Trotz Warnungen vor anhaltender Unterdrückung will Bangladesch damit beginnen, geflohene Rohingya nach Myanmar zurückzubringen. Hier beschreibt Dorothy Sang, warum sich die Menschen vor einer Rückkehr fürchten. Sang hat als humanitäre Helferin unter anderem in Syrien und im Südsudan gearbeitet. Seit Februar beschäftigt sie sich als Mitglied von Oxfams Nothilfeteam in Cox's Bazar in Bangladesch mit den Rechten Geflüchteter.

"Wir sind besorgt, wenn Sie davon reden, dass wir nach Myanmar zurückgeschickt werden", sagt Asima, eine misstrauisch schauende Rohingya-Frau in einem Flüchtlingscamp in Cox's Bazar in Bangladesch. Nachdem ich die Gruppe von Frauen gefragt habe, was ihrer Meinung nach die Zukunft für sie und ihre Familien bereithält, merke ich, wie sich die Atmosphäre im Raum verändert. Noch bevor ich die Übersetzung ihrer Antworten höre, kann ich die Angst der Frauen spüren.

Als Mitarbeiterin der Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam habe ich während zahlreicher humanitärer Einsätze diese Frage Gemeinden auf der ganzen Welt gestellt. Sie führt oft zu Diskussionen über die Ziele, über Hoffnungen und Träume der Menschen. Aber wenn ich die Rohingya-Flüchtlinge nach ihrer Zukunft frage, begegnen mir oft leere Blicke und Misstrauen. Die Menschen scheinen nicht in der Lage zu sein, sich eine Zukunft ohne Angst vorzustellen. Und leider haben sie allen Grund zur Sorge.

Mittlerweile gibt es fast eine Million Rohingya-Flüchtlinge, die in provisorischen Lagern in Bangladesch leben und von der Regierung und Hilfsorganisationen unterstützt werden. Die meisten von ihnen kamen im vergangenen Jahr. Sie flohen vor einer Eskalation der Gewalt in ihrem Heimatland Myanmar, wo Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, Menschen getötet und Frauen systematisch vergewaltigt wurden.

Vergangene Woche haben die Regierungen von Myanmar und Bangladesch angekündigt, dass am heutigen Donnerstag die Rückführung von Flüchtlingen beginnen soll – zunächst von rund 2.300 Menschen. Doch am ersten Tag des Rückkehrprogramms erschien keiner der 150 Angehörigen der muslimischen Minderheit in einem nahe einer Transitzone eingerichteten Camp. Stattdessen protestierten rund tausend Rohingya nahe der Grenze zwischen beiden Ländern. Sie riefen: "Wir werden nicht gehen" und "wir wollen Gerechtigkeit". In Myanmar erwartet sie ein ungewisses Schicksal. Auch die Vereinten Nationen haben die Entscheidung kritisiert, weil der Völkermord, vor dem die Rohingya geflohen sind, noch andauere

Viele Flüchtlinge haben Angst. Sie haben das alles schon einmal durchgemacht. Einige erinnern sich noch gut daran, wie sie in den späten Siebziger- und Neunzigerjahren vor der Verfolgung in Myanmar in Bangladesch Zuflucht suchten. Dort lebten sie einige Zeit in Flüchtlingscamps, bevor man sie in Verhältnisse zurückschickte, die sich nicht wesentlich verändert hatten, nur um einige Jahre später erneut vor noch schlimmeren Menschenrechtsverletzungen fliehen zu müssen.

Die heutige Flüchtlingskrise ist somit kein isoliertes Ereignis. Es geht um Jahrzehnte diskriminierender Politik gegen die Minderheit der Rohingya in Myanmar. Die Vereinten Nationen sprechen von einer "andauernden Situation schwerwiegender, systematischer und institutionalisierter Unterdrückung, von der Geburt bis zum Tod". Den Rohingya wird in Myanmar die Staatsbürgerschaft verweigert. Sie unterliegen außerdem Reisebeschränkungen, was bedeutet, dass sie ihre Heimat nicht verlassen können, um Arbeit zu finden, zur Schule zu gehen, einen Arzt aufzusuchen oder ihre Familie zu besuchen. In den vergangenen sechs Jahren wurden in der zentral gelegenen Provinz Rakhine State 128.000 Rohingya in Lagern gefangen gehalten, angewiesen auf Hilfslieferungen.

Das ist die Zukunft, die die Flüchtlinge fürchten. Sie ist der Grund, warum es sie ängstigt, wenn jemand auf die Rückführungen zu sprechen kommt. Das Leben in den Lagern von Bangladesch ist alles andere als einfach. Das Leben bedeutet dort vor allem den Versuch zu überleben. Es gibt wenig zu essen, die Lager sind extrem überfüllt und die Menschen sind sich selbst überlassen. Sie haben nichts zu tun und versuchen irgendwie, die Tage herumzukriegen. Die Leute, mit denen ich spreche, sagen, dass sie nach Hause wollen, zurück in ihr Land und ihre Dörfer. Aber nur, wenn es sicher ist und sie wissen, dass sie dort frei leben können.

Damit das geschehen kann, ist es unerlässlich, den Rohingya in Myanmar gleiche Rechte zu garantieren. Es ist wichtig, dass sie in ihre Dörfer zurückkehren dürfen und nicht in Lager gezwungen werden. Und es ist von entscheidender Bedeutung, dass für Gerechtigkeit gesorgt wird und vergangene Gräueltaten geahndet werden: "Solange die Menschen nicht für das bestraft werden, was sie getan haben, können wir nicht zurückkehren. Wir werden uns nicht sicher fühlen", sagte mir eine Mutter.

Die internationale Gemeinschaft hat die Verantwortung, dies sicherzustellen. Sie muss die diplomatischen Bemühungen verstärken und dafür sorgen, dass sich die Situation in Myanmar wirklich ändert. Für diesen Fall hat der Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge zudem empfohlen, dass die Regierung von Myanmar einigen Flüchtlingen erlaubt, ihre Heimat zunächst zu besuchen und sich davon zu überzeugen, dass ihnen keine Gefahr mehr droht, bevor sie sich zu einer dauerhaften Rückkehr verpflichten.

Es ist an der Zeit, den jahrzehntelangen Kreislauf von Verfolgung und Flucht zu durchbrechen. Damit Frauen wie Asima ohne Angst an die Zukunft denken können und die nächste Generation in Frieden aufwächst.