperliche, auch das, was die Seele quälte. Doch langsam lernte Nele, die Signale ernstzunehmen, die sie sich selbst sandte. Sie lernte, Vertrauen aufzubauen und Menschen an ihrem Gefühlsleben teilhaben zu lassen. Sie begann mit der Familie und engsten Freunden und Freundinnen zu sprechen, intensiv, stundenlang. Sie gab sich nicht mehr die Schuld an ihrer Situation. Sie eignete sich tägliche Routinen und Tätigkeiten an, die sie ganz realistisch bewältigen konnte. Sie kam wieder aus dem Bett, fühlte sich nicht mehr ununterbrochen schlapp, litt seltener an depressiven Verstimmungen. Nele gewöhnte sich daran, den Schmerz zu ertragen. Und ihre Familie gewöhnte sich daran, ihr den Schmerz nicht abnehmen zu können. "Das hat mir das Leben gerettet", sagt sie.

"Es kommen wieder bessere Tage"

Heute, mit 33 Jahren, weiß Nele, was ihr guttut und was nicht. Körperliche Strapazen sind nicht gut. Stress, Kälte und Übergewicht sind nicht gut. Viel Schlaf und Entspannung hingegen sind gut. Bewegung ist gut, Sneakers sind gut. Und Reden ist gut. Es verhindert, dass Nele sich wieder zurückzieht. Das klingt alles banal, aber wenn sie heute einen schlimmen Tag hat, weiß sie: "Es kommen wieder bessere Tage."

Noch immer isst sie manchmal Pizza, bis ihr schlecht wird, und trinkt Alkohol, wenn der Schmerz unerträglich ist. Tabletten oder Drogen hingegen nimmt sie nicht mehr. Bisweilen läuft sie eine Runde durch den Park – aber nur auf Strecken, auf denen sie niemanden kennt, falls ihre Beine versagen. Weil es noch immer keinen neuen Befund für ihre Schmerzen gibt, hat Nele sie auf ihre Weise visualisiert: Ihren Körper zieren zahlreiche Tätowierungen, Flammen, Messer, Hammer.

Tattoos auf ihrem Oberarm © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Ob es mittlerweile neue Ansätze gibt, um die Schmerzen zu bekämpfen, weiß sie nicht. Ihr Vater schlug vor einigen Jahren vor, es mit einer neuronalen Therapie zu versuchen, um das Schmerzgedächtnis zu beeinflussen.

Ein Leben ohne Schmerzen?

Doch sie lehnte ab. Sie besucht keine Ärzte mehr. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern, wie es ohne Schmerzen ist. Sie hat fast ihr ganzes Leben damit verbracht, den Schmerz zu bekämpfen, ihn zu verdrängen, ihm schließlich einen Platz zuzuweisen. Nun gehört er zu ihr. Ein Leben ohne Schmerzen, das wäre eine Umstellung, vielleicht ein Verlust. Und sich noch einmal umstellen, noch einmal diese Ohnmacht verspüren, das will sie nicht. Das kann sie auch nicht.