Aufgeflogen ist Relotius schließlich, als er vor ein paar Wochen mit einem anderen Spiegel-Reporter, Juan Moreno, eine Reportage beidseits der US-mexikanischen Grenze schreiben sollte; Relotius dies-, sein Kollege Juan Moreno jenseits. In der Geschichte patrouillieren weiße Amerikaner mit Schnellfeuergewehren und Wärmebildkameras in Arizona und suchen nach Flüchtlingen. In Relotius' Welt haben die Männer der Bürgerwehr, die sich "Pain", "Jaeger" oder "Ghost" nennen und Tarnfarben im Gesicht tragen, "ein Lager aus Armeezelten, Feldbetten und Funkantennen" aufgebaut. Wenn sie einen Flüchtling entdecken, jagen sie ihn, bis sie ihn zur Strecke gebracht haben.

Moreno, der viel in der Grenzregion herumgekommen ist, glaubte die Geschichte nicht. Schon während der Entstehung formulierte er Einwände, eine erste Manuskriptfassung soll er nach Angaben von Beteiligten von der Ressortleitung mit dem Einwand zurückbekommen haben, er solle "mehr Erzählung" einfügen, seine Zulieferung sei "zu hart". Matthias Geyer, der zuständige Ressortleiter Gesellschaft, sagt, er habe Moreno um mehr Präzision in seinen Beschreibungen gebeten.

Am Tag des Erscheinens Mitte November rief Moreno Geyer an. Geyer forderte Moreno auf, seine Vorwürfe zu dokumentieren, und drohte ihm mehr oder minder mit dem Rausschmiss für den Fall, dass er seinen Verdacht nicht erhärten könne, so empfand es jedenfalls Moreno. Geyer erinnert sich, gesagt zu haben, das Gespräch werde "entweder für Relotius oder für Moreno Konsequenzen haben".

Relotius fälschte eine Mail

Später, als die Chefredaktion des Spiegels Relotius konfrontierte, fälschte der eine Mail des US-amerikanischen Fotografen Johnny Milano, von dem die Fotos zur Geschichte stammen – und legte einen Mailaccount unter dem Pseudonym "Mike Morris" alias "Lug" bei Yahoo an, in dem er vorgab, für die Bürgerwehr an der Grenze zu sprechen. Eine Anfrage der ZEIT dazu ließ Relotius unbeantwortet.

Eine Geschichte geht beim Spiegel auf eine lange Reise, bevor sie veröffentlicht wird. Der Autor schickt seinen Text der Ressortleitung, die ihn überarbeitet und an die Rechtsabteilung, die Chefredaktion, eine separate Schlussredaktion und die sagenumwobene Spiegel-Dokumentation weiterreicht. Es gibt weltweit keinen besser ausgebauten Apparat, der sich im Journalismus mit der Überprüfung von Fakten beschäftigt. In der "Dok", wie die Abteilung liebevoll genannt wird, nehmen mehr als 60 Dokumentarinnen und Dokumentare Morgen für Morgen Texte unter die Lupe, sie gleichen Jahreszahlen und Namensschreibweisen und Zitate ab. Ähnlich penibel wird nur beim US-Magazin New Yorker gearbeitet. Und trotzdem hat dieser Apparat Relotius nicht stoppen können. Wie konnte das passieren?

Das "R" in den Texten

Die Antwort darauf hat auch mit der Entwicklung von Teilen des Journalismus in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu tun, in denen es einen irrwitzigen Wettbewerb um die aufsehenerregendste Reportage gegeben hat – im Spiegel, aber nicht nur dort. Reportagen, die auf den Beobachtungen eines Reporters vor Ort beruhen, sind auch für die beste Dokumentation der Welt nur schwer zu überprüfen, zumal dann, wenn die Geschichten wie bei Relotius bevorzugt im Ausland spielen. Manche Spiegel-Dokumentare notieren in diesen Fällen ein "R" an der entsprechenden Stelle im Manuskript, andere schreiben die Abkürzung aus: "eigene Recherche".

Bei diesen Geschichten gibt es in der Regel keine Dokumente, keine Belege, nur die Beobachtungen des Autors. Sie sind deshalb randvoll mit "R". Und zumeist ist auch das eherne journalistische Prinzip der zwei Quellen aufgehoben, das festschreibt, Fakten immer durch eine zweite Quelle zu bestätigen. Anders als beim New Yorker, dessen Fact-Checker die Gesprächspartner der Reporter nochmals anrufen und die Zitate mit der Quelle abgleichen, begnügt sich die Spiegel-Dok damit, den Text mit dem Reporter durchzugehen. Bei Relotius versagte sie außerdem schon bei schlichten Fakten wie dem Anteil von Trump-Wählern in Fergus Falls.