Die Missbrauchsvorwürfe gegen die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen haben sich offenbar nicht nicht erhärtet: Die Staatsanwaltschaft Essen wird keine Anklage erheben. Sie verweist dabei auf Paragraf 170 Absatz 2 der Strafprozessordnung, der "genügend Anlass" für eine Anklageerhebung erfordert. Das geht aus einem Brief der Staatsanwaltschaft an die Klinik vor, der ZEIT ONLINE vorliegt.

Anlass der Kontroverse um die Klinik war der zweistündige Dokumentarfilm Elternschule. Er zeigt Therapieanwendungen an Kindern, die unter Ess- und Schlafstörungen leiden. Ein Arzt hatte Anzeige erstattet. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster sagte, in der Einrichtung werde Kindern gewaltsam ein bestimmtes Verhalten aufgezwungen, sie würden zum Beispiel zum Essen gezwungen. Die Anzeige gegen die Klinik bezeichnete Renz-Polster daher als "mutig und richtig". Nach Ausstrahlung des Films begann die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Verdachts auf Misshandlung von Schutzbefohlenen.

"Die Anzeige war ohne Substanz und völlig ungerechtfertigt", sagt Werner Neugebauer, Geschäftsführer der Klinik, nach der Entscheidung der Staatsanwaltschaft. "Unsere Klinik arbeitet völlig gewaltfrei und auf der Basis von anerkannten wissenschaftlichen Leitlinien." Die Anzeigen hätten ihre therapeutische Arbeit skandalisiert. Neugebauer warf den Kritikern vor, zu polemisieren und "an einer sachlichen Diskussion nicht interessiert" zu sein, sondern sich selbst zu profilieren. In den vergangenen Wochen hätten die Klinik und das Team der Psychosomatik "Unterstützung und Zuspruch von denen erfahren, die in der öffentlichen Diskussion kaum zu Wort kamen: die Familien, die in Gelsenkirchen Hilfe in einer Krisensituation bekamen".

Elternschule erschien im Oktober und zeigt Behandlungsmethoden in der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Jährlich werden dort etwa 150 Kinder und ihre Eltern behandelt. Nach Ausstrahlung wurden die gezeigten Therapiemethoden kontrovers diskutiert. 

Nach Ansicht des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) enthält Elternschule zahlreiche Szenen, in denen Kinder psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind. "Die in dem Film gezeigten Behandlungsmethoden können keinesfalls Vorbild für die Erziehung von Kindern in Deutschland sein", sagte die DKSB-Vizepräsidentin Sabine Andresen. Die Praktiken führten zu einer Verunsicherung von Eltern im Umgang mit ihren Kindern. Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers sagte: "Verhalten sich Eltern gegenüber ihren Kindern so wie das Klinikpersonal in dem Film, dann ist das rechtswidrig." 22.000 Menschen unterzeichneten eine Onlinepetition, die forderte, den Film nirgendwo mehr zu zeigen und die Klinikabteilung zu überprüfen. Die Klinik hatte die Vorwürfe stets als haltlos zurückgewiesen.