Millionen Frauen haben in Südindien mit einer Menschenkette erneut für Geschlechtergleichheit demonstriert. Ein Anlass war ein von konservativen Hindus auch nach seiner Abschaffung weiterhin propagiertes Verbot für Frauen im geschlechtsreifen Alter, einen der größten Pilgerorte für Hindus aufzusuchen. Zu dem Tempel verschafften sich derweil zwei Frauen mit Unterstützung der Polizei heimlich Zutritt. Ihre Aktion löste Proteste aus.

Der Sabarimala-Tempel ist einer der heiligsten Tempel der Hindus. Das Oberste Gericht des Landes hatte im vergangenen September nach einem jahrelangen Rechtsstreit das Zutrittsverbot für Frauen zwischen 10 und 50 Jahren zu dem Tempel aufgehoben. Frauenaktivistinnen versuchten seither immer wieder vergeblich, zu dem auf einem Berg gelegenen Schrein für den Gott Ayyappan zu gelangen. Sie wurden jedoch stets von Hindu-Traditionalisten abgehalten. Dabei kam es im Oktober auch zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei, mehr als 2.000 mutmaßliche Randalierer wurden festgenommen. Das Verbot galt während vieler Jahre informell und wurde 1972 zum Gesetz.

Laut der im Bundesstaat Kerala regierenden kommunistischen Partei kamen etwa 5,5 Millionen Frauen für die Proteste für Geschlechtergleichheit zusammen. Die Regierung des Staates hatte dazu aufgerufen, nachdem Demonstranten Frauen am Betreten des Sabarimala-Tempels gehindert hatten. Auch hinduistische Priester hatten gegen den Besuch von Frauen teils gewaltsam protestiert.

Ausschreitungen bei Protesten vor dem Parlament

Am Dienstag hatten die Frauen eine kilometerlange Menschenkette durch Kerala gebildet, um der Forderung nach Zugang zum Tempel Nachdruck zu verleihen. Die Nachricht von den beiden Frauen, denen dies gelang, wurde von der Solidaritätsbewegung begeistert aufgenommen. Sie hatten kurz vor Sonnenaufgang unter Polizeischutz den Tempel aufgesucht. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie die beiden Frauen, Kanaka Durga und Bindu, in schwarzen Gewändern mit gesenkten Köpfen in den Tempel eilen. Sie seien nicht über die "18 heiligen Stufen" zu dem Tempel gelangt, sondern über den Personalzugang, berichteten sie anschließend. Kurz nach Bekanntwerden der Aktion ordnete der oberste Priester die Schließung des Tempels an, um ein "Reinigungsritual" vorzunehmen. Nach einer Stunde wurde er wieder geöffnet.

Auch am Mittwoch gab es wieder Proteste gegen die Aktion der Frauen. Vor dem Parlament in Keralas Hauptstadt Thiruvananthapuram kam es zu gewalttätigen Zusammenstöße. Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und Blendgranaten gegen die Demonstrierenden ein. Auch aus anderen Städten des Bundesstaats wurden Proteste gemeldet. Erzkonservative Hindus kritisierten die Unterstützung der Behörden für die Frauen.

Gegen die Entscheidung des Obersten Gerichts legten zahlreiche konservative Hindu-Bewegungen sowie die hinduistisch-nationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP) von Regierungschef Narendra Modi Widerspruch ein. Sie fechten das Urteil mit der Begründung an, es ignoriere die traditionelle Überzeugung, wonach Ayyappan im Zölibat lebte. Für den 22. Januar 2019 ist eine Gerichtsanhörung der Urteilsgegner vorgesehen.

Die BJP warf der linksgerichteten Regionalregierung in Kerala vor, mit polizeilichen Maßnahmen gegen die Tempelblockierer gläubige Hindus zu "unterdrücken". Modi hofft, bei den nationalen Wahlen im Mai eine zweite Amtszeit zu erringen. Wie die Verluste der BJP bei den jüngsten Regionalwahlen gezeigt haben, sind Modi und die BJP vor allem unter der bäuerlichen Landbevölkerung nicht mehr populär. Beobachter in Neu-Delhi gehen deshalb davon aus, dass die Hindu-Fundamentalisten in den Reihen der BJP im Wahlkampf verstärkt in Erscheinung treten werden.