Die Pressefreiheit und mit ihr der unabhängige Journalismus in der Türkei sind vom Aussterben bedroht. Medienkonzerne, die wirtschaftlich von der Regierung abhängig sind, dominieren den Markt. Journalisten, die kritisch über Präsident Recep Tayyip Erdoğan oder seine Regierung berichten, müssen mit Verhaftung und Anklage rechnen. Mehr als 150 Journalistinnen und Journalisten sitzen bereits im Gefängnis. Damit ist das Land weltweit trauriger Spitzenreiter. Zum politischen Druck kam im vergangenen Jahr der wirtschaftliche hinzu: Die Wirtschaftskrise und der Absturz der türkischen Lira verschärfen die oft ohnehin prekären Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in den Medien. Viele von ihnen blicken deprimiert und ohne Hoffnung in die Zukunft. Wie es ist, derzeit als Journalist in der Türkei zu arbeiten, erzählen hier drei von ihnen.

"Ich veröffentliche kein kritisches Material auf Social Media"

Es kann so nicht weitergehen. Mein Chef hat mir vor Kurzem empfohlen, mich nach neuen Möglichkeiten umzusehen. Zum einen wegen der großen Veränderungen durch den neuen Besitzer unserer Zeitung: Sie wurde an einen Konzern verkauft, dessen Chef ein Freund Erdoğans ist. Zum anderen wegen der ökonomischen Krise, die alles noch schlimmer macht: Es herrscht oft eine depressive Stimmung, die Kolleginnen und Kollegen haben Zukunftsangst. Seit anderthalb Jahren gibt es zum Beispiel immer wieder Gerüchte über Stellenstreichungen. Da heißt es dann, 50 Leute würden entlassen. Dann passiert nichts. Und dann gibt es neue Gerüchte.

Ich muss Hoffnung haben. Ich will als Journalistin arbeiten und ich bin es gewohnt, kämpfen zu müssen. Aber ich weiß nicht, was überhaupt noch übrig ist vom Journalismus in der Türkei.

Angefangen habe ich als Videoaktivistin. Wir haben über Hungerstreiks, Demonstrationen und Proteste berichtet. Mein Selbstverständnis damals war, dass es ethischer ist, Aktivistin zu sein, als für ein Medienunternehmen als Journalistin zu arbeiten. Danach habe ich für eine Nichtregierungsorganisation Workshops über Bürgerjournalismus gegeben. Schließlich habe ich 2011 für einen prokurdischen Sender gearbeitet, ein liberales Medium. Das war damals eine Hochzeit an Medienvielfalt und Liberalismus in der Türkei. Auch wenn sich für mich die Arbeit bei dem Sender nicht wie richtiger Journalismus anfühlte, weil es nur um Umwelt- und Genderthemen ging.

Wie professioneller Journalismus auf hohem Niveau funktioniert, habe ich erst danach verstanden, als ich ein Praktikum bei einer großen Tageszeitung gemacht habe. Da wurde mir klar, dass meine Arbeit als Aktivistin nicht die einer Journalistin war.

Journalismus folgt für mich den Leitfragen: Was ist passiert? Was ist die Wahrheit? Damals, 2015, war noch eine Menge möglich. Zwar wurde auch während meines Praktikums der Fokus von Texten schon mal geändert oder bestimmte Aspekte gestrichen. Als ich über einen Aktionsplan des Ministeriums für Familie und Soziales berichtete, in dem stand, dass unter 11- bis 16-jährigen Mädchen der Anteil derer, die Hausunterricht bekommen, um 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist, fehlte dieser Absatz in der veröffentlichten Version meines Artikels. Ich habe nicht einmal nachgefragt, warum das passiert ist, weil ich es schon so gewohnt war.

Nach verschiedenen anderen Praktika habe ich meinen jetzigen Job bekommen. Junge Journalistinnen und Journalisten bekommen oft kein Geld als Berufseinsteiger. Praktika, freie Mitarbeit, mit viel Glück bekommt man irgendwann einen Vertrag als Redakteur und damit überhaupt ein festes Gehalt und Sozialleistungen. Ich kann von meinem Gehalt leben, aber ich habe seit zwei Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen. Das heißt, ich verdiene wegen der wirtschaftlichen Krise und den Preissteigerungen faktisch immer weniger.

"Niemand sagt: Das kannst du nicht machen."

In unserer Redaktion gibt es jeden morgen eine Themenkonferenz. Wenn es um kritische Themen geht, die Präsident Erdoğan oder andere sensible Bereiche betreffen, heißt es dann nur: Ja, die Geschichte kannst du schreiben! "Ja, ich schreibe sie auf." Und alle lachen, weil sie wissen, dass es unmöglich ist, darüber zu berichten.

Es gibt natürlich keine Liste mit Themen, über die wir nicht berichten dürfen. Niemand sagt: Das kannst du nicht machen. Es ist ein schleichender Prozess. Bei Vorschlägen heißt es dann: Begib dich da nicht rein. Oder: Schreib das besser nicht. Ich weiß nicht einmal, ob meine Chefs das genauer wissen, oder auch nur in der Annahme handeln, was erlaubt oder verboten ist. In meinem Büro sind alle Kollegen jedenfalls deprimiert wegen der Lage.

Man darf aber nicht alles auf Erdoğan reduzieren: Den Druck auf Journalisten gibt es schon seit Längerem, auch durch die Veränderung der Medien durch ihre Besitzer. So gibt es Themen, über die man nicht berichten kann, weil der eigene Medienkonzern beteiligt ist. Das war zum Beispiel bei Protesten am Schwarzen Meer gegen Wasserkraftwerke so, als ich bei einem Fernsehender als Praktikantin gearbeitet habe. Wir mussten die Nachrichten immer darauf prüfen, ob sich die Proteste gegen eines der Kraftwerke richteten, an denen der Medienkonzern beteiligt war. War das der Fall, haben wir nicht berichtet.

Vor einer Anklage wegen meiner Berichte habe ich nicht unbedingt Angst. Aber manchmal denke ich schon über die Möglichkeit nach. Ich veröffentliche deshalb kein kritisches Material auf Social Media. Und ich habe einen Anwalt, der über mögliche Anschuldigungen informiert werden würde, sollte es dazu kommen.

Inzwischen hat mein Chef mir mitgeteilt, dass ich entlassen bin. Auf der einen Seite war es eine tolle Möglichkeit, für ein großes Medium zu arbeiten, bei dem man andere Zugänge zu Recherchen bekommt und auch einen gewissen Schutz genießt. Zudem hatte die Zeitung bei allen Problemen immer noch einen ganz guten Ruf. Deshalb fühlt es sich wie ein Verlust an, ich war dort noch nicht fertig. Auf der anderen Seite ist die Situation hier insgesamt ziemlich trübe. Wir arbeiten unter hohem Stress, ohne zu wissen, ob und wie es in Zukunft weitergehen wird. Niemand weiß, ob es die Zeitung in einigen Monaten noch geben wird. Unter diesen Umständen zu arbeiten war nicht sehr angenehm, das ging auch auf Kosten meiner Gesundheit. Deshalb fühle ich mich ein bisschen entspannter jetzt. Ich kann neue Pläne machen, etwas Konkretes unternehmen und muss nicht mehr auf die ständig drohende Apokalypse warten.

Seynap*, 35, arbeitet als Politikredakteurin bei einer großen türkischen Tageszeitung