Gewalt gegen Frauen begleitet Stefanie Leich fast ihr komplettes berufliches Leben. Die studierte Pädagogin hat 14 Jahre in der Fachstelle Prostitution der Diakonie in Hamburg-St. Georg gearbeitet, später im Frauenhaus Betroffene beraten. Heute leitet sie das Frauenhaus der Diakonie Hamburg, das Frauen, die Gewalt erleben oder erlebt haben, Schutz bietet. 30 Plätze stehen den Frauen und ihren Kindern hier zu Verfügung.   

ZEIT ONLINE: Wer kommt zu Ihnen ins Frauenhaus?

Stefanie Leich: Das ist extrem unterschiedlich. Allen ist gemeinsam, dass sie Gewalt in Ehe, Partnerschaft oder durch ihre Familie erfahren haben. Sie wurden geschlagen oder vergewaltigt. Phasenweise leben viele junge Frauen bei uns. Auch 60-Jährige kommen zu uns, aber weitaus seltener. Der Altersdurchschnitt liegt zwischen 35 und 45 Jahren.

ZEIT ONLINE: Warum kommen die Frauen zu Ihnen?

Stefanie Leich: Sie fliehen vor häuslicher Gewalt. Manche werden so stark geschlagen, geschubst oder gestoßen, dass sie ins Krankenhaus müssen – mit teils heftigen Verletzungen, die schmerzhaft und langwierig sind. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die psychische Gewalt, der viele Frauen ausgesetzt sind: Sie werden eingesperrt, dürfen das Haus nicht verlassen, werden kontrolliert, dürfen kein eigenes Geld besitzen, keine eigene Arbeit aufnehmen oder zum Sprachkurs gehen. Diese soziale Isolation ist grausam. Und es gibt Frauen, die den ganzen Tag beschimpft und beleidigt werden. Auch das ist eine schwere psychische Quälerei.

ZEIT ONLINE: Was war Ihr persönlich schlimmstes Erlebnis?

Stefanie Leich: Das gibt es nicht. Bei den meisten Fällen empfinde ich so etwas wie Fassungslosigkeit. Man fühlt mit jeder mit: mit der Frau, die seit Beginn ihrer Ehe gequält, unterdrückt und misshandelt wurde, ebenso wie mit der Frau, die Gewalt erst seit der Geburt ihres ersten Kindes erfährt. Alle diese Schicksale sind grausam.

ZEIT ONLINE: Lässt sich Ihre Klientel auf bestimmte Schichten eingrenzen?

Stefanie Leich: Grundsätzlich ist häusliche Gewalt gegen Frauen schicht- und kulturübergreifend, geht vom Prekariat bis in die oberste Oberschicht. In unserem Frauenhaus zeigt sich diese Mischung nicht: Die Frauen kommen überwiegend aus Familien mit einem geringen Bildungsstand oder haben einen Migrationshintergrund. Meine Erfahrung ist, dass Menschen, die schlecht in Deutschland integriert sind und wenig soziale Unterstützung haben, also auch keine Netzwerke, keine Freunde, zu denen sie gehen können, eher auf staatliche Unterstützung angewiesen sind und so den Weg zu uns finden.

ZEIT ONLINE: Gibt es Unterschiede in den Nationalitäten?

Stefanie Leich: Wir haben eine bunte Mischung. Frauen aus Afrika kommen ebenso bei uns unter wie Frauen aus Europa. Der Anteil der Frauen mit Migrationshintergrund ist bei uns deutlich höher als der mit deutscher Staatsbürgerschaft. Ich warne aber davor, daraus falsche Schlüsse zu ziehen: Auch in deutschen Familien passiert sehr, sehr viel Gewalt. 

ZEIT ONLINE: Haben Frauen durch die #MeToo-Debatte ein anderes Selbstbewusstsein bekommen? Ist ihnen bewusster geworden, dass sie Gewalt nicht mehr ertragen müssen?

Stefanie Leich: Die Möglichkeit, Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ist in jedem Fall bekannter geworden. Das hat auch damit zu tun, dass der Opferschutz verbessert und in der Öffentlichkeit präsenter gemacht wurde. Trotzdem gibt es auch immer noch viele Frauen, die sagen: Ich lebe seit 20 Jahren in einer Beziehung, in der ich Gewalt erlebe, und wusste nicht, wer mir helfen kann. In diesem Bereich gibt es noch wahnsinnig viel zu tun.

ZEIT ONLINE: Viele Frauen werden nach wie vor gequält, viele sogar umgebracht. Haben all die Debatten und Hashtags den Frauen denn nichts genützt?

Stefanie Leich: Die Gewalt gegen Frauen nimmt nicht ab, das Ausmaß hat sich seit 20 Jahren nicht verändert. Jede dritte bis vierte Frau erlebt in ihrem Leben Gewalt. Zwar hat sich im Opferschutz viel getan, an anderer Stelle dagegen nichts. Ich kann Gewalt gegen Frauen nur verhindern, wenn ich auch die miteinbeziehe, die die Gewalt ausüben. Stichwort Täterarbeit. Die ist aber vielerorts total banal: Bei uns in Hamburg gibt es beispielsweise genau eine Beratungsstelle, an die sich Täter oder Täterinnen wenden können. Wenn man nur auf die eine Hälfte schaut, kann man dauerhaft nichts verändern.

ZEIT ONLINE: Warum kommt es zu so wenig Empörung über häusliche Gewalt in der Gesellschaft?

Stefanie Leich: Es ist leider so, dass diese Form der Gewalt alltäglich ist. Die meisten nehmen nur noch die Hotspots wahr, die auch von den Medien abgebildet und von der Politik aufgegriffen werden. Was fortlaufend geschieht, gerät aus dem Blickfeld vieler Menschen.

ZEIT ONLINE: Welche Veränderungen wünschen Sie sich?

Stefanie Leich: Wir sind weit von einer Gleichstellung von Frauen und Männern entfernt. Das ist ein gesellschaftliches Problem, das wir uns anschauen und angehen müssen. Wenn suggeriert wird, dass Frauen nicht so viel wert sind wie Männer, kann man mehr Gewalt und mehr Macht ausüben. Das Wichtigste wäre für mich aber eine gute Täterarbeit, um dauerhaft eine Veränderung zu erzielen.