Es liegt in der Natur ihres Geschäfts, dass über Mafiabosse viele Legenden kursieren. Aber eine Geschichte über Joaquín Guzmán Loera, genannt El Chapo, der Kurze, scheint gut belegt. Die Journalistin Anabel Hernández erzählt sie in ihrem Buch Los Señores del Narco. Sie berichtet detailreich, und sie nennt viele Quellen. 

Die Geschichte geht so: Als Guzmán im Jahr 1993 das erste Mal verhaftet wurde, brachten mexikanische Sicherheitsbeamte ihn mit einer Boeing 727 in die Nähe von Mexiko-Stadt. Einer von ihnen verhörte El Chapo noch während des Flugs. Der Drogenhändler belastete in seinen Aussagen nicht nur seine Chefs und Kumpanen, sondern auch hochrangige Mitglieder der mexikanischen Generalstaatsanwaltschaft. Er sagte, sie hätten ihn beschützt.

Doch das Vernehmungsprotokoll verschwand auf mysteriöse Weise. Und als El Chapo danach erneut befragt wurde, nahm er alles zurück. Er kenne die genannten Personen gar nicht, gab er nun an. Der Drogenhändler schien Angst um sein Leben zu haben, schreibt die Journalistin.

El Chapo erklärt sich für unschuldig

Bald wird man Guzmán erneut befragen, denn er steht in New York vor Gericht. Die Mitglieder der Jury sind berufen, jetzt sollen Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Eröffnungsplädoyers halten. Der Prozess wird wohl Monate dauern. Er könnte zum teuersten der US-Geschichte werden, auch wegen der umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen.

El Chapo sitzt in Isolationshaft. Die Jurymitglieder sind anonym, die Anklageschrift wurde teilweise geschwärzt, um die Identität von Zeugen zu verschleiern und ihr Leben zu schützen. Der Drogenboss selbst hat sich für unschuldig erklärt. 

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Die Anklage lautet auf Geldwäsche, Drogen- und Waffenhandel. El Chapo soll den Schmuggel von Hunderten Tonnen Kokain, Heroin, Crystal Meth und Marihuana in die USA organisiert haben, durch Tunnel, in Flugzeugen und mithilfe von Katapulten. Er soll verantwortlich sein für Morde an Kritikern, Rivalen und Verrätern. Einige von ihnen soll er selbst umgebracht haben. Die Staatsanwaltschaft sagt, sie könne mehr als 30 Verschwörungen zu Morden einzeln belegen. Sie stützt sich auf 300.000 Seiten Unterlagen, 117.000 Audio-Aufnahmen und viele Fotos. Sie will 40 Zeugen aufrufen, die Identität einiger ist noch geheim. Unter denen, die aussagen wollen, sind auch prominente frühere Mafiabosse und ihre Söhne, die einst eng mit Guzmán zusammengearbeitet haben. 

Guzmán ist tief gestürzt. Einst war er angeblich der größte Drogenhändler der Welt und Staatsfeind Nummer eins der USA. Mit seinen illegalen Geschäften häufte er ein großes Vermögen an. Berühmt war er auch für die Partys, die er angeblich im Gefängnis Puente Grande feierte, mit Freunden, seiner Familie und dem Gefängnisdirektor höchstselbst; manchmal auch mit Prostituierten. In seiner Heimat Sinaloa galt er als Wohltäter, der Kirchen und Schulen baute und gut zu seiner Mutter war.

Berühmt wurde er auch für seine beiden Ausbrüche aus Hochsicherheitsgefängnissen. Wie ihm diese unter den Augen der mexikanischen Behörden gelangen, ist eine bis heute offene Frage. Eine wahrscheinlich richtige Antwort lautet: durch Bestechung.