An Heiligabend sind die Kirchen voll, an den 364 anderen Tagen im Jahr immer leerer. Es sind unterschiedliche Gründe, aus denen Gläubige der Institution Kirche, evangelischer wie katholischer, den Rücken kehren. Wir haben vier Menschen getroffen, die noch in der Kirche sind: Ein tiefgläubiger, schwuler Katholik, eine zweifelnde Studentin, eine genervte Protestantin, die den Weg zum Amtsgericht nicht schafft. Und eine Nichtgläubige, die nicht austritt, um ihre Arbeit zu behalten.

Milo Pablo Momm, 41, Berlin, Opernregisseur

Ich bin auch heute noch Teil der katholischen Kirche – als schwuler Mann. Weil ich mit einem sehr positiven Glauben aufgewachsen bin. Kirche ist für mich eine Gemeinschaft der Gläubigen. Sie besteht aus täglichen Ritualen, dem Beten, den Festtagen, aus einem Gottesdienst in meiner Gemeinde in Schöneberg, in der auch schwule Paare nicht komisch angeschaut werden. Auch wenn ich wegen meines Berufs nicht mehr so oft dazu komme, meinen Glauben so zu praktizieren.

In meiner Kindheit sind wir zweimal im Jahr nach Banneux in Belgien gefahren. Dort soll Maria 1933 einem Kind erschienen sein und es zu einer Quelle geleitet haben. Heute ist da ein Wallfahrtsort. Es war ein schönes Ritual für mich, dort das heilige Wasser zu schöpfen. Danach sind wir festlich essen gegangen mit der ganzen Familie.

Ich bin in einer streng katholischen Familie in Aachen groß geworden. Im Alltag war Kirche ein fester Bestandteil. Jeden Sonntag zur Messe, die Großeltern haben dreimal am Tag gebetet. Ihr Glaube hat mich damals sehr beeindruckt. Denn es ging bei uns nie darum, dass Gott böse ist. Religion war keine Pflicht, keine Bestrafung. Wenn wir das Abendgebet gesprochen haben, dann nicht, um uns schlecht zu fühlen, sondern damit wir gut einschlafen können, uns geborgen fühlen.

Dennoch hadere ich oft mit der katholischen Kirche. Aktuell wieder, wenn ich von den Kindesmissbräuchen lese. Es ist so furchtbar. Dann wird mir bewusst, dass die Kirche ein von Männern geführter Betrieb ist. Es ist so absurd, wie diese Institution organisiert ist. Ich fühle mich dann wie ein Angestellter einer Firma, mit deren Geschäftsführung ich überhaupt nicht einverstanden bin. Die offizielle Linie der katholischen Kirche ist hochproblematisch, gerade gegenüber Homosexualität. Würde ich in einem Land leben, in dem ich wegen meiner Sexualität – durch die Kirche sanktioniert – verfolgt würde, dann würde ich natürlich ganz anders denken. In Deutschland aber weicht die gelebte Praxis der Katholiken oft von der Linie ab.

Der katholische Glaube und damit auch die Kirche in Form meiner Gemeinde ist ein wichtiger Teil meines Ichs. Ich bin da durch meine Familie hineingewachsen, habe eine Heimat gefunden. Austreten würde sich daher gerade falsch für mich anfühlen. Und dennoch verstehe ich jeden Menschen, der austreten möchte.