Seehofer zögerte nicht lange. Er wollte die Konferenz unter der Führung des Bundesinnenministeriums behalten. Und er wollte Kerber – den Mann, der die DIK in der Ära Schäuble quasi erfunden hatte. Er gab Kerber, der mittlerweile einige Jahre als Präsident des BDI fungiert hatte, einen Posten als Staatssekretär und die Leitung der Grundsatzabteilung. Heimat, Islam, Zusammenhalt: Kerber, der Mitglied der liberalen Friedrich A. Von Hayek-Gesellschaft ist, liebt das Stöbern in Grundsatzfragen, hat dabei aber eine höchst schlanke Vorstellung vom Staat. Muslime müssten vor allem miteinander klären, was ein deutscher Islam sei. Der Staat werde sich nicht in Dinge einmischen, die ihn nichts angehen.

Was ist dann der Sinn der Islamkonferenz? Für Horst Seehofer, der sich dieser Tage in großer Milde und Wärme zu seinen muslimischen Mitbürgern beugt, ist es vor allem der gesellschaftliche Zusammenhalt. Kerber will nicht zuletzt praktische Fragen lösen: Wie schafft man es, dass die Imame in Deutschland ausgebildet und nicht aus dem Ausland finanziert und gelenkt werden? Dass muslimische Kinder staatlichen Religionsunterricht bekommen?

"Tu doch nicht so"

Am wichtigsten aber: Der deutsche Staat ist Gastgeber eines innermuslimischen Gesprächs, das es ohne Markus Kerber einfach gar nicht gäbe. "Tu doch nicht so", rief die Ahlener Publizistin Lamya Kaddor dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, zu, "als würdest du nie schlecht über liberale Muslime reden. Auf deiner Website wurde mir unterstellt, ich hätte einen Swingerclub gegründet!" Jahrelang haben die Kritikerinnen der Verbände, wie Kaddor, Ateş oder Kelek nach ihren Angaben versucht, bei den Verbänden Gehör zu finden – vergeblich.

Mazyek wiederum hat das Gefühl, in der deutschen Öffentlichkeit würde der Islamdiskurs zu 95 Prozent von den "Islamkritikern" bestimmt. Diese wiederum fühlen sich ausgegrenzt und totgeschwiegen. Eben erregt ein Streit mit der Münchener Journalistenschule die Gemüter, wo Islamkritiker angeblich verunglimpft worden waren und mehr positive Berichterstattung über den Islam gefordert wurde.

Und immer geht es auch darum, wer das Ohr der deutschen Politik hat. Seyran Ateş, Anwältin, Publizistin und Imamin einer liberalen Moschee in Berlin, hat auf ihrer Website ein Foto mit Bundespräsident Steinmeier gepostet, auf dem ursprünglich auch Lamya Kaddor zu sehen war. Auf Ateş' Bild fehlt die entsprechende Hälfte. "Du hast mich rausgeschnitten!", rief Kaddor. "Ich bin nicht gefragt worden, als ihr den Verein Initiative Säkularer Islam gegründet habt!" Das waren Momente, auf denen die Islamkonferenz kollektiv den Atem anhielt. Dass man dann doch weiterredete, sogar zusammen lachte und sich gelegentlich coram publico verzieh – das war die ermutigende Pointe eines deutschen Dramas namens DIK Nummer vier.