Horst Seehofer wirkt milde in seiner Grundsatzrede zur Eröffnung der Islamkonferenz. Als der Innenminister eben erst im Amt war, hatte er noch gesagt: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Und nur im Nachklapp: Muslime aber schon. Diesmal ließ er den ersten Teil unkommentiert weg und stellte fest: Muslime gehören zu Deutschland. Das Ziel sei "ein Islam in, aus und für Deutschland, ein Islam der deutschen Muslime". Er möchte erreichen, dass Imame Deutsch sprechen und hier ausgebildet werden. Moscheen sollen nicht mehr aus dem Ausland finanziert werden. Seehofer klingt damit fast wie Wolfgang Schäuble, der sich schon bei der ersten Islamkonferenz im Jahr 2006 einen deutschen Islam gewünscht hatte. Nur, dass der explizit dazu gesagt hatte: Der Islam gehört zu Deutschland.

So wirken viele Vorschläge und Formulierungen in Seehofers Rede zwar vernünftig und versöhnlich. Er betont, dass einzelne Straftäter nicht mit der überwiegenden Mehrheit der Musliminnen und Muslime gleichgesetzt werden dürfen. Die Wörter Respekt und Toleranz benutzt er gern. Brückenbauer wolle er sein, nicht Vormund. Aber all das wird das Misstrauen in den Heimatminister nicht beseitigen. Er nimmt nicht zurück, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre oder dass die Migration die Mutter aller Probleme sei. Sein Ministerium hat gerade Großplakate aufhängen lassen, die bei Migrantinnen dafür werben, dass sie mit ein paar Euro ausgestattet wieder in ihre Heimat fahren sollen. Als ginge es um ein Shampoo, nicht um Schicksale von Menschen.

Der Verdacht bleibt an Seehofer kleben, er wünsche sich am liebsten keinen Islam in Deutschland – und wenn es nicht anders geht, einen sehr kontrollierten, vorbestellten deutschen Islam. Statt den, der sowieso schon in unterschiedlichen Ausprägungen überall gedeiht. So spricht er gegen Ende seiner Rede doch noch von tradierten deutschen Werten, die Muslime achten sollten. Aha. Meint er wirklich Integration oder fordert er nicht doch Assimilation? Unbefangen kann man ihm jedenfalls nicht mehr zuhören.

Mehr Teilnehmer, mehr Streit

Dabei sind seine Ideen nicht schlecht, wenn auch teilweise noch unklar ist, wie sie funktionieren sollen. Seehofer will die Islamkonferenz neu gestalten: Es werden wieder mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer zugelassen, liberale, säkulare Gruppierungen und Einzelpersonen zusätzlich zu den meist konservativen Verbänden, die in den vergangenen Jahren allein vertreten waren. Ein Experiment sei das, sagt der Minister.

Da hat er recht, schon liberale Muslime können sich untereinander nur schwer vernetzen, weil sie zerstritten sind. Noch größer sind die Differenzen mit den konservativen Verbänden. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, ätzte schon im Vorfeld über die neue Gruppierung der säkularen Muslime, die etwa ein Kopftuchverbot gutheißen: Die ständige Kritik am Islam und an den Muslimen nutze nur rechten Populisten. Hoffentlich lohnt sich der Streit, immerhin wird die Konferenz so der Pluralität im Islam besser gerecht.

Gleichzeitig ist es aus guten Gründen nicht nur Seehofers Anliegen, dass Moscheen in Deutschland nicht mehr aus dem Ausland finanziert und inhaltlich gelenkt werden. Die Türkei, der Iran oder Saudi-Arabien finanzieren Moscheen oder schicken Imame zum Predigen nach Deutschland. Gerade erst ist in Niedersachsen der Vorstand des türkischen Moscheenverbandes Ditib zurückgetreten, weil er die Einmischung aus der Türkei nicht mehr mitmachen wollte. Die Ditib entscheidet dort aber zum Beispiel mit, welche Islamlehrer an öffentlichen Schulen eingestellt werden.

Eine Islamsteuer ist nicht in Sicht

Nur ist es zurzeit kaum vorstellbar, wie die zerstrittenen Gruppierungen und Verbände kurzfristig unabhängige Institutionen hervorbringen sollten. Solche, die als Körperschaften des öffentlichen Rechts eine Islamsteuer ähnlich der Kirchensteuer erheben könnten. Wie sie sich sonst selbst finanzieren und deutsche Imame ausbilden sollen, lässt Seehofer offen. Die Gemeinden sind oft sehr klein und ihre Mitglieder nicht immer reich, sodass ihre Spenden dieses ehrgeizige Projekt nicht tragen dürften.

Seehofer verspricht allerdings auch, Geld auszugeben. Er will weg von den festen Gremien der Islamkonferenz, die in der Vergangenheit große Themen angestoßen oder unterstützt haben – wie den Islamunterricht, die islamische Theologie an einigen Universitäten und die islamische Wohlfahrt und Seelsorge. Der Minister will lieber praktische Integration in Moscheen und unter Nachbarn fördern. Er will die Musliminnen und Muslime selbst aktivieren. Dafür will er neue Konferenzen, Forschungsvorhaben und konkrete Projekte vor Ort finanzieren.

Sehr gut, das Geld, die Gespräche, die Studien und die Projekte werden gebraucht. Nur ist Horst Seehofer der richtige Schirmherr? Schon immer war das Innenministerium ein wenig glaubwürdiger Ort für die Islamkonferenz. Denn es ist nun einmal für innere Sicherheit zuständig, und sein Blick auf die Muslime ist je nach amtierendem Minister leicht oder stark getrübt. Wir investieren in Integration, weil Musliminnen und Muslime ein Sicherheitsrisiko sind – unter der Leitung von Wolfgang Schäuble oder Thomas de Maizière fiel das nicht so auf. Aber Seehofer hat, nachdem 2015 viele Flüchtlinge gekommen waren, geradezu ein Trauma in der deutschen Bevölkerung genährt. Wer will ihm glauben, dass er selbst es wieder heilen kann?