Relotius ist nicht der erste Hochstapler, der sich unter dem Deckmantel des Journalismus profiliert und mutmaßlich wird er nicht der letzte bleiben. Im deutschsprachigen Raum löste der Schweizer Tom Kummer vor 18 Jahren einen Skandal aus, als aufflog, dass er Interviews mit Hollywoodstars wie Brad Pitt oder Sharon Stone, die in Schweizer Medien und dem Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen waren, frei erfunden hatte. Kummer bezeichnete sich später als Vertreter eines "Borderline-Journalismus". Aber es gibt keinen Borderline-Journalismus, es gibt nur Journalismus oder Literatur. Wer fälscht, der betrügt: den Leser, die beschriebenen Menschen, die Kollegen.

Selbst die renommierteste Zeitung der Welt, die New York Times, fiel auf einen Betrüger herein. 2003 trennte sich die Redaktion von ihrem jungen Reporter Jayson Blair, der in einer Vielzahl von Artikeln Zitate erfunden, Szenen ausgedacht und Beobachtungen konstruiert hatte. Blairs Geschichte weist in weiten Teilen verblüffende Ähnlichkeiten mit der von Relotius auf. Innerhalb von fünf Jahren hatte sich Blair vom Praktikanten zum nationalen Reporter hochgeschrieben, Relotius brauchte nur vier. Beide waren anfangs jung und unerfahren, aber brennend ehrgeizig. Und wie bei Relotius spielten Blairs Geschichten oft nicht daheim in New York, sondern an Schauplätzen weit entfernt. Da also, wo sie leichter zu manipulieren und schwerer zu überprüfen waren.

Wie Blair hat Relotius sich aus veröffentlichten Fotos, Berichten und Geschichten anderer bedient und diese neu komponiert. Die New York Times kam in ihrer internen Aufarbeitung zu dem Ergebnis, dass Blairs Betrug unter anderem deshalb so lange unerkannt blieb, weil er geschickt alle Spuren verschleiert hatte; so war es auch bei Relotius, der redaktionsintern mit manipulierten Fotos und Dokumenten hantierte, um Misstrauen zu zerstreuen.

Die Auswirkungen beim "Spiegel" sind nicht abzusehen

Die Auswirkungen des Falls auf den Spiegel sind noch nicht abzusehen. Als die designierte neue Chefredaktion des Magazins am Mittwochmittag den Fall im Atrium der Ericusspitze bei einer Mitarbeiterversammlung offenbarte, flossen nach Angaben von Anwesenden Tränen. Eine dreiköpfige Kommission soll nun die Affäre aufarbeiten.

Der Spiegel, diese Bastion des exzellenten Journalismus, aber auch des erhabenen Selbstgefallens, wird sich neu erfinden müssen. Oder vielleicht auch nur zu seinen Wurzeln zurückkehren. "Sagen was ist", das alte Augstein-Lebensmotto, das im Spiegel-Haus an der Ericusspitze im Foyer hängt, meint eben nicht: Sagen, wie es gewesen sein könnte. Bis hin zur Auflösung des Reportageressorts Gesellschaft gilt hausintern alles als denkbar, personelle Konsequenzen über Relotius' Kündigung hinaus sind wahrscheinlich. Wie heilsam der Schock für den Journalismus an sich sein wird, hängt allerdings nicht nur am Spiegel, sondern an einer Branche an sich, die bei anderen schnell mit Verallgemeinerungen ist, in der die eigene Fehlerkultur aber nur verkümmert ausgeprägt ist.

Relotius' preisgekrönter Text über einen syrischen Jungen, der angeblich glaubt, den Bürgerkrieg ausgelöst zu haben, werde es in die Schulbücher schaffen, schwärmte die Chefredakteurin der Deutschen Welle, Ines Pohl, Anfang Dezember, als sie beim Reporterpreis die Laudatio auf Relotius hielt. 

Hoffentlich. Nur müssen es die Lehrbücher der Journalistenschulen sein – als ein Beispiel dafür, was im Journalismus niemals passieren darf.

Holger Stark war von 2001 bis 2017 Mitarbeiter des "Spiegels", zunächst als Redakteur, von 2006 an als stellvertretender Leiter des Deutschlandressorts, von 2010 an als dessen Co-Leiter. Von 2013 bis Anfang 2017 berichtete er für den "Spiegel" aus Washington. Seit Februar 2017 ist er Leiter des Investigativressorts und Mitglied der Chefredaktion der ZEIT. Er hat Relotius nie persönlich kennengelernt.

Eine aktualisierte Version dieses Textes erscheint in der kommenden Ausgabe der ZEIT.