Susanne Heydenreich muss sich bald vielleicht das dritte Mal in diesem Jahr arbeitssuchend melden. Dabei hat sie genug zu tun: Heydenreich leitet in einem Chemnitzer Jugendclub das Projekt Komm rein!, das Kinder und Jugendliche fit für Demokratie machen soll. Doch ob es das im kommenden Jahr noch geben wird, entscheidet sich erst ein paar Wochen vorher, wie so oft.

Viele der Kinder, die zu ihr kommen, wohnen in dem Stadtteil Sonnenberg, sie kommen aus einem "sozioökonomisch abgehängten Milieu", sagt Heydenreich. Im Projekt sollen die Kinder lernen, eigene Wünsche zu formulieren, zu argumentieren und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Grundvoraussetzungen, um die Gesellschaft mitzugestalten. Dabei ist es Heydenreich wichtig, ihnen zu zeigen, dass es keinen Gegensatz zwischen "denen da oben" und "uns da unten gibt". 

In den vergangenen Monaten wurde viel über Menschen diskutiert, die sich vom politischen System und der Mehrheitsgesellschaft verabschiedet haben, Sachsen stand besonders im Fokus. Ein Projekt wie Komm rein! leistet also einen wichtigen Beitrag gegen die Spaltung der Gesellschaft. Das sehen auch das Familienministerium und das Land Sachsen so, sie fördern das Projekt. Für zwei Jahre stehen Heydenreich 108.000 Euro zur Verfügung. Davon finanziert sie Sachkosten, eine Forschungsbegleitung durch die Fachhochschule Dresden, um die Wirksamkeit des Projektes zu prüfen, und ihre 30-Stunden-Stelle.

Bereits im Sommer nach dem Regierungswechsel musste Heydenreich um die Fortsetzung fürchten. Und damit es 2019 weitergehen kann, muss sie die Gelder rechtzeitig beantragen. Die Formulare dazu fehlten allerdings bis zum 2. Oktober in dem internen Serviceportal für das Bundesprogramm Demokratie leben!.

Das Problem heißt modellhafte Projektförderung

Den Zuwendungsbescheid erhalte sie allerfrühestens Mitte November, schätzt Heydenreich. Sie rechnet zwar mit einer Zusage, weil der letzte Ergebnisbericht anerkannt und das Gesamtkonzept positiv beurteilt wurde. Doch der Bescheid ist auch die Planungs- und Vertragsgrundlage, die sie benötigt, um etwa die Forschungsbegleitung zu bezahlen oder die Honorarstellen auszuschreiben. "Um stabil weiterarbeiten zu können, bräuchten wir den Bescheid drei Monate vorher", sagt sie.

In Sachsen, so wie in ganz Deutschland, arbeiten viele engagierte Menschen in Projekten der Demokratieförderung. Sie geben Kurse in Jugendzentren, kooperieren mit Schulen, beraten Vereine und lokale Verantwortungsträger. Mancherorts sind sie eins der wenigen Freizeitangebote außerhalb rechter Strukturen. Doch es wird ihnen erstaunlich schwer gemacht.

Das Problem heißt modellhafte Projektförderung: Bundes- und Landesministerien, aber auch private Stiftungen, fördern bestimmte Projekte. Die sollen möglichst innovativ sein, zum Beispiel eine neue Methode anwenden. Zusätzlich ist die Förderung der Projekte immer zeitlich begrenzt. Denn Bildung ist eigentlich Ländersache, nur unter diesen Ausnahmen darf der Bund fördern. Und wenn der Zuschuss vom Bund fehlt, unterstützen auch die Länder die Projekte oft nicht weiter.  

Die Befristung bedeutet einen hohen bürokratischen Aufwand, der allerdings schon früher beginnt: Die Anträge, die Menschen wie Heydenreich schreiben müssen, umfassen oft mehr als 20 Seiten. Je nachdem, ob Geld bei Bund oder Land beantragt werden soll, sind sie unterschiedlich aufgebaut. Und auch wenn das Land Sachsen das Projekt kofinanziert, müssen sie zwei separate Anträge stellen. Die Phase der Antragstellung, Planung und Konzeption wird oft nicht finanziert, Heydenreich arbeitet dann ehrenamtlich.