2006 initiierte der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble die Deutsche Islam Konferenz. Dabei sollen die Bundesregierung und deutsche Musliminnen und Muslime ins Gespräch kommen. Zur kommenden Konferenz unter Horst Seehofer haben sich prominente Figuren wie Seyran Ateş, Ahmad Mansour und Necla Kelek zusammengeschlossen und die Initiative Säkularer Islam gegründet (der Gründungstext erschien in der ZEIT Nr. 48/2018). Die Politikwissenschaftlerin Schirin Amir-Moazami sagt: Indem die Initiative ihre eigene Islamversion zum Maßstab für die Lösung von sozialen Konflikten macht, schafft sie eine problematische Vorstellung von guten und bösen Muslimen.

Integrationspolitik hat paradoxerweise genau dann an Bedeutung gewonnen, als Musliminnen und Muslime ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden sind. Der ehemalige Innenminister Wolfgang Schäuble sagte Muslimen 2006, dass aus ihnen "deutsche Muslime" werden sollten. Es war der Gründungsmoment der Deutschen Islam Konferenz (DIK). Schäubles Forderung klingt geradezu aufrührerisch im Vergleich zu seinen Amtsnachfolgern, die den Islam symbolisch ausgrenzen wollten. Für hier aufgewachsene Muslime aber mutete es merkwürdig an, gastfreundschaftlich im eigenen Land willkommen geheißen zu werden.

Schirin Amir-Moazami ist Professorin an der Freien Universität Berlin. Sie lehrt und forscht zu Religionspolitiken in Europa, Säkularismus, politische Theorie, Geschlechterfragen und islamische Bewegungen in Europa. © Martin Funck

Damit offenbarte die DIK die Widersprüche der auf eine religiöse Minderheit zugeschnittenen Integrationspolitik: Muslime und Musliminnen sollen Dialogpartner auf Augenhöhe sein, gelten zugleich aber als Integrationsproblem. Sie sollen sich zu den Normen und Werten hart errungener europäischer Freiheiten bekennen, werden im nächsten Atemzug jedoch als abweichend, reformbedürftig, zumindest aber als außergewöhnlich markiert. Besonders wenn Integration an dehnbare Begriffe wie Freiheit, Demokratie oder Säkularität geknüpft ist, bleibt ihr Ziel äußerst schwankend.  

Wettstreit um die Gunst des Staates

Die DIK hat zwar keine Entscheidungshoheit darüber, welche Islamversion auf die Gunst des Staates hoffen kann. Dennoch simulierte die DIK immer wieder Anerkennung, zum Beispiel indem sie die Einrichtung der Lehrstühle für Islamische Theologie für sich reklamiert, oder indem sie die islamische Wohlfahrtspflege vorangetrieben hat. Weil es im Integrationsgeschäft auch um Ressourcen und Deutungsmacht geht, hat das Modell "Staat lädt Muslime an den Tisch der Republik" Spaltungen innerhalb der islamischen Akteure verstärkt. Die DIK wurde eine Art Dompteurin beim Wettstreit der vertretenen Muslime und Musliminnen um die Gunst des Staates.

Die neu gegründete Initiative Säkularer Islam nimmt diesen Wettstreit um Deutungsmacht wieder auf. Ihre Kritik an islamisch gerechtfertigter Misogynie, Gewalt oder an krude Einteilungen in Gläubige und Ungläubige ist wichtig und richtig. Im Gründungstext wird sie aber auf eine schlichte Formel gebracht: Säkularer Islam ist Religion minus Politik minus Frömmigkeit.

Solche Stimmen stoßen auf öffentliches Wohlwollen. Sie erzählen die Erfolgsgeschichte der europäischen Säkularisierung holzschnittartig weiter: Reformation, Aufklärung, gezähmtes Christentum. Dabei sind gerade hierzulande die Grenzen zwischen Religion und Politik brüchig und strittig. Das öffentliche Recht hat christlichen Kirchen zahlreiche Privilegien eingeräumt, sie reichen weit in die öffentliche und politische Sphäre hinein, von der Kirchensteuer über konfessionsgebundene Bildungseinrichtungen bis hin zu Sendezeiten in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Lassen sich diese Rechte islamischen Religionsgemeinschaften umstandslos verweigern, wenn im nächsten Atemzug Gleichheit gepriesen wird? Oder steht die christliche Prägung der säkularen Ordnung insgesamt auf dem Prüfstand? Sollen dann auch Kirchen langfristig zu einem privaten Verein werden? Unter welchem Blickwinkel legt wer fest, wann Religion nur Religion ist und ab wann sie politisch wird? Und wo genau fängt Frömmigkeit an und wo überschreitet sie säkulare Befindlichkeiten? Beim Kopftuch? Beim Gebet in öffentlichen Räumen, beim Verweigern des Händegebens?