Es ist kurz vor halb zwei, als in der Kölner Zentralmoschee, einer der größten Moscheen Deutschlands, eine denkwürdige Pressekonferenz zu Ende geht. Die Türkisch-Islamische Union (Ditib) hatte in die Ausstellungshalle gleich neben dem prunkvollen Gotteshaus im Stadtteil Ehrenfeld geladen, um den neu gewählten Vorstand vorzustellen.

Nach anderthalb Stunden endet die seltene Begegnung von Journalisten mit den Chefs des größten muslimischen Verbandes Deutschlands, obwohl noch sehr viele Fragen offen sind. Weitere Nachfragen, O-Töne werde es nicht geben, da schon längst das Mittagsgebet rufe, heißt es. Eilig verschwindet die achtköpfige Delegation. Zurück bleiben Journalisten, die sich verdutzt anschauen, weil sie gar nicht glauben mögen, was sich hier soeben ereignet hat. Einige schütteln die Köpfe, manche lachen ungläubig.

Ein Neuanfang, wurde doch kürzlich noch groß angekündigt. Nach all den Querelen der Vergangenheit blieb den Adressaten gar nichts anderes übrig, als diesen Begriff mit dem Willen zur Öffnung, Transparenz und zum Bekenntnis zur Unabhängigkeit vom türkischen Staat zu assoziieren. Mit all den Forderungen, die seit vielen Jahren an die Ditib von Seiten der Politik, aber auch von einer breiten Öffentlichkeit herangetragen werden. 

Doch der neue Vorsitzende, Kazim Türkmen, hat schnell klargemacht, dass diese Deutung vorschnell war. Neuanfang, das sei nach den turbulenten Jahren in erster Linie die Rückkehr zur theologischen und seelsorgerischen Basisarbeit, die auch aufgrund der überwiegend negativen Berichterstattung sehr gelitten habe. Und Neuanfang sei auch die volle Konzentration auf die Anerkennung als Religionsgemeinschaft und Körperschaft des öffentlichen Rechts, um die sich der Verband seit Langem und bislang vergebens müht. Die Botschaft lautet also: Ditib will seinen Wirkungsgrad erhöhen und seine Macht als größter Player innerhalb der muslimischen Verbände in Deutschland weiter ausbauen.

Zu Beginn der Pressekonferenz, um 12 Uhr, marschiert der neue Vorstand, sechs Männer und satzungskonform zwei Frauen, geschlossen in den Saal, vorbei an den Fotografien des vom Kirchenarchitekten Paul Böhm entworfenen Kuppelbaus und an den Schwarz-Weiß-Bildern aus dem Jahr 1984, als der Verband in Köln gegründet wurde.

Es geht um Größe und Einfluss

Türkmen, Anzug, scharf gescheiteltes Haar und akkurat gestutzter Oberlippenbart, nimmt in der Mitte des Tischensembles Platz. Kurze Vorstellungsrunde, dann verliest der 46 Jahre alte Theologe ein Statement in deutscher Sprache, in dem es vor allem um Größe und Einfluss geht, was mit allerlei Zahlenkolonnen unterfüttert wird: 860 Moscheegemeinden mit 200.000 Mitgliedern. Die Ditib repräsentiere 800.000 Muslime in ganz Deutschland, stelle 1.050 Religionsbeauftragte, die in religiösen Fragen als Autoritäten federführend seien. 320.000 Muslime seien über die Bestattungsabteilung versichert. 2.118 Kinder würden derzeit die für den Nachwuchs erarbeiteten Gemeindeangebote in Anspruch nehmen, Tendenz steigend. Mit ihrem Programm unterstütze die Ditib-Akademie derzeit 34 Master- und acht Promotionsstudenten sowohl materiell als auch ideell. 775 Gruppen mit 30.000 Besuchern seien vergangenes Jahr durch die Kölner Moschee geführt worden. Die Auslegung des Koran und der Sunna sei an Vernunft ausgerichtet und quellenbasiert.

Bund und Länder haben die Kooperation auf Eis gelegt

Die Ditib betrachtet sich als "verantwortungsbewusster Teil der Gesellschaft", der im "Handeln und Denken maßvoll" sein will. Seite um Seite arbeitet sich Türkmen durch das Skript und wirkt dabei so, als würde ein Versicherungsvertreter seine Angebotsbroschüre verlesen.
Dann folgt die Attacke: Vor allem die Medien hätten durch ihre Berichterstattung eine Atmosphäre des "Wir und ihr" geschaffen. Türkmen spricht von falschen Darstellungen, unberechtigten Angriffen, die bei den Muslimen für ein verstärktes Gefühl der Ausgrenzung und des Nichtwillkommenseins gesorgt hätten.

Ja, es habe auch seitens der Ditib Fehler und Versäumnisse gegeben, räumt er ein, ohne sie zu benennen. Aber: "Die Fehler Einzelner wurden auf das Ganze übertragen. Das hat den Muslimen und der gesamten Gesellschaft geschadet." Und doch zeigt er sich im Ansatz reformwillig. Allerdings könne man als größte islamische Religionsgemeinschaft in Deutschland "nicht von heute auf morgen abrupt Strukturen verändern".

Der Verband ist politisch schwer angeschlagen. Bund und Länder haben die Kooperationen wegen der Nähe zum türkischen Staat und zur Regierung um Präsident Erdoğan vielerorts nahezu vollständig auf Eis gelegt. Vor allem das Verhalten der Ditib nach dem Putschversuch 2016 in der Türkei, die Berichte um Bespitzelung von oppositionellen Deutschtürken durch den Verband hatten die Behörden alarmiert. Auch mit der überhasteten Eröffnung der Kölner Zentralmoschee durch Erdoğan im September 2018 hatte die Ditib sowohl die Kölner Stadtspitze als auch die Landesregierung gegen sich aufgebracht. Weder Oberbürgermeisterin Henriette Reker noch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet nahmen an der Veranstaltung teil.

Ahmed Dilek wieder im Vorstand

All diese Verwerfungen scheinen die Ditib kaum zu beeindrucken. Ganz im Gegenteil: Gleich neben Türkmen sitzt sein Stellvertreter Ahmet Dilek, der erneut in den Vorstand gewählt worden ist. Dem Theologen wurde nach dem Putschversuch in der Türkei vorgeworfen, die Bespitzelung von deutsch-türkischen Anhängern des Erdoğan-Erzfeindes Gülen beauftragt zu haben. Auf Nachfrage erwidert Türkmen, dass die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen die 19 Imame später eingestellt habe. "Ditib hat in der Spitzelaffäre alle nötigen Aussagen getätigt, das Thema ist für uns abgeschlossen."

Dennoch lässt die Empörung über die Wahl Dileks nicht lange auf sich warten. "Die Ditib ist mit seinem neuen Vorstand mehr denn je ein verlängerter Arm Erdoğans in Deutschland", poltert Sevim Dağdelen, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag. "Es ist eine bewusste Provokation und Machtdemonstration, dass mit dem Religionsattaché Ahmet Dilek als Vizevorsitzendem ausgerechnet der Chef der Spitzelimame wiedergewählt wurde."

Nicht nur die Personalie Dilek hat gleich zu Beginn des Jahres bei Politikern und Behörden gleichermaßen für Unverständnis gesorgt. In der ersten Januarwoche hatte die Ditib ein Treffen der europäischen Muslime ausgerichtet. Informationen dazu gab es allerdings erst nach Beendigung der dreitägigen Konferenz in der Kölner Zentrale. Geleitet wurde das Treffen von Ali Erbaş, dem Präsidenten der türkischen Religionsbehörde Diyanet und engen Vertrauten Erdoğans, seinem Stellvertreter Selim Argun und Erdal Atalay, dem Generaldirektor für Außenbeziehungen. In der Abschlusserklärung wurde die Gülen-Bewegung mit dem IS und der PKK gleichgesetzt und als Terrororganisation eingestuft. Sie alle seien "Elemente von Wirre, Zwietracht und Anarchie in der islamischen Welt".

Wie später bekannt wurde, waren auch Repräsentanten der radikalen Muslimbrüder geladen. Türkmen, der Nachfragen trotz seiner nach eigener Aussage bereits achtjährigen Tätigkeit in Deutschland nur auf Türkisch beantworten kann, beschwichtigt. Bei der Auswahl der Gäste sei man nach theologischer Expertise und gesellschaftlicher Relevanz vorgegangen. Politik habe dabei keine Rolle gespielt. Außerdem habe man nur die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt. "Veranstalter war die Diyanet", also die türkische Religionsbehörde in Ankara, sagte Türkmen.
Die Diyanet ist jedoch für die Moscheen verantwortlich, die zum Ditib-Verband gehören. Sie entsendet auch die Imame, die in deutschen Moscheen predigen.

Keine Einigung für den Islamunterricht

Für die Zukunft des Verbandes spiele vor allem auch der Islamunterricht in den Schulen eine große Rolle. Doch auch hier knirscht es. Das Misstrauen ist groß. Die hessische Landesregierung etwa hatte den zuständigen Ditib-Landesverband im Herbst aufgefordert, bis Jahresende einen Nachweis für die Unabhängigkeit von Ankara vorzulegen. "Uns haben Unterlagen des Landesverbandes, darunter auch eine Satzungsänderung, erreicht, die wir derzeit fachlich auswerten", erklärte das hessische Kultusministerium auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Allerdings seien die Unterlagen unvollständig. Schon sechs Jahre warte man beispielsweise auf das Mitgliederregister. "Bekommen haben wir es noch immer nicht", sagt Sprecher Philipp Bender. Sollte die Ditib die restlichen Papiere nicht zeitnah liefern und ihre Unabhängigkeit nicht glaubhaft machen können, erwägt die Landesregierung die Aufkündigung der Zusammenarbeit. Das Ministerium jedenfalls suche vorsorglich bereits nach Alternativen.  

Ditib-Chef Türkmen sagt derweil, all diese Streitigkeiten der Vergangenheit wolle man nun ruhen lassen. Es gehe nun um Deeskalation und den Blick in die Zukunft. Im April jedenfalls will der Verband in Köln-Ehrenfeld für alle Bürger ein Straßenfest ausrichten. Am Ende der Pressekonferenz sagt er noch: "Das war eine sehr ergiebige und schöne Veranstaltung."