Ein Jahr nach dem tödlichen Messerangriff auf eine 15-Jährige in Kandel erinnert der Ort in Rheinland-Pfalz an das Mädchen. Die evangelische Gemeinde hat die Bürger zum stillen Gedenken in der St. Georgskirche aufgerufen. Es sind keine Reden geplant.

Vor einem Jahr war das Mädchen in einem Drogeriemarkt erstochen worden – von ihrem Ex-Freund, einem vermutlich aus Afghanistan stammenden Flüchtling. Im September entschied das Landgericht Landau, dass der Verdächtige Abdul D. schuldig ist. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er seine damalige Ex-Freundin heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen – in diesem Fall Eifersucht – getötet hat. Die Staatsanwaltschaft ging in Revision, zog diese aber vergangene Woche zurück. Das Urteil ist damit rechtskräftig, der Fall offiziell abgeschlossen.

Unmittelbar nach der Tat wurde bundesweit über Gewalttaten von Flüchtlingen diskutiert. In den Debatten ging es unter anderem um Abschiebungen nach Afghanistan und darüber, ob man das Alter von Geflüchteten medizinisch bestimmen sollte. Der Täter in Kandel war offenbar nicht minderjährig, wie er angegeben hatte.

"Kandel ist überall"

Rechtsgerichtete Demonstranten versuchten, den Fall zum Symbol für Flüchtlingsgewalt zu machen. "Kandel ist überall", trugen rechte Demonstranten auf Transparenten durch die Straßen der Stadt. Viele der Demonstrantinnen und Demonstranten kamen nicht aus Kandel, sondern reisten aus der Ferne an. Zeitweise demonstrierten mehr als 4.000 Menschen – in einer Stadt, die nur rund 9.000 Einwohner hat.

Bei den Demonstrationen des Frauenbündnisses Kandel richtete sich der Protest gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung – und gegen Bürgermeister Volker Poß. Dieser sah sich Drohungen gegen Leib und Leben ausgesetzt. "Alle Welt weiß, wo du wohnst", schrieb ihm jemand per E-Mail. Oder: "Erst Ihre Kinder abschlachten, dann das Weib und Dich als Strafe weiterleben lassen." Denn Poß warnte damals davor, den vermeintlichen Täter schon ohne Prozess öffentlich zu verurteilen.

Es geht nicht mehr um den Fall Kandel

Am Jahrestag der Tat wird in Kandel wieder an den Fall erinnert. Die evangelische Gemeinde und Bürgermeister Poß haben zum stillen Gedenken geladen. Aber auch die rechtspopulistischen Versammlungen gehen weiter. Unter dem Motto "Wir vergessen keine Namen und gedenken, während die Verantwortlichen vergessen wollen" rief das Frauenbündnis Kandel zu einer Veranstaltung auf.

Mittlerweile geht es auf der Facebook-Seite der Organisatorinnen jedoch kaum noch um den Fall in Kandel. Das Frauenbündnis klagt über Altersarmut, islamistischen Terror und fordert einen strikten Grenzschutz. Es beschwert sich über die hohen Spritpreise und ruft zu Solidarität mit den protestierenden Gelbwesten in Frankreich auf. In den Nutzerkommentaren sammeln sich radikale und verschwörungstheoretische Äußerungen.

Der Protest in Kandel wird schwächer. Wie ZEIT ONLINE von der Polizei erfuhr, werden bei der Veranstaltung des Frauenbündnisses etwa 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet.