Die NGO Sea-Eye hat als erste Hilfsorganisation ein Schiff mit deutscher Flagge und deutscher Zulassung auf eine Rettungsmission ins Mittelmeer geschickt. Am Samstagabend legte es am Hafen von Rostock ab. Nach Sea-Watch und Mission Lifeline kehrt damit die dritte Hilfsorganisation nach mehreren Monaten Zwangspause wieder auf das Mittelmeer zurück.

Das Schiff Professor Albrecht Penck ist knapp 39 Meter lang und war lange Zeit ein Forschungsschiff. Bis Mitte Dezember soll es im Mittelmeer angekommen sein. Derzeit fährt das Schiff mit provisorischer Besatzung, denn der ursprünglich eingeplante Kapitän hatte kurzfristig aus persönlichen Gründen abgesagt. Ein neuer Kapitän will das Schiff zumindest bis nach Spanien bringen. Ab Spanien braucht Sea-Eye dann einen neuen Kapitän und Maschinisten. Die Organisation habe das Schiff aber nicht länger als nötig in Deutschland warten lassen wollen und ist daher bereits mit provisorischer Besatzung losgefahren, sagte Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler.

"Wir sind erleichtert, nun die Flagge unseres Heimatlandes zu tragen, als Symbol für Gleichheit, Freiheit und Menschenwürde", sagte Isler. Von der deutschen Flagge verspreche sich die Organisation "den größtmöglichen Schutz für unsere Besatzungsmitglieder und für gerettete Menschen". Man vertraue auf die Rechtsstaatlichkeit der Bundesrepublik und die Unterstützung der Behörden, falls es wieder zu Problemen kommen sollte.

Seefuchs wieder frei

Bislang hatten sich zivile Seenotrettungsschiffe in ausländischen Schiffsregistern registriert, weil diese eine Registrierung als Sport- oder Freizeitboot (pleasure craft) ermöglichen. Diese Registrierungen sind deutlich günstiger und weniger aufwendig. In der Vergangenheit hatten deutsche Rettungscrews unter ausländischer Flagge mehrfach Probleme, weil unter anderem Italien und Malta die Rechtmäßigkeit der Flaggen anzweifelten. Wie Deutschland auf künftige Streitigkeiten reagieren würde, ist offen.

Zuvor war Sea-Eye mit dem Schiff Seefuchs im Mittelmeer gewesen. Die Seefuchs befindet sich seit dem 21. Juni im Hafen von Valetta in Malta und erhielt sechs Monate lang keine Genehmigung auszulaufen. Nach Recherchen von ZEIT ONLINE wollten die maltesischen Behörden die Ausfahrt nur genehmigen, wenn die Organisation eine "starke, formelle und offizielle Erklärung" abgibt, sich nicht mehr an sogenannten Search-and-Rescue-Operationen (SAR) zu beteiligen, und sich eine ordentliche Flagge besorgt. Die Seefuchs war unter niederländischer Flagge als Sportboot registriert. Seit dem 19. November trägt sie nun eine deutsche Flagge und erhielt nach dem Flaggenwechsel eine Ausfahrtgenehmigung zur Überstellung nach Deutschland. Dort soll sie verkauft werden.

Mindestens 2.075 Tote dieses Jahr

Monatelang waren zivile Seenotrettungsschiffe wegen Rechtsstreitigkeiten oder auch ohne konkreten Grund in verschiedenen europäischen Häfen festgesetzt worden und konnten ihre Missionen nicht fortführen. Nach Recherchen von BuzzFeed News haben EU-Schiffe die Lücke nicht gefüllt, die die NGO hinterlassen hatten. Im Juni hätten die Schiffe der EU-Mission Sophia keinen einzigen Menschen aus dem Mittelmeer gerettet, im Juli lediglich 106 Menschen. Im Vorjahr waren es jeweils mehr als 1.500 Menschen gewesen. Das Mandat für Sophia soll Ende des Jahres auslaufen, auf eine Verlängerung haben sich die Verteidigungsminister zunächst nicht geeinigt.

Laut der Internationalen Organisation für Migration und dem Flüchtlingswerk UNHCR sind in diesem Jahr bereits mindestens 2.075 Menschen bei ihrer Flucht über das Mittelmeer gestorben.