Der Laden im kanadischen Labrador City heißt High North. Übersetzt: hoher Norden. Aber high kann niemand werden, der hier einkaufen möchte. Denn in den ersten zwei Wochen nach der Legalisierung von Marihuana im Land war die begehrte Ware in diesem Geschäft gerade mal vier Stunden lang erhältlich. Dann waren sämtliche Cannabisprodukte ausverkauft und es gab keinen Nachschub. "Die Produzenten sagen stets, dass Holprigkeiten auf dem Weg zu erwarten sind, aber was wir derzeit erleben, ist keine Holprigkeit. Es ist ein großes Schlagloch", sagt Ladenmitbesitzer Trevor Tobin.

Der Anbau und Verkauf von Marihuana – oft auch Pot genannt – ist seit dem 17. Oktober in Kanada legalisiert. Seither dürfen Volljährige straffrei kleinere Mengen Cannabis für den Privatgebrauch besitzen und konsumieren. Das macht das Land zum weltweit größten legalen nationalen Markt für die Droge. Aber bislang ist in der Realität kaum etwas davon zu spüren. Zum einen sind noch nicht genügend Läden in Betrieb, andererseits mangelt es vielerorts an Ware. Das liegt nicht etwa daran, dass Kanada nicht genügend Cannabisprodukte herstellen könnte. Aber Produzenten, die private und staatliche Händler beliefern wollen, müssen dafür eine behördliche Genehmigung erhalten – ein bisher äußerst langsamer Prozess. So besitzen derzeit nur 78 der 132 Marihuana-Erzeuger, die vom zuständigen Gesundheitsministerium Health Canada zugelassen worden sind, eine Verkaufslizenz.

"Manche Hemmnisse sind unnötig, es ist ziemlich beschwerlich"

FSD Pharma etwa, ein Produzent in der Provinz Ontario, darf zwar seit einem Jahr anbauen, aber hat bislang keine Genehmigung, Händler mit Waren zu versorgen. "Es gibt eine Menge Bürokratie", klagt der Topmanager des Unternehmens, Raza Bokhari. "Manche Hemmnisse sind unnötig, es ist ziemlich beschwerlich." Hinzu kommt, dass viele der Betriebe, die eine Verkaufslizenz erhalten haben, eher klein sind, wie Cam Battley von Aurora Cannabis, einem der großen kanadischen Produzenten, schildert.

Dass beim nationalen Postdienst Canada Post gestreikt wird, verschärft die Lage zusätzlich: Schließlich liefert er die meisten im Internet bestellten Waren aus. Die Verkäufe selbst werden von den einzelnen Provinzen kontrolliert und größtenteils auch reguliert. Und praktisch überall sieht es nicht gut mit dem Pot-Nachschub aus. So werden die vom Staat betriebenen Läden in Québec ab jetzt jede Woche drei Tage lang – von Montag bis Mittwoch – geschlossen bleiben: so lange, bis sie dauerhaft genügend Waren anbieten können. Das Unternehmen Manitoba Liquor & Lotteries erwartet, dass die Engpässe beim Nachschub sowohl in herkömmlichen Läden als auch im Onlinehandel bis zu sechs Monate dauern könnten.

Ontario, Kanadas bevölkerungsreichste Provinz, wird frühestes im April die ersten Geschäfte öffnen: Die dortige neue konservative Regierung arbeitet derzeit noch Regulierungen aus. Derweil hat die Polizei mindestens elf illegale Verkaufsstellen in der Provinz geschlossen. Einwohner in Ontario, die Pot legal kaufen möchten, bestürmen den von der Regierung betriebenen Onlineladen. Allein in der ersten Woche gingen hier mindestens 150.000 Bestellungen ein, mehr als in allen anderen Provinzen zusammen. Der Laden kann mit der Nachfrage nicht mithalten. Die drittbevölkerungsreichste Provinz British Columbia, aus der historisch ein großer Teil des illegalen Marihuanas stammte, weist bisher nur ein einziges Pot-Einzelhandelsgeschäft auf.

Cannabiskonsumenten suchen neue Bezugsmöglichkeiten

Und so wenden sich denn Cannabisliebhaber in Kanada wieder dem illegalen Markt zu. Restaurantmanager Corey Stone aus Montréal etwa und sein Freund waren die ersten in einer langen Warteschlange, als Québecs staatlich betriebener Cannabisladen am 17. Oktober öffnete. Aber das war es dann wegen der Nachschubprobleme für ihn: Der 32-Jährige beschafft sich die Droge jetzt wieder illegal.

In Ottawa schlossen die meisten illegalen Verkaufsstellen am 16. Oktober, um legale Betriebsgenehmigen beantragen zu können. Ontario Capital Buds gehört zu den wenigen, die noch übrig geblieben sind. Und das Geschäft blüht. Das Wartezimmer ist meistens voll – wie kürzlich an einem kalten grauen Tag, als Blake Murchison zum Einkaufen kam. Der 62-Jährige hat es erst gar nicht beim staatlichen Onlineladen versucht. "Warum? Wir haben einen Poststreik!", sagt der 62-Jährige. "Ich habe keine Geduld. Es ist wirklich eine Frage der Bequemlichkeit. Oder Unbequemlichkeit." Devyn Stackhouse entschied sich zunächst für den legalen Weg, bestellte am 17. Oktober auf der Regierungswebseite fünf vorgerollte Joints und je ein Gramm vier verschiedener Cannabissorten. Aber als nach mehr als einer Woche nichts bei ihm ankam, wendete er sich an eine illegale Verkaufsstelle.

Health Canada hat mittlerweile 300 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, um die Bearbeitung der Lizenzanträge von Produzenten zu beschleunigen. Nach Angaben von Sprecher Thierry Bélair hat die Regierung den Genehmigungsprozess gestrafft, und die Produktion nimmt zu. Die Nachschubprobleme haben sich auch an Kanadas Finanzmärkten niedergeschlagen. Aktien von Cannabisfirmen haben nach einem kurzfristigen rasanten Hoch nach der Legalisierung stark gelitten, die von Aurora etwa hat seit ihrem Höchststand mittlerweile ungefähr die Hälfte ihres Wertes verloren.

Aber Manager Battley ist optimistisch, dass sich nach und nach alles einpendeln wird. Die große Nachfrage sei generell eine gute Sache, und Kunden, die erhalten hätten, was sie wollten, seien zufrieden. "Viele Leute haben (früher) undefinierbares Marihuana in einem Beutel gekauft, und wer weiß, wo es angebaut wurde", sagt er. "Wenn Sie einmal Bekanntschaft mit professionell angebautem Cannabis und Mehrwertprodukten wie Vorgerolltem und Kapseln gemacht haben, sind Sie verdammt froh."