In den Augen des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) war der Weihnachtsmarktattentäter Anis Amri im Sommer 2016 nur ein Dealer, von dem keine Terrorgefahr mehr ausging. Nach Meinung der Behörde nahm Amri selbst Drogen und hatte sich aus der Salafistenszene zurückgezogen. Und so ließen sie im Spätsommer 2016 seine Überwachung auslaufen. Dass diese Einschätzung falsch war, steht seit dem Attentat vom 19. Dezember 2016 fest. Wie falsch sie war, zeigt sich jedoch erst nach und nach. Denn Amri erwog zu genau jener Zeit, im Spätsommer und Herbst 2016, bereits einen Anschlag – keinen mit einem Lkw, die Idee hatte er erst später. Sondern einen mit dem hochexplosiven Sprengstoff TATP. Und er war dabei auch nicht allein, er hatte Komplizen.

In der Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit hatte Amri wahrscheinlich schon im Dezember 2015 zwei Islamisten kennengelernt. Den russischen Staatsbürger Magomed-Ali C. und den Franzosen Clément B. "Ab Juni oder Juli 2016", so steht es in einem zusammenfassenden Bericht der Generalbundesanwaltschaft, standen C., B. und Amri in "gelegentlichem persönlichen und telefonischen Kontakt". "Nach den derzeitigen Ermittlungen gab es im Spätsommer 2016 Pläne von B. und Amri zur Durchführung eines Sprengstoffanschlags in Deutschland", so die Bundesanwälte in dem Bericht, der ZEIT ONLINE vorliegt. Wie weit gediehen die Pläne waren, ist schwer zu sagen, ein konkretes Ziel hatte das Trio wohl noch nicht im Blick.  

Die Erkenntnisse stammen vor allem von B. selbst. Amri habe doch eigentlich etwas mit ihnen vorgehabt, soll der Franzose nach dem Anschlag vom Breitscheidplatz gesagt haben. Angedacht gewesen seien Aktionen in Paris, Brüssel und Berlin, die Waffen hätten sie mit Drogenhandel finanzieren wollen. So protokollierten es die französischen Ermittler, die Clément B. überwachten.

Sprengstoff in Berlin gemischt

Den Sprengstoff für den Anschlag in Deutschland, davon gehen zumindest die Beamten heute aus, wollten C. und B. besorgen. In einer Wohnung in Berlin hatten sie bereits damit begonnen, TATP zusammenzumischen. Es ist die bevorzugte Waffe von islamistischen Terroristen bei Sprengstoffanschlägen. Denn Triacetontriperoxid, wie der chemische Stoff ausgeschrieben heißt, ist zwar heikel und neigt zu spontanen Explosionen. Aber es lässt sich mit Haushaltsmitteln herstellen und hat eine erhebliche Sprengkraft. Ein Kilogramm dieses sehr empfindlichen Sprengstoffes sorgt in einem Radius von fünf Metern für komplette Verwüstung. Gespickt mit Schrapnellen wie Nägeln oder Stahlkugeln wird daraus eine Splitterbombe, die in einem noch viel größeren Umkreis tödlich ist.

Dass sie ihren Plan nie in die Tat umgesetzt haben, ist offenbar einem Zufall zu verdanken. C., der aus Tschetschenien stammt und erstmals im September 2011 nach Deutschland einreiste, war der Berliner Polizei aufgefallen. Seit 2015 führen ihn die Behörden als Gefährder. Doch aufgrund einer "depressiven Anpassungsstörung" konnte er jahrelang nicht abgeschoben werden.

Clément B. ist nach Informationen aus europäischen Sicherheitskreisen 1993 geboren und einschlägig in der radikalen Islamistenszene vernetzt. Unter anderem soll er ein Bekannter von führenden französischen Dschihadisten mit direktem IS-Bezug sowie von belgischen Extremisten sein. Er spricht angeblich fließend Französisch, Russisch und Arabisch, und es gilt als sehr wahrscheinlich, dass er eine gewisse Zeit in Syrien gelebt hat.

Beim Bombenbauer geklingelt

Am 28. Oktober 2016 machten Beamte des Berliner LKA bei Magomed-Ali C. eine sogenannte Gefährderansprache: Sie warnten ihn, dass er unter Beobachtung stehe. Dabei klingelten die Polizisten ohne es zu wissen genau an der Wohnungstür, hinter der mutmaßlich der Sprengstoff hergestellt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war Clément B. ebenfalls in der Wohnung. Auch das bemerkten die LKA-Leute nicht.

Aufgeschreckt durch den Besuch des LKA tauchte B. anschließend unter. Spätestens dadurch zerschlug sich Amris Plan, mit dem Sprengstoff ein Attentat zu verüben. Erst dann, nach Meinung der Generalbundesanwaltschaft ab Ende Oktober 2016, begann Amri damit, den Anschlag mit einem Lkw vorzubereiten.

B. ging zurück nach Frankreich, um dort Sprengstoff für andere Attentate herzustellen. Dank eines Hinweises vom britischen Geheimdienst konnten die Franzosen diesen Plan vereiteln. Als B. im April 2017 in Marseille vom französischen Geheimdienst DGSE festgenommen wurde, entdeckten die Beamten neben mehreren Waffen auch drei Kilogramm dieses selbst fabrizierten Sprengstoffes. Erst durch diese Verhaftung und die folgenden Ermittlungen der Franzosen erfuhr die Berliner Polizei, wen sie da besucht hatte. Daraufhin wurde C. im August 2018 festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Konstantin von Notz sitzt für die Grünen mit im Untersuchungsausschuss des Bundestages, der sich mit Amri befasst. Er findet es "unfassbar, dass die Bundesregierung diese Informationen der Öffentlichkeit und den Untersuchungsausschüssen bisher vorenthalten hat". Das zeige, dass die von den Sicherheitsbehörden bisher vertretene These, Amri sei ein Einzeltäter gewesen, nicht länger haltbar sei. "Aber statt endlich mit aufzuklären, vernebelt die Bundesregierung weiter und zwingt den Untersuchungsausschuss, sich relevante Informationen vor Gericht zu erstreiten."

Da die drei ihre Anschläge in verschiedenen Ländern planten und verübten, sind Behörden aus Belgien, Frankreich und Deutschland an den Ermittlungen beteiligt. Sie haben dazu im Mai 2018 eine gemeinsame Arbeitsgruppe gegründet. Die Generalbundesanwaltschaft entschuldigt sich in einem Brief an den Bundestagsuntersuchungsausschuss, aufgrund der Beteiligung der beiden anderen Länder könne man die entsprechenden Akten derzeit noch nicht vorlegen.

"Auch wenn andere Länder an den Ermittlungen beteiligt sind, muss der Generalbundesanwalt uns und den anderen Untersuchungsausschüssen diese Akten nun so schnell wie möglich bereitstellen", sagt Hakan Taş, Obmann der Linksfraktion im Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. "Es kann nicht sein, dass die Öffentlichkeit nur scheibchenweise informiert wird."