Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Bilel B. jemals vorhatte, in Deutschland ein gesetzestreues und integriertes Leben zu führen. In einer Asylanhörung behauptete er zwar, er habe nur Gutes über Deutschland gehört und sich vor dem Chaos und der Unsicherheit in Nordafrika hierher flüchten wollen. Aber seit seiner Einreise im Herbst 2014 unternahm Bilel B. wenig, um diese Behauptung zu untermauern – hingegen sehr viel, um sie infrage zu stellen. Mindestens 18 Identitäten erfand er im Laufe der Zeit, einige davon nutzte er, um Asyl zu beantragen und Sozialleistungen einzustreichen. Er beging Diebstähle bei H&M und Karstadt und galt schon bald als "Intensivtäter".

Das eigentliche Problem aber ist, dass Bilel B. ein IS-Sympathisant ist. Dass er ein Freund von Anis Amri war, dem IS-Terroristen, der am 19. Dezember 2016 mit einem entführten LKW auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz raste und zwölf Menschen ermordete. Und dass bis heute unklar ist, ob – und wenn ja, was – Bilel B. vorab von dem Anschlag wusste.

Man würde zum Beispiel gerne von ihm wissen, warum er im Februar und im März 2016, also ein Dreivierteljahr vor Amris Anschlag, mit seinem Handy ausgerechnet jene ungeschützte Stelle am Breitscheidplatz fotografierte, an der Amri am Tattag mit dem LKW durchbrach. Aber man kann Bilel B. dazu nicht mehr befragen: Am 1. Februar 2017, gerade einmal sechs Wochen nach dem Anschlag und während der Generalbundesanwalt noch gegen ihn ermittelte, wurde Bilel B. nach Tunesien abgeschoben. Im Eiltempo. Warum?

Anschlag in Dortmund?

Tatsächlich hatten die Sicherheitsbehörden Bilel B. schon länger auf dem Radar als Anis Amri. Als der 1990 in Tunesien geborene B. im Herbst 2014 nach Deutschland einreist, kommt er nicht allein, sondern als Teil einer siebenköpfigen Gruppe. Einer dieser Mitreisenden löst Alarm aus, weil er die von den Behörden überwachte Handynummer des deutschen IS-Terroristen Denis Cuspert in Syrien anwählt. Cuspert ist heute tot, damals aber lebt er noch im so genannten Kalifat des IS und macht gerade Karriere.

In der Folge forschen die Ermittler auch B. aus. Es kommt heraus, dass er in seiner Flüchtlingsunterkunft in Sachsen erzählt haben soll, dass er sich gerne dem IS anschließen wolle. Und dass er einen anderen Radikalen namens Anis Amri kennt, der den Ermittlern mittlerweile ebenfalls ein Begriff ist. Sie bleiben an B. und seinem Umfeld dran und bald ergibt sich der nächste Verdacht: B. plane mit Gesinnungsgenossen einen Anschlag in Dortmund, so vermuten sie.

Dieser Verdacht wird später fallengelassen, das Verfahren eingestellt. Doch als Amri im Dezember 2016 am Breitscheidplatz zuschlägt, rückt B. abermals ins Blickfeld: Die Überwachungskamera des Restaurants Ya Hala im Berliner Stadtteil Wedding zeichnet auf, dass er und Amri sich dort am 18. Dezember ab 21.08 Uhr für 22 Minuten treffen. Also am Vorabend von Amris Todesfahrt. Ein Zeuge sagt dem BKA, die beiden hätten gewirkt, als versuchten sie etwas zu verbergen. Wusste Bilel B. Bescheid? 

So schnell geht es sonst nie

Am 29. Dezember 2016 weitet der Generalbundesanwalt seine Ermittlungen offiziell auf B. aus: Er könnte Mitwisser oder Mittäter sein, glauben die BKA-Ermittler. Sie suchen nach ihm. Am 3. Januar 2017 wissen sie, dass er sich in einer Flüchtlingsunterkunft aufhält und durchsuchen sein Zimmer. Die Ermittler nehmen ihn in Untersuchungshaft.

Am 4. Januar 2017 wird B. das erste Mal vernommen und es gibt zu diesem Zeitpunkt niemanden, bei dem die Möglichkeit, er könne an dem Anschlag beteiligt gewesen sein, größer erscheint. Bilel B. streitet alles ab. Aber die Ermittlungen stehen ja auch erst am Anfang.

Trotzdem geschieht etwas Irritierendes. Denn mithilfe zahlreicher Akten und Vermerke aus Ministerien und Sicherheitsbehörden, die ZEIT ONLINE einsehen konnte, lässt sich minutiös nachzeichnen, dass alle beteiligten Stellen von Beginn an alles daran setzten, Bilel B. baldmöglichst abzuschieben.

So erhält B. ebenfalls am 4. Januar 2017 plötzlich eine Anhörung wegen eines Asylantrages, den er unter einer seiner Identitäten gestellt hat. Schon am kommenden Tag, dem 5. Januar 2017, wird dieser Antrag offiziell abgelehnt. So schnell geht es praktisch nie.