"Ich versuche, meine Geschichten so zu schreiben, wie ich sie gerne lesen würde", sagte Relotius einmal 2015, als er schon für den Spiegel schrieb, aber auch noch für andere Redaktionen. Daraus entstand seine ganz eigene Art der Dekonstruktion der Wirklichkeit: Er versuchte dort, wo er mit journalistischen Mitteln nicht weiterkam, die Realität nach der eigenen Fantasie zu formen. Der letzten Überlebenden der Widerstandsgruppe Weiße Rose, Traute Lafrenz, etwa, die heute in den USA lebt, legte er in diesem Herbst eine Aussage über die Ausschreitungen von Rechtsradikalen in Chemnitz in den Mund; die 99-Jährige hat mittlerweile angegeben, weder Bilder aus Chemnitz gesehen zu haben, noch dazu ein Wort geäußert zu haben.

Relotius war auf der Jagd nach der perfekten Geschichte, er ästhetisierte damit das Leben und Sterben, verschmolz es zu einer Scheinwelt, wenn er über Hinrichtungen in den USA, Selbstmordattentäter im Nahen Osten oder einen Jungen schrieb, der angeblich glaubt, mit einem Graffito den Bürgerkrieg ausgelöst zu haben. Bei Relotius war das Leben eine große Truman-Story. Aber Journalismus ist notwendigerweise unperfekt, er muss es sein, wenn er ein Abbild der Welt bieten will. Das Leben ist voller Widersprüche, Unebenheiten und Schlaglöcher. Journalismus ist nur eine Annäherung daran, guter Journalismus eine möglichst präzise Annäherung. Nur sehr selten kann ein Reporter so nah dabei sein, wie es dem Spiegel im Bundestagswahlkampf mit seiner monatelanger Beobachtung des Wahlkampfes von Martin Schulz gelang.

"Was wir bislang wissen" gehört zu den erfolgreichsten Angeboten

Der Versuch, in einer Livewelt konkurrieren zu können, in der wir uns daran gewöhnt haben, dass die Realität in Echtzeit gestreamt wird, ist nicht nur ein Irrtum, er trägt bereits den Kern des Problems in sich. Der geschriebene Journalismus kann das nicht simulieren. Er kann den Wettlauf nicht gewinnen. Geschriebener Journalismus muss nachdenklicher, reflektierter, tiefer recherchiert und ja, langsamer daherkommen.

Journalisten können nicht immer alles wissen, alles vorhersagen, überall dabei gewesen sein. Aber sie können das, was war, chirurgisch präzise und unbestechlich beschreiben und dem bislang unbekannte Fakten hinzufügen, das Geschehen mit Kontext versehen und einordnen.

Nicht zufällig zählt das relativ junge journalistische Format "Was wir bislang wissen" bei Großereignissen zu den meistgelesenen und erfolgreichsten Angeboten – es versucht gar nicht erst, Allwissenheit vorzuspiegeln, sondern dokumentiert möglichst exakt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt bekannt ist.  

Im besten Fall gelingt es einer Redaktion, darüber hinaus Fakten aufzuspüren, die unbekannt sind und einen Missstand sichtbar machen. Das ist mühselig und langwierig, es kostet Zeit und Geld und führt nicht immer zum Erfolg.

Nicht das Ende der Reportage

Die Relotius-Affäre ist nicht das Ende der Reportage. Aber die Kunstform der makellosen, überparfümierten Reportage, die den Leserinnen und Leser vorgaukelt, die ganze Welt im Schicksal einer Person erzählen zu können und mit der Figur des allwissend-auktorialen Erzählers dabei ist, wenn es knallt und raucht und funkt – diese cineastische Kunstform muss spätestens jetzt am Ende sein; genau genommen ist sie es schon länger. Sie hat einen Schönheitswettbewerb hinter sich, der so nicht weiter stattfinden darf.  

Relotius' Texte waren großes Kino. Mit der Suche nach der Wahrheit oder zumindest den Tatsachen hatten sie wenig bis nichts zu tun. Dass er dafür mit dem Deutschen Reporterpreis überhäuft wurde, sagt viel über die Sehnsucht der Branche nach der ultimativen Geschichte.

Qualitätsmedien, so hat es der frühere Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo unlängst in der Süddeutschen Zeitung formuliert, "beschäftigen Journalistinnen und Journalisten, die den Satz 'Ich weiß es nicht' als Ermutigung zur Recherche begreifen, die wissen, dass die Vereinfachung eines Sachverhaltes eine Kunst ist, aber nur, solange man die Substanz nicht verfälscht". Mascolo macht darauf aufmerksam, dass die tagtägliche Dauererregung vieler journalistischer Produkte "eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Erfolg von Populisten und Vereinfachern ist". Man möchte hinzufügen: Bei herbeifantasierten Geschichten verhält es sich nicht anders. Auch sie füttern die Vorurteile der Populisten und Vereinfacher, die sich selbst so ungern den bohrenden Fragen von Journalisten stellen.

Das Plädoyer, sich der steten Beschleunigung zu entziehen und verbal abzurüsten, ist zugleich auch ein Plädoyer für mehr Sorgfalt und, im Zweifel, für weniger Glanz. Jedenfalls dort, wo wir uns nicht ganz sicher sind, wie es wirklich war. Im Zweifel gilt der Zweifel, nicht die Glättung. Zu modernem Journalismus gehören Transparenzkästen, die die Recherche offenlegen, ebenso wie das regelmäßige Offenbaren von Fehlern, die sich in Artikel eingeschlichen haben.