Mit Schmerzen im Berliner Treppenhaus © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Nele hat wohl noch nie so offen über ihre Schmerzen gesprochen. In einer besseren Welt aber hätte sie es nicht anonym getan. Weil Betroffene verstanden und entsprechend behandelt würden. Weil Nele sich in dieser Welt für ihre Schmerzen nie geschämt hätte. Die reale Welt ist leider jene, in der Nele ihren Namen nicht nennen wollte. Niemand sollte wissen, dass sie Schmerzen hat.

Schluss

Doch damit ist jetzt Schluss. In dieser Welt möchte ich nicht leben. Ich habe es satt, zu schweigen. Ich bin es leid, mich zu verstellen und zu verstecken. Das ist mir während des Schreibens klar geworden. Es ist Zeit, aufzustehen. Nele ist nur ein Pseudonym. Nele, das bin ich.

Schaut mich an. Ich bin das Mädchen mit dem Pferdeschwanz. Ich bin der Teenager, der schweigend um Hilfe schrie.

Viele haben mir davon abgeraten, meinen Namen zu nennen. Das wird Konsequenzen haben, sagten sie. Natürlich wird es das. Wenn man ab heute meinen Namen googelt, wird dort immer auch "Borreliose" stehen. Da wird "Alkohol" stehen, "Tabletten", vielleicht auch "nicht belastbar". Keine Ahnung, wie viele Jobs ich deswegen nicht bekommen werde. Ich weiß nicht, wie meine Kollegen damit umgehen werden. Ob sie auf mich zugehen oder ob sie so tun, als wüssten sie von nichts.

In Berlin © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Aber es geht nicht anders. Selbst wenn es inzwischen erfolgreiche Therapien geben sollte: Ich kann keine Energie mehr darauf verschwenden, etwas zu bekämpfen, das doch ich selbst bin. Der Schmerz gehört zu mir. Wer ich ohne ihn wäre? Ich will das gar nicht mehr wissen.

Der Schmerz wird bleiben. Also müsst auch ihr, vor denen ich ihn bisher verbarg, mit ihm umgehen lernen. Mag sein, dass das manchen überfordert. Doch dagegen hilft nur reden. Redet mit mir. Gebt mir Mitgefühl, kein Mitleid. Seid nicht überfürsorglich, traut mir Stärke zu, aber habt Verständnis, wenn ich Schwäche zeige. Schont mich nicht, aber gönnt mir Auszeiten. Fragt mich nicht immer, wie es mir geht. Nur ab und an. Und wenn ihr fragt, erwartet keine neue Antwort.

Und selbst all das wird nicht immer funktionieren. Manchmal werdet ihr gar nicht mehr wissen, was ihr tun sollt. Ich bin fein damit, geht mir genauso. Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Aber vielleicht kommen wir in kleinen Schritten weiter. Vielleicht fordern bald mehr von uns, den acht Millionen, Achtsamkeit für ihre Schmerzen. Vielleicht lernt ihr mit der Zeit, einfacher und selbstverständlicher mit uns umzugehen. Es wäre keine perfekte Welt. Aber es bräuchte nicht viel, und es wäre eine Welt, in der nicht immer alles "super" und "bestens" gehen müsste. Es wäre eine Welt, in der auch wir Schmerzmenschen glücklich werden können. Obwohl es wehtut.

Hanna Lauwitz alias Nele © Lena Mucha für ZEIT ONLINE