Die niederländische Staatsbahn will erstmals Nachkommen von deportierten Juden individuell entschädigen. Die Deportation von Juden in das Durchgangslager Westerbork im Zweiten Weltkrieg sei ein "dunkles Kapitel" in der Geschichte des Landes und des Unternehmens, hieß es von der Bahngesellschaft. Eine Kommission werde nun individuelle Entschädigungszahlungen prüfen.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande im Mai 1940 hatte die niederländische Staatsbahn im Auftrag der deutschen Besatzer Juden in das Durchgangslager Westerbork transportiert. Das Bahnunternehmen verdiente daran nach heutigem Wert Millionen von Euro.

Insgesamt wurden rund 107.000 Juden in Westerbork im Nordosten des Landes interniert und anschließend in Konzentrations- und Vernichtungslager in anderen Ländern gebracht.

Im Jahr 2005 entschuldigte sich die niederländische Staatsbahn für ihre Rolle während der NS-Besatzung. Zwar spendete die Bahngesellschaft laut einem Bericht des öffentlich-rechtlichen Senders NOS Geld für Erinnerungsprojekte; Entschädigungen an Einzelpersonen wurden bislang aber nicht gezahlt.

Die nun angekündigte Zahlung individueller Entschädigungen folgt auf Gespräche von Bahnchef Roger van Boxtel mit einem früheren Physiotherapeuten des Fußballclubs Ajax Amsterdam, Salo Muller. Muller hatte seine beiden Eltern während des Zweiten Weltkriegs verloren. Sie waren nach Westerbork und von dort nach Auschwitz deportiert worden. Muller sagte dem niederländischen Fernsehen, es bedeute ihm viel, dass die Bahn einsehe, "dass das Leiden nicht vorbei ist".

Von den 140.000 Juden, die nach heutigen Erkenntnissen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden lebten, überlebten nur etwa 30.000.