Im Mordfall Peggy ist Haftbefehl gegen einen 41-jährigen Mann erlassen worden. Der Mann sei in Untersuchungshaft und bestreite den Tatvorwurf, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft in Bayreuth mit. Den Ermittlern zufolge besteht dringender Tatverdacht, wonach der Festgenommene das Mädchen selbst tötete oder Mittäter der Tötung war. Weiter stehe im Raum, dass "mit der Tötung eine zuvor begangene Straftat verdeckt werden sollte", teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Der Mann wurde demnach bereits am Montag festgenommen. Er hat keine Angaben gemacht, den Tatvorwurf aber durch seinen Verteidiger bestreiten lassen.

Schon am Nachmittag hatte der Bayreuther Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel bestätigt, dass es eine Festnahme gab. Die Bild-Zeitung und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) berichteten, bei dem Mann soll es sich um Manuel S. handeln. Dieser gestand im September den Transport der Leiche des 2001 verschwundenen Mädchens. Einen Mord oder ein Tötungsdelikt verneinte der Mann stets. Die Berichte wurden nun durch die Behörden bestätigt. Wesentliche Angaben des Mannes seien "nicht mit den weiteren Ermittlungsergebnissen in Einklang zu bringen", teilte die Polizei mit. Daher sei die Festnahme erfolgt.

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S. sagte damals aus, den leblosen Körper des Mädchens im Mai 2001 in einen Wald in Thüringen gebracht zu haben, wo Jahre später Knochen gefunden wurden. Er habe das leblose Kind von einem anderen Mann an einer Bushaltestelle in Lichtenberg übernommen, sagte der 41-Jährige. Er habe noch versucht, das Mädchen zu beatmen – es dann jedoch in eine Decke gepackt, in den Kofferraum seines Autos gelegt und in den Wald gebracht. Er hatte den Ermittlern damals auch gesagt, wer der Mann an der Bushaltestelle angeblich war. Zu dieser Person wollten Staatsanwaltschaft und Polizei jedoch keine Angaben machen.

Nach der Vernehmung von Manuel S. suchten die Ermittler Zeuginnen. Sie fragten etwa, ob jemand das Auto des Mannes gesehen hatte. Der 41-Jährige kam zunächst wieder frei. Die Polizei durchsuchte jedoch mehrere Anwesen des Mannes und stellte dabei Beweismaterial sicher.

An den sterblichen Überresten des Mädchens fanden die Ermittlerinnen und Ermittler mikroskopisch kleine Pollen, die als Bestandteile von Torf identifiziert werden konnten. Hier ergab sich ein Bezug zu Pflanzarbeiten des Mannes am Tattag, die den Ermittlern bekannt waren. Außerdem fanden sie Farbreste, wie sie in Renovierungsmüll vorkommen. "Den Ermittlern war bekannt, dass der jetzt Beschuldigte damals umfangreiche Renovierungsarbeiten ausgeführt hatte", hieß es im September.

Auch ein angebliches Alibi des Mannes platzte den Ermittlern zufolge: Entgegen seinen früheren Angaben war er am Tattag in Lichtenberg unterwegs. Den Schulranzen und die Jacke von Peggy will der 41-Jährige Tage später bei sich zu Hause verbrannt haben, heißt es von der Polizei. Sein goldfarbenes Auto wurde inzwischen gefunden.

Reihe von Justizpannen

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Der Mordfall Peggy zählt zu den mysteriösesten Kriminalfällen in Deutschland. Die damals Neunjährige war im Mai 2001 im oberfränkischen Lichtenberg auf dem Weg zur Schule verschwunden. Die Leiche des Kindes wurde erst im Jahr 2016 zufällig von einem Pilzsammler gefunden – in einem Wald bei Rodacherbrunn in Thüringen. Das liegt knapp 20 Kilometer von Peggys Heimatort Lichtenberg entfernt.

2004 war der geistig behinderte Ulvi K. wegen Mordes verurteilt worden, dieses Urteil wurde aber 2014 wieder aufgehoben. Er hatte die Tat gestanden. Doch später stellte sich heraus: Die Polizisten hatten ihm Suggestivfragen gestellt, auch hatte Ulvi K. ein Alibi: Ein Bekannter sagte aus, K. sei an jenem Nachmittag bei ihm gewesen und habe beim "Holzmachen" geholfen.

Der nun Festgenommene soll ein Freund von Ulvi K. gewesen sein. Auch sollen S. und seine Mutter einen Anteil daran haben, dass es zum Prozess gegen K. kam: Die Mutter von S. hatte bei der Polizei ausgesagt, K. zur Zeit des Verschwindens von Peggy in der Nähe des Tatorts gesehen zu haben. Ihr ebenfalls als verdächtig geltender Sohn wurde durch diese Aussage entlastet.

Auch hatte es in dem Fall eine Reihe von Justizpannen gegeben. So hatte die Polizei die Information veröffentlicht, dass DNA-Spuren des NSU-Mitglieds Uwe Böhnhardt am Fundort von Peggys Leiche entdeckt worden waren – dies erklärte sich dann aber später mit einer Verunreinigung von Gerätschaften der Polizei.

Im vergangenen Jahr hatte sich eine Gruppe von Bürgerinnen aus Lichtenberg an die Öffentlichkeit gewandt. Die elf Unterzeichner warfen den Ermittlungsbehörden gravierende Fehler und Schlamperei vor. Sie sprachen von einem "Polizei- und Justizskandal" und einseitigen Ermittlungen. Viele Hinweise aus der Bevölkerung seien ignoriert worden und Zeugenaussagen aus den Akten verschwunden. Unter den Unterzeichnern waren auch Bürgermeister Holger Knüppel und mehrere Stadträte. Der Leitende Oberstaatsanwalt Potzel wies die Vorwürfe zurück.