Ein Fall für die Lehrbücher

Ein junger Reporter, ein Shootingstar einer ganzen Branche, einer, der in das Räderwerk der Geschichte einzugreifen versuchte, hat sich als Hochstapler und Fälscher erwiesen. Claas Relotius, so heißt der Reporter, ist vor ein paar Tagen aufgeflogen, er hat eingeräumt, in seinen Reportagen Dialoge manipuliert, Protagonisten erfunden und Fakten fabriziert zu haben. Er hat vergangene Woche gekündigt. Der Spiegel, so heißt sein bisheriger Arbeitgeber, bezeichnet dies als "Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte" des Nachrichtenmagazins. Das ist nicht übertrieben. Der deutsche Journalismus durchläuft in diesen Tagen eine Wahrhaftigkeitskrise, wie es sie seit der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher im Stern 1983 nicht mehr gegeben hat.

Für den Spiegel, der für sich selbst mit dem Slogan wirbt, "keine Angst vor der Wahrheit" zu haben, ist dies ein Fiasko, weil es die Werte infrage stellt, die das Nachrichtenmagazin verkörpert: harte Recherche, gute Schreibe, Fakten, die im besten Fall so unverrückbar wie ein Felsblock sind. Was für eine Ironie: Angst muss der Spiegel nicht vor der Wahrheit da draußen haben, wie er es in seinem Werbespruch versichert, sondern vor der Unwahrheit, die im eigenen Haus geboren wurde.

Zugleich berührt die Relotius-Affäre aber auch den Journalismus an sich, der in Zeiten von Fake-News und Medienkritik ohnehin im Blitzgewitter steht. Ein Fälscher unter vielen Tausend sauber arbeitenden Journalistinnen und Journalisten ist hinreichend, um ein ganzes Gewerbe unter Generalverdacht zu stellen. In jeder Branche passieren Fehler. Aber der Journalismus ist keine Branche wie jede andere. Ihm kommt eine Wächterfunktion zu und damit eine besondere Verantwortung. Wer andere kritisiert, oft auch beißend und unerbittlich, der steht selbst unter Beobachtung und daran ist nichts Falsches.

Relotius galt als bescheiden, uneitel und hilfsbereit

Das Publikum mag sich daran gewöhnt haben, dass manche Politiker ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit haben, dass sie mitunter lügen wie gedruckt. Journalisten aber sollen drucken, wie Politiker lügen, sie haben in einer Demokratie die Kontrollfunktion eben jener Mächtigen inne, sie sollen enthüllen, wenn die Mächtigen ihre Macht missbrauchen. Wie glaubhaft kann man andere kritisieren, wenn man selbst nicht der Wahrheit verpflichtet ist? Das ist die eine große Frage, die zuvorderst, aber nicht nur den Spiegel betrifft.

Relotius, 33, schreibt seit 2014 für das Magazin, seit 2017 fest angestellt. Er hat die Hamburg Media School durchlaufen und zunächst als freier Journalist gearbeitet, für Cicero, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Welt, den Tagesspiegel, für NZZ Folio und die NZZ am Sonntag, das Süddeutsche Zeitung Magazin und zwischen 2010 und 2012 in sechs Fällen auch für ZEIT ONLINE und das Magazin ZEIT Wissen. Wie alle betroffenen Redaktionen überprüft die ZEIT, ob diese Geschichten mit Makeln behaftet sind, auch wenn Relotius behauptet, hier sei "alles korrekt" verlaufen.

Als ihn der Spiegel vor gut einer Woche mit seinen Lügen konfrontierte, behauptete er, schon seit Langem manipuliert zu haben. Er sagt auch: "Ich bin krank und ich muss mir jetzt helfen lassen."

In der Redaktion des Spiegels galt er als Sensation und dazu noch als bescheiden, uneitel und hilfsbereit. Zuletzt war er als stellvertretender Leiter des Reportageressorts Gesellschaft im Gespräch, weil sein Chef Matthias Geyer zum Blattmacher aufsteigen soll. Kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn ein Hochstapler künftig die Reportage im Spiegel verantwortet hätte. Relotius' Arbeit wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet, etwa dem CNN Journalist Award, dem Reemtsma Liberty Award, dem Peter-Scholl-Latour-Preis und gleich vier mal mit dem Deutschen Reporterpreis, zuletzt Anfang Dezember, zwei Wochen vor seinem Auffliegen. Allein diese Auflistung zeigt, dass Relotius zwar ein dramatischer Einzelfall ist, aber einer, der die Branche an sich betrifft.

Zweifel bei der Jury des Reporterpreises

Zweifel über die allzu glänzenden Werke kursieren in der Branche schon länger. Als Relotius 2015 Gottes Diener für den Reporterpreis einreichte, ein Porträt über den angeblich letzten Arzt, der in Mississippi noch Abtreibungen vornimmt, gab es intensive Diskussionen in der Vorjury. Die Vorjuroren der Kategorie Reportage hatten gegoogelt und ein schlechtes Gefühl, wie Relotius auf das Thema gekommen war, weil ein paar Monate zuvor ein ganz ähnlicher, preisgekrönter Artikel im US-Magazin Esquire erschienen war. Sie äußerten Bedenken und nominierten die Geschichte nicht. Den Preis gewann sie trotzdem, allerdings in einer anderen Kategorie, als Freier Reporter. Nach Angaben von Cordt Schnibben vom Reporterpreis war der Text gleich zweimal eingereicht worden, in unterschiedlichen Kategorien. Der Spiegel geht heute davon aus, dass die Geschichte zumindest in Teilen verfälscht ist.

Als Relotius im März 2017 eine Reportage aus Fergus Falls veröffentlichte, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Minnesota, in der er die Bewohner als Hinterwäldler mit Obsession für Trump vorführte, protestierten zwei der Bewohner. Sie fühlten ihre Stadt verleumdet. Relotius hatte alles Mögliche erfunden, sogar einen Wald, wo doch nur Steppe ist. Per Twitter beschwerten sich die beiden Anwohner im April 2017 und kopierten dabei auch den Spiegel ein. Die Tweets, heißt es im Spiegel, seien bemerkt worden, unklar ist, was damit geschah. Relotius' Ressortleitung erreichten sie nicht. "Wir haben keine Antwort vom Spiegel erhalten", so Jake Krohn, einer der beiden Anwohner, zur ZEIT.

Wie der "Spiegel" Reportagen prüft

Aufgeflogen ist Relotius schließlich, als er vor ein paar Wochen mit einem anderen Spiegel-Reporter, Juan Moreno, eine Reportage beidseits der US-mexikanischen Grenze schreiben sollte; Relotius dies-, sein Kollege Juan Moreno jenseits. In der Geschichte patrouillieren weiße Amerikaner mit Schnellfeuergewehren und Wärmebildkameras in Arizona und suchen nach Flüchtlingen. In Relotius' Welt haben die Männer der Bürgerwehr, die sich "Pain", "Jaeger" oder "Ghost" nennen und Tarnfarben im Gesicht tragen, "ein Lager aus Armeezelten, Feldbetten und Funkantennen" aufgebaut. Wenn sie einen Flüchtling entdecken, jagen sie ihn, bis sie ihn zur Strecke gebracht haben.

Moreno, der viel in der Grenzregion herumgekommen ist, glaubte die Geschichte nicht. Schon während der Entstehung formulierte er Einwände, eine erste Manuskriptfassung soll er nach Angaben von Beteiligten von der Ressortleitung mit dem Einwand zurückbekommen haben, er solle "mehr Erzählung" einfügen, seine Zulieferung sei "zu hart". Matthias Geyer, der zuständige Ressortleiter Gesellschaft, sagt, er habe Moreno um mehr Präzision in seinen Beschreibungen gebeten.

Am Tag des Erscheinens Mitte November rief Moreno Geyer an. Geyer forderte Moreno auf, seine Vorwürfe zu dokumentieren, und drohte ihm mehr oder minder mit dem Rausschmiss für den Fall, dass er seinen Verdacht nicht erhärten könne, so empfand es jedenfalls Moreno. Geyer erinnert sich, gesagt zu haben, das Gespräch werde "entweder für Relotius oder für Moreno Konsequenzen haben".

Relotius fälschte eine Mail

Später, als die Chefredaktion des Spiegels Relotius konfrontierte, fälschte der eine Mail des US-amerikanischen Fotografen Johnny Milano, von dem die Fotos zur Geschichte stammen – und legte einen Mailaccount unter dem Pseudonym "Mike Morris" alias "Lug" bei Yahoo an, in dem er vorgab, für die Bürgerwehr an der Grenze zu sprechen. Eine Anfrage der ZEIT dazu ließ Relotius unbeantwortet.

Eine Geschichte geht beim Spiegel auf eine lange Reise, bevor sie veröffentlicht wird. Der Autor schickt seinen Text der Ressortleitung, die ihn überarbeitet und an die Rechtsabteilung, die Chefredaktion, eine separate Schlussredaktion und die sagenumwobene Spiegel-Dokumentation weiterreicht. Es gibt weltweit keinen besser ausgebauten Apparat, der sich im Journalismus mit der Überprüfung von Fakten beschäftigt. In der "Dok", wie die Abteilung liebevoll genannt wird, nehmen mehr als 60 Dokumentarinnen und Dokumentare Morgen für Morgen Texte unter die Lupe, sie gleichen Jahreszahlen und Namensschreibweisen und Zitate ab. Ähnlich penibel wird nur beim US-Magazin New Yorker gearbeitet. Und trotzdem hat dieser Apparat Relotius nicht stoppen können. Wie konnte das passieren?

Das "R" in den Texten

Die Antwort darauf hat auch mit der Entwicklung von Teilen des Journalismus in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu tun, in denen es einen irrwitzigen Wettbewerb um die aufsehenerregendste Reportage gegeben hat – im Spiegel, aber nicht nur dort. Reportagen, die auf den Beobachtungen eines Reporters vor Ort beruhen, sind auch für die beste Dokumentation der Welt nur schwer zu überprüfen, zumal dann, wenn die Geschichten wie bei Relotius bevorzugt im Ausland spielen. Manche Spiegel-Dokumentare notieren in diesen Fällen ein "R" an der entsprechenden Stelle im Manuskript, andere schreiben die Abkürzung aus: "eigene Recherche".

Bei diesen Geschichten gibt es in der Regel keine Dokumente, keine Belege, nur die Beobachtungen des Autors. Sie sind deshalb randvoll mit "R". Und zumeist ist auch das eherne journalistische Prinzip der zwei Quellen aufgehoben, das festschreibt, Fakten immer durch eine zweite Quelle zu bestätigen. Anders als beim New Yorker, dessen Fact-Checker die Gesprächspartner der Reporter nochmals anrufen und die Zitate mit der Quelle abgleichen, begnügt sich die Spiegel-Dok damit, den Text mit dem Reporter durchzugehen. Bei Relotius versagte sie außerdem schon bei schlichten Fakten wie dem Anteil von Trump-Wählern in Fergus Falls.

Dia Jagd nach der perfekten Geschichte

"Ich versuche, meine Geschichten so zu schreiben, wie ich sie gerne lesen würde", sagte Relotius einmal 2015, als er schon für den Spiegel schrieb, aber auch noch für andere Redaktionen. Daraus entstand seine ganz eigene Art der Dekonstruktion der Wirklichkeit: Er versuchte dort, wo er mit journalistischen Mitteln nicht weiterkam, die Realität nach der eigenen Fantasie zu formen. Der letzten Überlebenden der Widerstandsgruppe Weiße Rose, Traute Lafrenz, etwa, die heute in den USA lebt, legte er in diesem Herbst eine Aussage über die Ausschreitungen von Rechtsradikalen in Chemnitz in den Mund; die 99-Jährige hat mittlerweile angegeben, weder Bilder aus Chemnitz gesehen zu haben, noch dazu ein Wort geäußert zu haben.

Relotius war auf der Jagd nach der perfekten Geschichte, er ästhetisierte damit das Leben und Sterben, verschmolz es zu einer Scheinwelt, wenn er über Hinrichtungen in den USA, Selbstmordattentäter im Nahen Osten oder einen Jungen schrieb, der angeblich glaubt, mit einem Graffito den Bürgerkrieg ausgelöst zu haben. Bei Relotius war das Leben eine große Truman-Story. Aber Journalismus ist notwendigerweise unperfekt, er muss es sein, wenn er ein Abbild der Welt bieten will. Das Leben ist voller Widersprüche, Unebenheiten und Schlaglöcher. Journalismus ist nur eine Annäherung daran, guter Journalismus eine möglichst präzise Annäherung. Nur sehr selten kann ein Reporter so nah dabei sein, wie es dem Spiegel im Bundestagswahlkampf mit seiner monatelanger Beobachtung des Wahlkampfes von Martin Schulz gelang.

"Was wir bislang wissen" gehört zu den erfolgreichsten Angeboten

Der Versuch, in einer Livewelt konkurrieren zu können, in der wir uns daran gewöhnt haben, dass die Realität in Echtzeit gestreamt wird, ist nicht nur ein Irrtum, er trägt bereits den Kern des Problems in sich. Der geschriebene Journalismus kann das nicht simulieren. Er kann den Wettlauf nicht gewinnen. Geschriebener Journalismus muss nachdenklicher, reflektierter, tiefer recherchiert und ja, langsamer daherkommen.

Journalisten können nicht immer alles wissen, alles vorhersagen, überall dabei gewesen sein. Aber sie können das, was war, chirurgisch präzise und unbestechlich beschreiben und dem bislang unbekannte Fakten hinzufügen, das Geschehen mit Kontext versehen und einordnen.

Nicht zufällig zählt das relativ junge journalistische Format "Was wir bislang wissen" bei Großereignissen zu den meistgelesenen und erfolgreichsten Angeboten – es versucht gar nicht erst, Allwissenheit vorzuspiegeln, sondern dokumentiert möglichst exakt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt bekannt ist.  

Im besten Fall gelingt es einer Redaktion, darüber hinaus Fakten aufzuspüren, die unbekannt sind und einen Missstand sichtbar machen. Das ist mühselig und langwierig, es kostet Zeit und Geld und führt nicht immer zum Erfolg.

Nicht das Ende der Reportage

Die Relotius-Affäre ist nicht das Ende der Reportage. Aber die Kunstform der makellosen, überparfümierten Reportage, die den Leserinnen und Leser vorgaukelt, die ganze Welt im Schicksal einer Person erzählen zu können und mit der Figur des allwissend-auktorialen Erzählers dabei ist, wenn es knallt und raucht und funkt – diese cineastische Kunstform muss spätestens jetzt am Ende sein; genau genommen ist sie es schon länger. Sie hat einen Schönheitswettbewerb hinter sich, der so nicht weiter stattfinden darf.  

Relotius' Texte waren großes Kino. Mit der Suche nach der Wahrheit oder zumindest den Tatsachen hatten sie wenig bis nichts zu tun. Dass er dafür mit dem Deutschen Reporterpreis überhäuft wurde, sagt viel über die Sehnsucht der Branche nach der ultimativen Geschichte.

Qualitätsmedien, so hat es der frühere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo unlängst in der Süddeutschen Zeitung formuliert, "beschäftigen Journalistinnen und Journalisten, die den Satz 'Ich weiß es nicht' als Ermutigung zur Recherche begreifen, die wissen, dass die Vereinfachung eines Sachverhaltes eine Kunst ist, aber nur, solange man die Substanz nicht verfälscht". Mascolo macht darauf aufmerksam, dass die tagtägliche Dauererregung vieler journalistischer Produkte "eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg von Populisten und Vereinfachern ist". Man möchte hinzufügen: Bei herbeifantasierten Geschichten verhält es sich nicht anders. Auch sie füttern die Vorurteile der Populisten und Vereinfacher, die sich selbst so ungern den bohrenden Fragen von Journalisten stellen.

Das Plädoyer, sich der steten Beschleunigung zu entziehen und verbal abzurüsten, ist zugleich auch ein Plädoyer für mehr Sorgfalt und, im Zweifel, für weniger Glanz. Jedenfalls dort, wo wir uns nicht ganz sicher sind, wie es wirklich war. Im Zweifel gilt der Zweifel, nicht die Glättung. Zu modernem Journalismus gehören Transparenzkästen, die die Recherche offenlegen, ebenso wie das regelmäßige Offenbaren von Fehlern, die sich in Artikel eingeschlichen haben.

Relotius ist nicht der erste Hochstapler im Journalismus

Relotius ist nicht der erste Hochstapler, der sich unter dem Deckmantel des Journalismus profiliert und mutmaßlich wird er nicht der letzte bleiben. Im deutschsprachigen Raum löste der Schweizer Tom Kummer vor 18 Jahren einen Skandal aus, als aufflog, dass er Interviews mit Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Sharon Stone, die in Schweizer Medien und dem Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen waren, frei erfunden hatte. Kummer bezeichnete sich später als Vertreter eines "Borderline-Journalismus". Aber es gibt keinen Borderline-Journalismus, es gibt nur Journalismus oder Literatur. Wer fälscht, der betrügt: den Leser, die beschriebenen Menschen, die Kollegen.

Selbst die renommierteste Zeitung der Welt, die New York Times, fiel auf einen Betrüger herein. 2003 trennte sich die Redaktion von ihrem jungen Reporter Jayson Blair, der in einer Vielzahl von Artikeln Zitate erfunden, Szenen ausgedacht und Beobachtungen konstruiert hatte. Blairs Geschichte weist in weiten Teilen verblüffende Ähnlichkeiten mit der von Relotius auf. Innerhalb von fünf Jahren hatte sich Blair vom Praktikanten zum nationalen Reporter hochgeschrieben, Relotius brauchte nur vier. Beide waren anfangs jung und unerfahren, aber brennend ehrgeizig. Und wie bei Relotius spielten Blairs Geschichten oft nicht daheim in New York, sondern an Schauplätzen weit entfernt. Da also, wo sie leichter zu manipulieren und schwerer zu überprüfen waren.

Wie Blair hat Relotius sich aus veröffentlichten Fotos, Berichten und Geschichten anderer bedient und diese neu komponiert. Die New York Times kam in ihrer internen Aufarbeitung zu dem Ergebnis, dass Blairs Betrug unter anderem deshalb so lange unerkannt blieb, weil er geschickt alle Spuren verschleiert hatte; so war es auch bei Relotius, der redaktionsintern mit manipulierten Fotos und Dokumenten hantierte, um Misstrauen zu zerstreuen.

Die Auswirkungen beim "Spiegel" sind nicht abzusehen

Die Auswirkungen des Falls auf den Spiegel sind noch nicht abzusehen. Als die designierte neue Chefredaktion des Magazins am Mittwochmittag den Fall im Atrium der Ericusspitze bei einer Mitarbeiterversammlung offenbarte, flossen nach Angaben von Anwesenden Tränen. Eine dreiköpfige Kommission soll nun die Affäre aufarbeiten.

Der Spiegel, diese Bastion des exzellenten Journalismus, aber auch des erhabenen Selbstgefallens, wird sich neu erfinden müssen. Oder vielleicht auch nur zu seinen Wurzeln zurückkehren. "Sagen was ist", das alte Augstein-Lebensmotto, das im Spiegel-Haus an der Ericusspitze im Foyer hängt, meint eben nicht: Sagen, wie es gewesen sein könnte. Bis hin zur Auflösung des Reportageressorts Gesellschaft gilt hausintern alles als denkbar, personelle Konsequenzen über Relotius' Kündigung hinaus sind wahrscheinlich. Wie heilsam der Schock für den Journalismus an sich sein wird, hängt allerdings nicht nur am Spiegel, sondern an einer Branche an sich, die bei anderen schnell mit Verallgemeinerungen ist, in der die eigene Fehlerkultur aber nur verkümmert ausgeprägt ist.

Relotius' preisgekrönter Text über einen syrischen Jungen, der angeblich glaubt, den Bürgerkrieg ausgelöst zu haben, werde es in die Schulbücher schaffen, schwärmte die Chefredakteurin der Deutschen Welle, Ines Pohl, Anfang Dezember, als sie beim Reporterpreis die Laudatio auf Relotius hielt. 

Hoffentlich. Nur müssen es die Lehrbücher der Journalistenschulen sein – als ein Beispiel dafür, was im Journalismus niemals passieren darf.

Holger Stark war von 2001 bis 2017 Mitarbeiter des "Spiegels", zunächst als Redakteur, von 2006 an als stellvertretender Leiter des Deutschlandressorts, von 2010 an als dessen Co-Leiter. Von 2013 bis Anfang 2017 berichtete er für den "Spiegel" aus Washington. Seit Februar 2017 ist er Leiter des Investigativressorts und Mitglied der Chefredaktion der ZEIT. Er hat Relotius nie persönlich kennengelernt.

Eine aktualisierte Version dieses Textes erscheint in der kommenden Ausgabe der ZEIT.