Die Bilder aus dem kollektiven Gedächtnis sind sofort wieder da. Als die ersten Nachrichten von Schüssen in der Straßburger Innenstadt eintreffen, von Menschen, die in Panik davonlaufen und sich in nahe gelegene Restaurants flüchten, kommt die Erinnerung an die Nacht vor drei Jahren wieder hoch. Damals, am 13. November 2015, zogen Terroristen durch die Straßen von Paris. Sie töteten insgesamt 130 Menschen, die sich gerade zufällig vor Bars und Speiselokalen befanden oder in der Konzerthalle Bataclan feierten.

Aus Straßburg heißt es Minuten nach der ersten Nachricht, der dortige Weihnachtsmarkt sei Ziel gewesen. Der Gedanke an Berlin, an den Breitscheidplatz vor zwei Jahren, ist nah. Zwölf Menschen starben damals, als der Islamist Anis Amri einen Lastwagen in die Menge steuerte. Und wie damals ist dem Täter auch dieses Mal zunächst die Flucht gelungen. Eine Stadt, eine ganze Region ist an diesem Morgen in Angst, auch jenseits der französischen Grenze in Deutschland. Drei Menschen sind tot, neun Menschen schwer und fünf leicht verletzt.

Die Furcht ist zurück seit Dienstagnacht. Einer der Getöteten kam gerade aus einer Bar, wo er einen Ape­ri­tif getrunken hatte. Draußen wollte er auf seine Frau warten. Als es knallte, lief ein Mitarbeiter der Bar nach draußen. "Ich glaubte, dass ein Tisch umgefallen sei", erzählte er dem Radiosender France Info. Er fand den blutüberströmten Mann, der wenige Minuten darauf starb.

Kontrollpunkte in der Stadt

Straßburg ist in dieser Woche besonders streng überwacht. Es ist Sitzungswoche im Europäischen Parlament, das seinen Sitz zwischen Brüssel und der elsässischen Hauptstadt aufgeteilt hat. Hunderte Abgeordnete und ihre Mitarbeiter sind in der Stadt. An zahlreichen Kontrollpunkten werden dann routinemäßig Koffer durchsucht. Autos, die dort nicht gemeldet sind, dürfen nicht ins Zentrum. Wie stets zur Vorweihnachtszeit sind auch zahlreiche Touristen angereist. Der Straßburger Weihnachtsmarkt gehört zu den größten in Europa und ist ein Besuchermagnet.

Die Sicherheitsmaßnahmen waren auch deshalb bereits hoch, weil der Markt schon einmal Ziel von Anschlagsplänen war, im Jahr 2000. Damals wurden sie in letzter Minute verhindert. Seitdem patrouillieren Polizei und Militär jedes Jahr zwischen den Buden. Außerdem gilt in Frankreich zwar nicht mehr der Ausnahmezustand wie zwei Jahre lang nach den Anschlägen vom November 2015. Aber bis zum gestrigen Dienstagabend war immerhin die zweithöchste Sicherheitswarnstufe aktiviert. Das heißt, dass die Behörden besonders wachsam sind. Seit der Nacht gilt höchster Terroralarm.

Und trotzdem konnte es passieren. Wie? Warum? Wie groß ist die aktuelle Gefahr? Die Fragen stellen sich an diesem Morgen nicht nur die Menschen in Straßburg, die überlegen, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken und selbst zur Arbeit gehen sollen. Manche Politiker der Opposition sind schnell in ihren Urteilen über Verfehlungen der französischen Regierung. Doch vieles ist zu dieser Stunde noch völlig ungewiss. Das Motiv des Täters vor allem. War es ein Terroranschlag oder ein Vergeltungsakt, dem auch Unbeteiligte zum Opfer fielen? Der Versuch, sich seiner Verhaftung zu entziehen?

Der Tatverdächtige ist ein polizeibekannter Gefährder

Über den flüchtigen Tatverdächtigen weiß man, dass er 29 Jahre alt ist, ein gebürtiger Straßburger, der wegen mehrerer Straftaten polizeibekannt war. Mehrmals habe er im Gefängnis gesessen, teilen die Sicherheitsbehörden mit, in Frankreich und auch in Deutschland. Noch am Morgen vor der Schießerei sollte er wegen eines Raubüberfalls festgenommen werden. Doch als die Polizei vor seiner Wohnung im Straßburger Südosten eintraf, fand sie den Mann nicht vor. Wohl aber: Sprengstoff. 

Bei seiner Flucht am Dienstagabend soll er angeschossen worden sein. Ein Taxifahrer, den der Täter überwältigte, hat das bestätigt. Später gibt Innenminister Christophe Castaner bekannt: Der Verdächtige ist bei der Polizei als "Fiche S" registriert, als Gefährder der nationalen Sicherheit. Einer von rund 12.000 im Land. In den vergangenen zwei Jahren soll er sich radikalisiert haben.