Der zahlreicher Fälschungen überführte Spiegel-Journalist Claas Relotius hat seine vier Deutschen Reporterpreise zurückgegeben. Das teilte die Jury mit. Er habe sich per SMS gemeldet und dies mitgeteilt. Relotius kam damit einer möglichen Aberkennung zuvor. Er war in den Jahren 2013, 2015, 2016 und 2018 ausgezeichnet worden. Die Jury beriet seit Mittwoch über Konsequenzen.

Das Reporter-Forum, das seit 2009 den Reporterpreis verleiht, äußerte sich "entsetzt und wütend" über die "geradezu kriminelle Energie", mit der auch die Organisatoren des Reporterpreises und die Juroren von dem Journalisten getäuscht worden seien. Der Preis wird in acht Kategorien verliehen und will besonders gute Reporter belohnen und Debatten befeuern. Die Jury ist zu gleichen Teilen mit preisgekrönten Reportern und prominenten Publizisten sowie Autoren besetzt.

Zudem wurde Relotius ein Preis des US-Nachrichtensenders CNN aus dem Jahr 2014 aberkannt. Eine unabhängige Jury hatte ihm damals in den Kategorien "CNN Journalist des Jahres" und "Print" ausgezeichnet, wie der Sender mitteilte. Angesichts der Spiegel-Berichterstattung über die Betrugsfälle habe die damalige Jury erneut getagt und einstimmig beide Preise aberkannt.

Ausmaß der Fälschungen noch unklar

Der Spiegel hatte am Mittwoch bekannt gegeben, dass der 33-jährige preisgekrönte Redakteur Reportagen ganz oder teilweise systematisch gefälscht hatte. Er habe dabei Charaktere, Zitate und Begebenheiten erfunden oder die Biografien von realen Protagonisten verfälscht. Relotius schrieb für den Verlag seit 2011 knapp 60 Texte, seinen eigenen Angaben zufolge sind 14 betroffen. Der Spiegel kündigte eine umfassende Aufarbeitung an. Das Ausmaß der Fälschungen sei bisher noch unklar.

Relotius war bekannt für sehr aufwändige Reportagen über besondere Menschen, die zugleich politische und gesellschaftliche Probleme beleuchten. Von den Fälschungen betroffen sind laut Spiegel auch mehrere seiner preisgekrönten Erzählungen, darunter die Reportage "Löwenjungen" über zwei angeblich von der Dschihadistenmiliz IS entführte irakische Kinder und der Text "Nummer 440" über einen vermeintlich im US-Straflager Guantánamo inhaftierten Islamisten. Nach Spiegel-Angaben hat Relotius seinen Vertrag bereits am Montag gekündigt.

Der Spiegel bezeichnete die Vorgänge als Tiefpunkt in seiner 70-jährigen Geschichte. Aufgedeckt wurden die Fälschungen demnach durch einen anderen Mitarbeiter, der mit Relotius gemeinsam eine Geschichte recherchierte und Ungereimtheiten bemerkte. Der Verlag kündigte an, seine Qualitätssicherungs- und Kontrollmechanismen zu überprüfen. Das bisherige System sei "lückenhaft".

Claas Relotius hat in der Zeit von 2010 bis 2012 auch vier Texte für ZEIT ONLINE, einen Artikel für ZEIT WISSEN sowie eine Rezension in unserem Blog Tonträger geschrieben. Die Redaktionen überprüfen derzeit diese Beiträge. Unseren bisherigen Wissensstand dazu finden Sie in unserem Transparenz-Blog Glashaus.