Der Verein Evangelische Frauen in Deutschland (Efid) hat den Umgang der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für ihren Umgang mit dem Thema sexuellen Missbrauchs kritisiert. "Es gibt immer noch Leute, den EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm eingeschlossen, die mit dem Thema Missbrauch am liebsten nichts zu tun hätten und sich nicht ein bisschen in die Situation der Opfer einfühlen", sagte die Efid-Vorsitzende Susanne Kahl-Passoth, am Samstag dem Kölner Stadt-Anzeiger. Forderungen von Opfern würden als unangenehm, lästig oder sogar unbillig abgetan.

"Wir tun in der EKD so, als ob Missbrauch bei uns nicht so vorgekommen wäre. Eine Auseinandersetzung mit Ursachen und begünstigenden Strukturen fehlt völlig", sagte Kahl-Passoth. Die Aufarbeitung in der EKD mit der katholischen Kirche und deren höhere Fallzahlen zu vergleichen, nannte die pensionierte Kirchenrätin und Ex-Chefin der Berliner Diakonie "zynisch" mit Blick auf die Betroffenen. Kahl-Passoths Kritik kommt kurz vor einer viertägigen Synode der EKD in Würzburg. Sie beginnt am Sonntag. Dort soll auch über Missbrauch in der evangelischen Kirche diskutiert werden.

Kahl-Passoth kritisierte außerdem die fehlende Aufmerksamkeit vieler Landeskirchen. In der Begleitung der Betroffenen und der Aufarbeitung des Geschehenen seien viele Landeskirchen unzureichend engagiert. "Wir fordern eine zentrale unabhängige Anlauf- und Beschwerdestelle, die angemessen ausgestattet sein muss", sagte sie. Der Efid ist ein Dachverband mit 39 Mitgliedsorganisationen und rund drei Millionen Mitgliedern, der Verein sieht sich als Stimme evangelischer Frauen in Kirche und Gesellschaft.

Strukturveränderungen in der Kirche nötig

Die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hatte die EKD in der vergangenen Woche dazu aufgefordert, eine unabhängige Aufarbeitung zu ermöglichen. Die Fälle von Missbrauch in einzelnen Institutionen und durch ihre Amtsträger ließen "auf strukturelle Ursachen in der Kirche schließen", sagte die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen. Es gebe Hinweise, dass Täter geschützt worden seien.

Nach Angaben der Kommission haben sich bislang 31 Betroffene aus der evangelischen Kirche gemeldet und von Missbrauch berichtet. Etwa die Hälfte dieser Betroffenen habe sich noch nicht an die Kirche gewandt. Gründe hierfür seien Angst, Scham, Unsicherheit oder mangelnde Informationen über Anlaufstellen.

Ende September hatte die Deutsche Bischofskonferenz eine Studie zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche in Deutschland präsentiert, die im Laufe mehrere Jahre erarbeitet worden war. Die Studienmacher stellten unter anderem fest, dass die Kirche auch nach dem Bekanntwerden des Skandals vor acht Jahren keine ausreichenden Schritte unternahm, um Missbrauch in Zukunft zu verhindern. Sie forderten grundlegende Strukturveränderungen.