Der echte Mann ist in Russland in seiner überzeichneten Form der Muschik, ein ganzer Kerl. Muschiki müssen nicht zwingend gut aussehen oder durchtrainiert sein, aber sie müssen stark und in der Lage sein, ihr Recht mit Fäusten zu verteidigen. Müssen jagen, angeln, Wodka trinken und sich bei schwachsinnigem Kräftemessen beweisen. Eigentlich ist der Muschik eine bedrohte Spezies, die dem Städter, zumal dem jüngeren, immer suspekter wird – aber ein Funke von diesem toxischen Männlichkeitsanspruch bleibt eben doch noch. Der Staat macht es ja vor.

456 Berufe gibt es in Russland, die heute für Frauen gesetzlich verboten sind. Frauen dürfen nicht bei der Feuerwehr sein und nicht als Schiffskapitänin arbeiten, sie dürfen nicht Stahl schöpfen, nicht Fernbusse fahren oder Lkw oder U-Bahnen. Erdacht wurde die Verbotsliste in der ach so gleichberechtigten Sowjetzeit, in der Frauen übrigens kein Fußball spielen durften. Die Berufe waren angeblich zu schwer für Frauen. Die Sorge galt allerdings mehr der Gebärmutter als der Frau: Ihre Reproduktionsfähigkeit sollte nicht leiden.

27 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion könnte man sich zu der Schlussfolgerung durchringen, dass Frauen selbst entscheiden können, ob und wie sie ihre Gesundheit ruinieren wollen. Oder dass die Arbeitsbedingungen dringend verbessert werden müssten, wenn es so schlimm um sie steht. Der Staat nehme es hin, kritisieren Gewerkschaftler, dass die Gesundheit von Männern ruiniert werde: Solange keine Frauen angestellt werden, werde auch nicht modernisiert. Woraus umgekehrt folgt: Die Gesundheit von Männern ist eben nicht so wichtig wie die von Frauen.

Das ließe sich verändern, aber dafür müssten die konservativen, patriarchalen Normen hinterfragt werden, die geschmeidig den Widerspruch auflösen, die Frau kleinzuhalten und zugleich zu überhöhen. So zahlt für das Leben in dieser toxischen Männlichkeit am Ende auch der echte Kerl den Preis. Der murrt vielleicht mal, würde sich aber nie beklagen.